Mein Tag startet heute etwas später und zwar bei Kilian Kerner backstage. Interessant zu sehen, wie wuselig alle eine Stunde vor dem großen Augenblick sind. Die Anziehhilfen – für jedes Model eine – stehen schon bereit. Der sympathische Starfriseur André Märtens kümmert sich gerade neben Kilians Models auch um den perfekten Frisurenhalt der Models der darauf folgenden Show Designer for Tomorrow (DfT). Die Models haben noch Glätt-Papier im Haar, letzte Stoffe werden aufgebügelt, Kilian lächelt zwar, wirkt aber gänzlich angespannt. Nicht mehr lange…

Vor der Show ist nach der Show ist vor der Show. Äh, jedenfalls schaue ich mir die Show dann doch lieber von vorne, also ganz normal wie immer an. Der Catwalk ist von Villeroy & Boch gesponsert, daher gibt es elegante Fliesen statt des normalen Laufstegs. Direkt vorne dabei: Natascha Ochsenknecht (die zu spät kam, dennoch aber ihren Platz in der ersten Reihe einforderte, weshalb Edsor Kronen seinen Sitz räumen musste), Matthias Schweighöfer, Maike von Bremen, Joko von MTV. Mit seiner Kollektion „Tagebucheinträge“ beweist uns der Jungdesigner einmal mehr, dass er aus seinen Jungdesignerschuhen eigentlich schon rausgewachsen ist. Vor allem seine Damenkollektion zeigt fließende, zarte Cocktail- wie Abendkleider in bronze, gold (Gold scheint im Sommer 2010 zu DEN Farben zu zählen) und anderen sinnlichen Farben. Diesmal laufen die Models nicht zu Splinter X-Musik, sondern zu Klängen vom Geschwisterpaar More/La/Peach. Die Männer tragen Bundfalten an der Hose hinten, Bermudas (das kommt im Sommer hoffentlich nur für Männer mit schönen Beinen in Frage), sehr viele Knöpfe, Kapuze am Hemd – alles in allem vielleicht auf den Blick erstmal eher gewöhnungsbedürftig. Wie auch der Schmuck, der aus der Hamburger Schmiede von Elf Craft stammt. Sehr hübsch anzusehen waren die Taschen und Gürtel, die Kerner gemeinsam mit Anja Bruhn kreierte. Alles in allem eine aufwendige und sehr runde Sache.

Dann durfte der Designnachwuchs zeigen. Der Designer for Tomorrow-Award von Peek & Cloppenburg geht in seine zweite Runde. Wir sehen acht verschiedene Kollektionen. In der Jury sitzt auch Viktoria Strehle. Wir sehen kurze Filmchen über die Designer und überflüssiges Moderatorengebabbel von Annabelle Mandeng. Aber was der Designnachwuchs zeigt, kann sich echt sehen lassen. Ganz eigensinning, ganz offensichtlich inspiriert von Science-Fiction-Filmen waren die Teile von Sasa Kovacevic von der Kunsthochschule Weißensee. Ganz bezaubernd auch der fCape-Style mit ganz besonderen Drappierungen von Chantal Margiotta. Aber eigentlich war schon fast klar, dass Sam Frenzel gewinnen würde, weil seine Kreationen einfach so angenehm innovativ waren. Sam Frenzel möchte einfach Lieblingsstücke entwerfen, die die Trägerin nicht mehr hergeben möchte, steht in der Beschreibung über seine Arbeit. Das ist ihm gelungen. Sympathisch auch, wie er in der Dankesrede seiner Mama dankt. Gratulation. Für ein halbes Jahr gehört er nun Peek & Cloppenburg, wie es so schön formuliert wurde.

Bei Smeilinener geht es nur um eines: Vive La Fête. Bunt, bunter, Mischa Woestes Kleider. Schließlich sollen nicht einfach Klamotten gezeigt werden, sondern Geschmeide, das sich einfach nicht in eine Kategorie packen lässt. Undefinierbar. Exotisch. Fröhlich. Mutig. Innovativ. Exzentrisch. Dazu passend schmettern Vive La Fête – genau, die dreiköpfige französische Band heißt zufälliger Weise auch so – ihre punkig-elektronischen Songs. Hätten wir nicht nahezu in der Band gesessen, wäre die Musik sicher auch schön gewesen.

Leider konnte ich mir Guido Maria Kretschmers wunderschönen Abendkleider aus der Kollektion „Shiver“ nicht anschauen. Zu eng lag die Show mit Michalskys Show im Friedrichstadtpalast zusammen. Aber ich habe mir sagen lassen, dass ich was verpasst habe.

Der Friedrichstadtpalast kann ja per se schon durch seine Pracht imponieren. Aber was Michael Michalsky sich für seine Show hat einfallen lassen, hat dem Ganzen das Sahnehäubchen aufgesetzt. Das Bühnenbild, eine nachgebaute Stadt mit integriertem Wasser, war einfach beeindruckend. Und auch seine Kreationen konnten sich diesmal durchaus sehen lassen. Michalsky setzt für den Sommer 2010 auf die Farben beige, weiß und gold und auf grafische Schwarz-Weiß-Prints. Weg vom Proll-Look. Der urban-sportive Stil dringt hier und da durch, aber an sich entwirft Michalsky eine sehr ansehnliche Form der Elegance. Für mich seine bisher beste Show!
Die Aftershowparty im Foyer des Friedrichstadtpalasts war nett. Viele der Promis zog es aber natürlich gleich wieder weg. Nicht so spektakulär also. Diesmal punktete Michalsky eben einfach mit seiner Show und nicht mit der Aftershow.

Wir schauten noch kurz im Karlsson Penthouse am Gendarmenmarkt vorbei, wo Guido Maria Kretschmer seine Aftershow über den historischen Dächern der Stadt feierte. Ein großartiger Blick! Perfekt, um den Tag bei Cranberrysaft! ausklingen zu lassen …