Ich kann wohl charmant sein und aufmerksam.An guten Tagen bin ich auch unterhaltsam oder stelle zumindest unterhaltsame Fragen. Aber verführen? Zum Beispiel meine Verabredung mit Ines, der wunderbaren Kunststudentin.

Wir hatten uns vor einem halben Jahr auf Romans Geburtstag kennen gelernt und waren uns ein paar Mal im Nachtleben begegnet. Am vorigen Wochenende standen wir plötzlich in der knallvollen Szenebar, ich mit Roman im Schlepptau, sie mit zwei Freundinnen.

Irgendwann war ein Sofa frei. Irgendwann zog sich Roman dezent zurück – er weiß, wann seine Stunde schlägt. Irgendwann waren auch ihre Freundinnen weg. Es war drei Uhr morgens, und ich hörte ihr hingebungsvoll zu. Sie setzte mir auseinander, warum Performance-Re-Enactment ein Holzweg in der Off-Kunst sei. Ich hatte keine Ahnung,wovon sie sprach, war aber ganz berückt von ihrer Leidenschaft und längst über beide Ohren verliebt. Wie gern hätte ich mich von ihr verführen lassen! Nur ein, zwei Berührungen, ein zufällig gemeinsamer Heimweg, ein bisschen Lachen, ein bisschen in den Arm nehmen: Ich war bereit. Stattdessen? Nichts passierte.

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Für meinen Freund Roman war die Situation offensichtlich:Wir seien doch einander verfallen gewesen, das hätte doch ein Blinder gesehen, erklärte er mir andertags am Telefon. „Und warum hat sie mir dann ständig von ihrer bevorstehenden Klausur erzählt?“, fragte ich ihn. „Und dass es eigentlich Wahnsinn sei, hier die Nacht mit mir durchzutrinken?“

Ja, so war’s: Da saß ich frühmorgens in Hamburgs meistverrauchter Bar mit der wunderbarsten Frau des Universums und machte mir ihren Kopf um
ihre Prüfungen. Anstatt mich dem süßen Wahnsinn zu ergeben, der uns ganz unzweifelhaft erfasst hatte. Ich bin wohl ein bisschen zu kompliziert, um mich offenen Auges und aus eigenem Antrieb in ein
Abenteuer zu stürzen. Ich mache mir zu viele Gedanken. Ich brauche eine Verführerin.

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Aber was ist eine Verführerin? Eine, die mich an den Haaren von meiner Bedenkenträgerei wegzerrt? Da fangen die Probleme an. Denn mit Zeitgenossinnen, die nicht lang fackeln und ein pragmatisches Verhältnis zur männlichen Triebgesteuertheit haben, können viele von uns Männern nicht umgehen. Woran das liegt? Wir geben einfach ungern das Heft aus der Hand. „Verführung“, definiert Wikipedia, „bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch, eine Person so zu manipulieren, dass sie etwas tut, was sie eigentlich nicht wollte.“ Und das mögen wir Männer
gar nicht. Wir tun zwar ständig Dinge, die wir eigentlich nicht wollen.

Aber – noch mal Wikipedia – die „gewaltfreie Überwindung von Widerständen zum Erreichen sexueller Befriedigung“ können wir nun wirklich nicht den Frauen überlassen. Die Agentinnen, die sich in den alten James-Bond-Filmen im Negligé auf Satinwäsche räkelten und das Objekt ihrer Begierde an der Krawatte zu sich ranzogen, stammten alle aus dem Reich des Bösen.Natürlich wollen wir verführt werden. Aber es soll verdammt noch mal so aussehen, als seien wir die Verführer gewesen.

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Ja, Ladys, das Verfahren ist so kompliziert,wie wir Männer nun eben mal sind. Deshalb hier ein paar Tipps, wie ihr zum Ziel kommt, ohne dass der Verführungsversuch zur Therapiesitzung wird.

