Berlin
Meine Reiseplanung ist sehr einfach: Ich stelle mich vor die Weltkarte in meinem Zimmer und messe die Strecke zwischen Berlin und Nairobi ab. Für zwei Fingerbreiten kalkuliere ich einen Reisetag, so komme ich auf 27 Tage. Zwei Monate habe ich Zeit. Meine Kalkulation lässt mir also genug Freiraum, um mich in der Fremde umzusehen und zu entspannen. Ich kaufe noch die nötigen Visa für Syrien und Sudan. Dann fahre ich los. Mit dem Zug.

In Wien
Ich besuche einen alten Schulfreund. Er war noch niemals in Afrika, trotzdem hängt in seiner Wohnung eine große Westermann-Wirtschaftskarte des Schwarzen Kontinents. Man erkennt darauf, dass es zwischen Indischem Ozean im Osten und Atlantik im Westen kaum Straßen und Eisenbahnverbindungen gibt. Die Infrastruktur reicht von den Kosten meist nur wenige hundert Kilometer landeinwärts. Am Ende dieser Transportwege sind Symbole eingezeichnet, die Minen oder Förderanlagen markieren. Auf der Landkarte meines Freundes gleicht Afrika einem großen Herzen, in das Tentakel wachsen, die den Kontinent aussaugen.

Über Budapest nach Belgrad
Weil ich nicht weiß, wo ich in Budapest übernachten könnte, vertraue ich mich einer der Touristenführerinnen an, die eine Stunde vor Ankunft durch den Zug laufen und den Passagieren Unterkünfte anbieten. Die junge Frau ist sehr hübsch und sagt, sie werde mich auf dem Bahnsteig abholen und zu einem Hotel-Shuttle bringen. Von Vorfreude erfüllt, steige ich aus dem Zug. Der Bahnsteig ist voll von Menschen, die ankommen, losfahren, weiterreisen. Es herrscht Chaos. Die junge Frau finde ich nicht. Stattdessen unterhalte ich mich mit irgendwelchen anderen Reisenden – und vergesse im Zug meine Gitarre. Das Instrument war nicht wertvoll. Auch den Verlust der 300 Euro, die ich in ihrer Hülle versteckt hatte, verschmerze ich. Aber ich werfe mir vor, dass ich meine Gitarre – und damit den Wunsch, sie zu spielen – vernachlässigt habe. Ich bin als Gitarrist nicht ernst zu nehmen. Dieses Gefühl werde ich nicht mehr los. Weder Buda noch Pest, die zwei Stadthälften auf beiden Seiten der Donau, können meine Freundschaft noch gewinnen. Erst auf der Fahrt nach Belgrad hebt sich meine Stimmung wieder. Ich treffe Tico aus Costa Rica. Zusammen suchen wir uns eine Herberge und erkunden die Stadt. Ihre Bewohner müssen sie lieben, denke ich, als wir die lebhafte Fußgängerzone entlangschlendern. Sie haben ihre Stadt zu ihrem Zuhause gemacht. In einem Park sind Grüppchen alter Männer über Schachbretter gebeugt, andere füttern Tauben und unzählige junge wie alte Liebespärchen sitzen zwischen spielenden Kindern auf den Bänken. Am Abend gehen wir aus und treffen junge Belgrader. Ich frage sie nach dem Hochhaus mit dem riesigen schwarzen Loch, an dem wir vorbeigekommen sind. Nach den zerbombten Fassaden, den immer noch sichtbaren Wunden der Stadt – ob der Jugoslawienkrieg sehr schlimm gewesen sei. Nicht so schlimm, antworten sie. Sie hätten ständig schulfrei gehabt und viel gefeiert. Das klingt so normal, als ob man ein Leben im Extrem überhaupt nicht wahrnimmt, solange man es selbst führen muss. Zum ersten Mal auf meiner Reise bedauere ich, nicht länger bleiben zu können.

