Das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, war auf Sizilien nie einfacher zu haben als derzeit. Denn neuerdings kann man auf der Insel Urlaub machen, ohne dabei ungewollt die Mafia zu unterstützen. Mithilfe des von der Organisation Addiopizzo (zu Deutsch: Lebe wohl, Schutzgeld) herausgegebenen „Führers für den kritischen Konsumenten“ könnte das Geld der Touristen jetzt dort ankommen, wo es ankommen soll: in der legalen Wirtschaft. In einer Region, in der noch immer rund 80 Prozent der Unternehmer Alimente an einen Schattenstaat zahlen, keine Selbstverständlichkeit.

Die Mitte Mai erschienene neueste Ausgabe des Konsumführers enthält 380 Adressen von Unternehmen, die sich weigern, den pizzo, das Schutzgeld, an die Cosa Nostra zu zahlen. Hotels, Restaurants und Boutiquen in Palermo sind darin zu finden, aber auch Unterkünfte wie der Ferienhof Portella della Ginestra in der Nähe der ehemaligen Mafiahochburg San Giuseppe Jato. Der einstige Besitz des Mafiabosses Giovanni Brusca wurde nach dessen Verhaftung vom Staat konfisziert und einer Kooperative überschrieben. Nun kehren dort statt der Mafiosi die Touristen ein. Das 47 Seiten dicke Adressheft trifft die Mafia also genau dort, wo es sie am meisten schmerzt: bei Geld und Grundbesitz. Mithin: bei der Ehre.

Doch wer mit weißer Weste reisen will, sei gewarnt. Luxus sollte der Anti-Mafia-Tourist besser nicht erwarten. Es könnte sein, dass im Ferienhof die Klimaanlage ausfällt, weil draußen Blitz und Donner toben. Möglich auch, dass die Dusche sich am Morgen weigert, warmes Wasser auf den frierenden Gast mit den guten Absichten regnen zu lassen. Und auch die Geschichten, die man ihm beim Besuch an Orten mafioser Kapitalverbrechen erzählt, werden ihn schaudern lassen. Wer sich aber darauf einlässt, erfährt auf einer Anti-Mafia-Reise nicht nur aus erster Hand, wie Revolution gemacht wird. Er erfährt auch, welchen Preis Zivilcourage auf Sizilien hat.

Eine Ahnung davon bekommt der Reisende bereits bei seiner Ankunft am Flughafen Falcone Borsellino. Palermos Airport trägt den Namen der beiden Staatsanwälte, die 1992 von der Mafia ermordet wurden, weil sie der Cosa Nostra mit ihren Ermittlungen empfindlich nahe gekommen waren. Zwei rote Stelen an der Autobahn in Höhe der Ortschaft Capaci erinnern daran. Sie markieren die Stelle, an der Giovanni Falcone vor 17 Jahren in die Luft gesprengt wurde. Wer von hier seinen Blick hinauf in die Berge wendet, erkennt ein weißes Haus. „NO MAFIA“ steht auf der Fassade. Von hier aus zündete Mafiaboss Giovanni Brusca den Sprengsatz fern, den er zuvor in einem Abflussrohr unter der Autobahn platziert hatte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie die Zentrale der Anti-Schutzgeld-Organisation versucht sich gegen die Mafia zu stemmen und Geschäftsleute bei deren eigenem Kampf unterstützt.Was die Mafia nicht wegbomben konnte, war das Vermächtnis Giovanni Falcones. Sauber gerahmt, hängt es in der Geschäftsstelle von Addiopizzo. Zwei Sätze, geschrieben in großen, hoffnungsgrünen Lettern: „Die Menschen vergehen, aber ihre Ideen bleiben und setzen ihren Weg auf den Beinen anderer Menschen fort. Jeder Einzelne muss seinen Beitrag dafür leisten, dass in Palermo humanere Lebensbedingungen geschaffen werden.“ Den aktuellen Konsumführer mit Tipps für den Besuch der Erinnerungsorte holt man sich am besten direkt in der Zentrale der Anti-Schutzgeld-Organisation ab. Das Büro befindet sich außerhalb der Altstadt in einem gewöhnlichen Wohnhaus in der Via Alcide De Gasperi 53. Bis vor Kurzem war in der Dreizimmerwohnung noch eine Anwaltskanzlei untergebracht, die Mandanten wie den 2006 inhaftierten Mafiaboss Bernardo Provenzano betreute.