Erster Schritt:
Zeig mir, dass du nur für mich da bist. Nichts ist abtörnender als eine Verabredung, die parallel noch SMS-Chats erledigen muss. Stattdessen: holde Unerreichbarkeit, offensiv ins Spiel gebracht. Beim ersten Anruf machst du dein Handy aus. Das wirkt immer, jedenfalls auf mich. Mach dich ruhig interessant, erzähl mir von all den
Geburtstagspartys, auf die du heute auch noch eingeladen bist, oder von den befreundeten DJs, die später noch auflegen. Aber sag mir auch, dass du auf all das nicht so richtig Lust hast.

Signalisiere mir, dass alles möglich ist, wenn es nur mit mir geschieht.Vielleicht gehen wir nachher am Fluss spazieren, vielleicht betrinken wir uns hemmungslos und ziehen von Bar zu Bar, vielleicht gehen wir zu dir und zünden ein paar Teelichter an. Der Abend gehört uns, und sein Ende ist offen.

Zweiter Schritt:
Sprich mit mir. Ja, ich weiß, Männer gelten als verschlossen, wenn es um Gefühle geht. Aber du kannst mir helfen, wenn du von dir erzählst. Erwähne ruhig deinen Ex-Freund und wie nervig es für dich war, als du dich von ihm getrennt hast. Sag mir lieber nicht, wie schwer es dir fällt, dich zu verlieben und dass du immer so lange brauchst, um „den Richtigen“ zu finden. Denn dann legt sich eine unangenehme Schwere der Verantwortung auf unser Date, und mich beschleichen Fluchtgedanken. Sprich ruhig mit mir über Sex, aber sage nicht: „Sex hat für mich was mit echter Leidenschaft zu tun.“ Heißt das, dass ich gleich wie ein wilder Stier über dich herfallen muss? Auf so was reagieren wir weißen Mitteleuropäern mit Versagensängsten. Sprich lieber von Zärtlichkeit und Kuschelsex.

Dritter Schritt:
Gib mir süße Zeichen. Lehn dich an mich an, wenn du lachst. Fass meinen Arm an, wenn du mir etwas Aufregendes erzählst oder nimm kurz meine Hand. Wenn wir sprechen, komm mir einen Hauch zu nah. Wenn wir die Straßen entlanggehen, zeig mir, dass dir kalt ist und du in den Arm genommen werden möchtest. Falls ich es bis dahin noch immer nicht kapiert habe und es zu einer vorschnellen Verabschiedung zu kommen droht: Küss mich sanft auf den Mund und lass deine Lippen ein paar Zehntelsekunden länger dort
ruhen als nötig.

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Ach so, dann gibt es ja noch den Look. Roman, mein alter Kumpel, behauptet: Wenn eine Frau sexy angezogen ist, sei es um uns geschehen. Das läge am Testosteron, sagt er und konnte mir gleich drei Fetische nennen, bei denen er hundertprozentig schwach wird.

Erstens: ein weißes Hemd, bei dem man ahnt, dass sie keinen BH drunter an hat.
Zweitens: Jacketts mit tiefem Dekoletté.
Und drittens: Wenn aus der Hose ein bisschen Slip herauslugt. Ich konnte nicht wirklich mithalten, aber zwei Sachen fielen mir ein. Ich steh drauf, wenn Frauen im Laufe des Abends ihren Pferdeschwanz lösen. Außerdem habe ich ein (etwas wunderliches) erotisches Verhältnis zu Wollstrumpfhosen.

Ehrlich! Das macht mich ganz wuschig. Man kann daraus auch ein herrlich zielführendes
Spielchen machen: „Was ist dein Fetisch?“ heißt es. Es könnte ja nämlich sein, dass wir uns schon bei dir oder bei mir auf dem Sofa lümmeln, und ich trotzdem noch ein bisschen verstockt bin. Dann spiel doch einfach mit mir.

Jeder von uns muss drei Fetische nennen. Das ist lustig, sexy und heizt uns ein wenig auf. Danach ergibt sich alles von selbst. Und das ist doch das Ziel jeder gelungenen Verführung: Dass sich alles von selbst ergibt.
Evo Hachzug