Neue Helden der britischen Arbeiterklasse
An Glasvegas ist alles ein bisschen extremer. Die episch-verträumten Melodien und breiten Klangwände. Die dunklen Texte über zerbrochene Familien, Alltagsgewalt und tiefsten Herzschmerz. Die Haartolle ihres Sängers James Allan. Und vor allem sein starker schottischer Akzent. Selbst Briten sind bewegt, wenn sie Glasvegas hören, der schottischen Färbung zum Trotz. Jared Followill, Bassist der US-Band Kings Of Leon, brachte es auf den Punkt: „Ich kann nicht immer verstehen, was Allan da singt, aber die Musik gibt seinen Lauten Bedeutung.“

Diese „Laute“ sind Worte, die James Allan in der Isolation der Arbeitslosigkeit aufschrieb. Zeilen, die durch seine Glasgower Mundart lebendig werden und ihn sprachlich abermals ein Stück vom Rest der Welt isolieren. Den gut gemeinten Ratschlag findiger Produzenten, ihre Songs international verständlich einzusingen, lehnten Glasvegas ab. „Ich lüge nicht“, sagt Sänger Allan. „Ich kenne Musiker, die mit einem amerikanischen Akzent singen. Ich könnte nicht mehr schlafen, würde ich das tun.“ Mit seiner schwarzen Ray-Ban-Brille sieht er aus, als wäre er einem Rockabilly-B-Movie entsprungen.

Video-Tipp: „Daddy’s Gone“ von Glasvegas

Glasvegas stammen aus dem Arbeiterviertel Dalmarnock im östlichen Teil der schottischen Metropole. Wer dort Gitarre spielt, gilt schon als Exzentriker. „Ich kannte niemanden, der Musik macht“, so der 28-Jährige. „Als Schüler habe ich mir auch nie Platten gekauft. Die meiste Musik fand ich langweilig, für mich gab es nur Fußball.“ Das änderte sich, als ihn sein Cousin Rab (Lead-Gitarrist von Glasvegas) an Elvis Presley und die Songs der Gallagher-Brüder heranführte. „Oasis gaben mir das Gefühl, dass auch ich ein Stadion füllen könnte – auch wenn ich damals noch nie eine Gitarre in der Hand gehalten hatte.“

Das war für James Allan der Ansporn, 2001 mit drei Freunden eine Band zu gründen. Bereits ihre Debüt-Single „Daddy’s Gone“ rief die richtigen Fans auf den Plan: Ausgerechnet Lisa Marie Presley hörte den nostalgisch anmutenden Song bei Myspace, nahm Glasvegas als „Top-Freunde“ auf ihre Seite und drängte auf ein Treffen in Edinburgh. „Mit der Tochter unseres größten Musikidols über einen Song zu sprechen, den ich in meinem Schlafzimmer aufnahm, lässt die Welt ziemlich klein erscheinen“, bemerkt Allan.

Wie The Smiths in den Achtzigern und Oasis in den Neunzigern sind Glasvegas auf dem besten Wege, zu Helden der britischen Arbeiterklasse aufzusteigen. Das passende Credo hat Allan bereits parat: „Als Band haben wir etwas erreicht, wenn wir Kids aus unserer Gegend ermutigen können, sich kreativ auszudrücken.“ Natürlich mit schottischem Akzent. Das versteht sich von selbst.