Von dem bürgerlichen Charme, der hier einmal geherrscht haben muss, zeugt noch das altrosa Badezimmer. Sonst sieht es aus wie in einem Asta-Büro. Möbel und Lampen sind zusammengesucht, Vorhänge, Teppiche, Tapeten gibt es nicht. An den kalkweißen Wänden des ehemaligen Salons hängen statt Ölgemälden jetzt Zeitungsartikel und Fotos ermordeter Anti-Mafia-Kämpfer. Nebenan sitzt Sekretärin Silvia Pellegrino, die einzige Festangestellte. Alle anderen engagieren sich ehrenamtlich. Derzeit sind es vierzig Freiwillige, die Sizilien vom Joch der Mafia befreien wollen. Ein Anti-Mafia-Fest muss vorbereitet, Schulprojekte müssen vorangetrieben werden.

Am liebsten aber beantworten die Mitarbeiter die Anfragen von Geschäftsleuten, die um Unterstützung bitten bei ihrem Vorhaben, Anzeige gegen ihre Erpresser zu erstatten. Die es nicht mehr aushalten, dass sie regelmäßig um eine „Spende“ für das Fest irgendeines Heiligen gebeten werden oder einfach nur darum, „die Dinge zu regeln“, wie es in der Sprache der Mafia heißt. Die es satt haben, dass man ihnen wieder das Schloss ihres Ladens verklebt hat – unmissverständliche Aufforderung, offene Rechnungen zu begleichen. Die es schlicht für illegal halten, einen Staat zu finanzieren, den es dem Gesetz nach nicht geben dürfte. Vittorio Greco, im Hauptberuf Philosophielehrer, bereitet an diesem Vormittag ein Treffen mit den neuen Aspiranten vor. Verfalle nur keiner auf die Idee, ihm bei dieser Gelegenheit vorzurechnen, dass bei 90 000 Unternehmen 380 Verweigerer nicht mehr bedeuteten als ein Mückenstich auf der Haut eines Elefanten. In solchen Fällen antwortet man bei Addiopizzo mit einem Gandhi-Zitat: „Nur wer so verrückt ist zu glauben, er könne die Welt verändern, wird sie am Ende wirklich verändern.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Restaurantbesitzer Vincenzo Conticello als Schlüsselfigur im Kampf gegen die Mafia gilt und wo Sie als Tourist politisch korrekt essen und einkaufen können.Als Anti-Mafia-Tourist kann man seinen Beitrag dazu leisten. Zum Beispiel bei der Wahl des Restaurants. Dank der Konsumliste von Addiopizzo ist selbst Genuss eine politisch saubere Angelegenheit geworden. Bestes Beispiel ist die „Antica Focacceria San Francesco“ in der Via Paternostro 58. Restaurantbesitzer Vincenzo Conticello gilt als Schlüsselfigur im Kampf der Unternehmer für eine mafiafreie Wirtschaft. Der 49-Jährige war der Erste, der den Mut aufbrachte, die Mission seines 1991 von der Cosa Nostra ermordeten Kollegen Libero Grassi fortzusetzen. Auch Conticello sagte vor Gericht als Zeuge gegen seine Schutzgelderpresser aus. Und wie der Textilunternehmer Grassi sorgt auch Conticello für medienwirksame Öffentlichkeit. Vor seinem Restaurant veranstaltet er regelmäßig Anti-Mafia-Feste, das letzte „Fest der Legalität“ fand Mitte April statt.

An diesem Morgen hat sich vor der „Antica Focacceria“ ein Filmteam versammelt. Neben Sängerin Aida Satta Flores warten drei Jongleure, ein Clown auf Stelzen und ein Feuerschlucker auf ihren Einsatz. Drinnen schneidet derweil ein Mitarbeiter die Milz von Kälbern in Streifen. Später werden sie in den berühmten Milzbrötchen landen, die hier seit 1834 angeboten werden. Doch die heiter-gelassene Szenerie täuscht. Während vor seiner Focacceria Feuerbälle in die Luft gespuckt werden, muss sich Conticello außerhalb von Palermo in Sicherheit bringen. Am Tag nach dem „Fest der Legalität“ hatte er eine anonyme Morddrohung erhalten. Als das Filmteam abgezogen ist, nehmen wieder zwei Carabinieri ihren Platz vor der „Antica Focacceria“ ein. Seit seiner Zeugenaussage stehen Conticello und sein Restaurant unter Polizeischutz.