Sofia
Ich besuche die Hochzeit eines Freundes, für die ich sogar gute Schuhe in meinen Rucksack gepackt habe. Es wird ein lustiges Fest, und ich denke darüber nach, wie es wäre, selbst zu heiraten – um dabei meine Freunde aus allen Kontinenten einander vorzustellen. Ich lerne ein muslimisches Ehepaar aus England kennen, mit dem ich auf langen Spaziergängen durch die Stadt die vielen hübschen Statuen und Skulpturen bewundere. Wir unterhalten uns über Religion, und die beiden laden mich in die zentrale Moschee ein, in der sie mir bedeutsame Inschriften erklären. Ich bin noch nie in einer Moschee gewesen und habe nicht gewusst, dass man – ohne Schuhe – genauso einfach hinein- und hinauslaufen kann wie in Kirchen. Meine neuen Freunde geben mir den weisen Rat, den falschen Respekt vor dem Fremden aufzugeben und die Moscheen, an denen ich auf meiner Reise vorbeikomme, als Orte der Ruhe und Erholung zu nutzen.
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Das Tor nach Asien
Istanbul wird zur Durchgangsstation. Obwohl mir die Stadt sehr gefüllt, will ich endlich nach Asien. In Buchläden suche ich verzweifelt nach Straßenkarten der Türkei, bis mir ein Verkäufer erklärt, dass sie nicht verkauft würden, da in den meisten Karten die Kurdengebiete kenntlich gemacht seien. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, bin aber ein wenig beschämt, die politischen Zustände in der Türkei nicht besser zu kennen – und auch nicht kennenlernen zu können. Nach nur zwei Tagen reise ich mit zwei Landsleuten weiter nach Adana, der fünftgrößten Stadt der Türkei. Sie liegt ganz im Süden des Landes, zwischen Taurusgebirge und Mittelmeer. Meine Begleiter wollen über Syrien in den Libanon und sind sehr gut vorbereitet. Unter anderem besitzen sie mehrere Exemplare der berühmten Reisebibel „Lonely Planet“. Ich dagegen bevorzuge eine gute Karte, um mich zu orientieren. Denn in diesen sogenannten „Traveler’s Handbooks“ stehen so viele Details, dass ich nach der Lektüre genauso wenig weiß wie davor, für welchen Weg ich mich entscheiden soll. Meine beiden Mitreisenden aber haben genau studiert, wo in Adana die Busse nach Syrien abfahren, und ich halte mich einfach an sie. Wir verlassen die Stadt nur eine Stunde nach unserer Ankunft und erreichen mitten in der Nacht einen verlassenen Busbahnhof an der türkisch-syrischen Grenze. Die beiden Kameraden machen es sich mit Isoliermatte und Schlafsack bequem. Ich habe diese Dinge nicht – die eigentlich unverzichtbaren Insignien des modernen Abenteuerreisenden – und liege etwas hart und kalt, bin aber so müde, dass ich sehr schnell einschlafe. Am nächsten Morgen besteigen wir den Bus nach Damaskus. In Syrien empfängt man uns mit herzlichen Grüßen, doch mit umso strengeren Gepäckkontrollen.

Im Nahen Osten
Im Nahen Osten In Damaskus verlasse ich mich auf das Urteil einer jungen Finnin, und wir wohnen in einer schönen Herberge. Man hat den Eindruck, in einem morgenländischen Herrenhaus zu logieren. Ich bleibe ein paar Tage. Einmal beschwert sich ein Neuankömmling bei der Rezeptionistin: Der von ihr genannte Übernachtungspreis könne nicht stimmen: In seinem Reiseführer sei er viel niedriger angegeben! Ich stehe der jungen Frau zur Seite, mit einem Hinweis auf die Zeiten, die sich zu ändern pflegen, und gewinne ihre Freundschaft. Fortan nimmt sie sich viel Zeit, wann auch immer ich sie etwas frage. Unter anderem erklärt sie mir den Weg zur Post, denn ich will die Hochzeitskleidung loswerden, die ich seit Sofia mit mir herumtrage. Und meiner Mutter ein paar Gewürze schicken. Ich bin verblüfft, als ich erfahre, dass ich mein Paket vor den Augen der Postbeamten schnüren muss. So lerne ich einen Polizeistaat hautnah kennen. Von nun an sieht das Lächeln des Präsidenten, der auf unzähligen Plakaten seinen Bürgern entgegenblickt, aus wie eine Fratze. Wie ungleich offener und freier wirkt dagegen Amman, die Hauptstadt Jordaniens. Es gibt dort unzählige Internetcafés und Straßenhändler, die mit den DVDs der neuesten Hollywood filme handeln. Ich bleibe nur eine Nacht, versuche aber, ein paar Schritte über das Tote Meer zu gehen. In den Tempeln und Höhlen der Felsenstadt Petra verstecke ich mich vor den Händlern, die mir ihre Teppiche andrehen wollen.
Christopher Wollin