Wer jetzt als Anti-Mafia-Tourist den Wunsch verspürt, seiner politischen Haltung auch modisch Ausdruck zu verleihen, sollte sich aufmachen in die Via dell’Orologio 25. In einer engen palermischen Altstadtgasse befindet sich La Coppola Storta. Zu Deutsch: Die schiefe Kappe. In dem kleinen Ladengeschäft unweit des Teatro Massimo werden Schirmmützen verkauft, wie sie für Sizilien typisch sind. Lange Zeit wurden sie allerdings nur von Männern der ehrenwerten Gesellschaft getragen. Dann kam Guido Agnello, raubte ihnen ihr Markenzeichen und verkehrte es in sein Gegenteil. Dank seiner Tochter Tindara, die unentwegt neue Designs für die kecke Kappe entwirft, ist die Coppola zum Symbol der Generation Anti-Mafia geworden. Gefertigt werden die Kopfbedeckungen 30 Kilometer südlich von Palermo, in San Giuseppe Jato. Das gesichtslose 9000-Einwohner-Dorf ist die Heimat des Falcone-Mörders Giovanni Brusca; des Mannes, der den elfjährigen Giuseppe Di Matteo, Sohn eines Kronzeugen, 779 Tage in einer abgelegenen Baracke gefangen hielt, ihn schließlich erdrosselte und dann in Salzsäure auflöste; des Mannes, der nach seiner Festnahme gestand, „mehr als hundert, aber sicherlich weniger als zweihundert“ Menschen getötet zu haben. Seine Familie lebt bis heute im Dorf.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Arbeitsplätze ein wichtiges Standbein für die Bewohner sind, um unabhängig zu werden und warum 384 Mal Hoffnung immer noch besser ist als gar keine.Dass Guido Agnello ausgerechnet dieses Provinznest als Produktionsstätte wählte, ist kein Zufall. Mit seiner Nähwerkstatt wollte er die Vision eines anderen Siziliens in San Giuseppe Jato verankern. Im Kampf gegen die Mafia setzt Agnello nämlich eine Waffe ein, die auf Sizilien so kostbar geworden ist wie ein Rohdiamant: Arbeitsplätze. Denn wer sich und seine Familie mit seiner Arbeit ernähren kann, ist nicht länger auf Gegengeschäfte mit der Mafia angewiesen. Zehn Frauen beschäftigt Agnello in seiner kleinen Näherei, weitere 50 fertigen die Coppola in Heimarbeit. Auch Francesco Galante will Sizilien aus seiner Agonie befreien. Der 27-Jährige ist einer von drei Gesellschaftern der beiden Kooperativen Placido Rizzotto und Pio La Torre. Zusammen mit 40 Mitarbeitern bewirtschaften sie 300 Hektar konfisziertes Mafialand zwischen den einstigen Mafiahochburgen San Giuseppe Jato und Corleone. „Weil Landbesitz für die Mafia gleichbedeutend ist mit Macht, ist die Konfiszierung ihrer Ländereien ein derber Schlag für die Cosa Nostra und ihr Ansehen“, sagt Francesco Galante, in dessen Büro eine regenbogenfarbene Friedensfahne hängt. Er kann sich noch gut an die erste Zeit erinnern, als Felder in Brand gesteckt wurden, ein Traktor gestohlen wurde und es aussichtslos schien, Arbeiter zu finden. „Aber die Mentalität ändert sich“, sagt Galante. „Die Leute haben begriffen, dass wir Arbeitsplätze schaffen, ordentlich bezahlen und anständig versichern.“

Wie groß die Skepsis der Bewohner von San Giuseppe Jato gegenüber den neuen Herren hingegen noch immer sein muss, lässt sich gut an dem zur Kooperative Placido Rizzotto gehörenden Ferienhof ablesen. Der einsam im Jato-Tal gelegene Landgasthof ist ein beliebtes Ausflugsziel von Schulklassen und Feriendomizil für Touristen aus aller Welt. Manche kommen wegen des Thrills, andere wegen der schroffen Schönheit der Berge. Die Palermer aber kommen wegen der guten Küche. Küchenchef Emiliano Rocchi, eigentlich ein Römer, ist ein Koch von Gottes Gnaden. Was auch damit zusammenhängt, dass Wein, Gemüse und Pasta aus eigenem biologischen und mafiafreien Anbau stammen. Nur die Bewohner von San Giuseppe Jato wollen nichts von seinen Kochkünsten wissen. „Sie kommen nicht, weil es noch den Respekt gegenüber der Familie Brusca gibt“, sagt Annalisa Di Matteo, Emilianos Frau, als sie am Abend den Kürbisrisotto serviert. „Bei uns zu essen bedeutet, dem alten System keinen Respekt mehr entgegenzubringen.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Sie nennen es zwar Respekt, das wahre Motiv ist aber Angst.“ Dreißig Kilometer weiter nördlich überwindet man diese Angst immer häufiger – auch dank der kaufkräftigen Unterstützung von Touristen. In Palermo haben sich kürzlich vier weitere Geschäftsleute dazu entschlossen, die Schutzgeldzahlungen einzustellen. Macht nun zusammen 384 Mal Hoffnung.
Maren Preiß