Unser Floß bahnt sich seinen Weg durch ein Feld Seerosen und überholt eine Entenfamilie. Die Wolkendecke reißt auf, die Blätter der Bäume rauschen im Wind. Jetzt ist das Sonnendeck auf dem Dach der Holzhütte der schönste Platz an Bord. Ole Bemmann von Tom Sawyer Tours steuert das hölzerne Gefährt über den Templiner See in Potsdam. „In vier Tagen schafft man es von hier aus bis an die Müritz“, meint er. Dort an der Mecklenburgischen Seenplatte verleihen er und Geschäftspartner Sven Jacobsohn ebenfalls Flöße, für die man keinen Bootsführerschein benötigt. Vom Boot aus baden, sich von der Sonne trocknen lassen und abends im Schein der Petroleumlampe die Angel ins Wasser halten: Das sind die Highlights einer Kreuzfahrt à la Mark Twain. Um das weit verzweigte Netz an Flussläufen und Seen zu erkunden, lohnt es sich, für mehrere Tage in See zu stechen. In der hölzernen Kajüte lassen sich die Sitzbänke in ein Bett für bis zu vier Personen verwandeln – gekocht wird mit einem Gaskocher. Bei einer Reisegeschwindigkeit von höchstens sechs Kilometer pro Stunde dauert es nicht lang, bis sich die innere Uhr auf Urlaub und Entspannung einstellt.

Wiederentdeckt: Deutschland
Freiheit und Abenteuer: Um das zu erleben, muss man sich nicht ohne Kompass durch das Amazonasgebiet schlagen oder barfuß die Anden überqueren. In andere Welten eintauchen, ohne weit zu fahren, dazu gibt es in Deutschland immer mehr Ziele und Möglichkeiten: Hotels, die nicht nur das Schlafbedürnis, sondern auch den Erlebnishunger stillen. Ein Bett im Heu, Schlafen im Indianerzelt oder eine Tour mit dem Hausboot? PRINZ hat in ganz Deutschland Reiseziele gesucht, die mehr zu bieten haben als ein Bett und Frühstück. Wir haben Geheimtipps entdeckt, die häufig so gar so nah sind, dass schon ein spontaner Weekend-Trip zum außergewöhnlichen Urlaub werden kann.

Eine Nacht im Baum
Versteckt in einer Baumkrone in zehn Meter Höhe befindet sich das „Luftschloss Fiona“. Ein Baumhaus, wie man es sich als Kind immer gewünscht hat: windschiefe Fenster, Blümchentapete und eine Schlafnische mit dicker Federdecke. Der antike Holzofen stößt durch das Ofenrohr Rauchwolken in die Luft. Flecke aus Sonnenlicht tanzen über den selbst gezimmerten Holztisch. Von Balkon aus reicht der Blick über ein Kornfeld bis hin nach Polen. Am östlichsten Punkt Deutschlands hat sich der Bildhauer Jürgen Bergmann auf der „Kulturinsel Einsiedel“ einen Traum erfüllt. Vor zwei Jahren eröffnete er in seinem Abenteuerfreizeitpark in der Nähe von Görlitz Deutschlands erstes Baumhaushotel – seither kommen Gäste aus ganz Deutschland, aber auch aus Dubai oder den Vereinigten Staaten, um in luftiger Höhe zu übernachten. „Fast die Hälfte unserer Gäste sind Erwachsene, die sich einen Kindheitstraum erfüllen wollen. Je rationaler unsere Gesellschaft wird, desto größer ist das Verlangen nach einer individuellen Behausung“, sagt Jürgen Bergmann, der selbst seit 25 Jahren in einem Baumhaus lebt. Auf Annehmlichkeiten wie eine Dusche oder Heizung hat er in den fünf Wipfelschlössern des Hotels bewusst verzichtet. Umso authentischer ist das Baumhauserlebnis à la Tarzan und Jane. Gebadet wird in einem großen Eichenfass, das sich alle „Wipfelschläfer“ teilen – für warmes Wasser sorgt ein Ofen, den wir selbst mit Holz bestücken. Nachts wiegt sich das Baumhaus leicht im Wind. Regentropfen prasseln auf das Dach aus Akazienholz. Das Baumhaushotel mag eng und verwinkelt sein. Es gibt keinen Zimmerservice und keine flauschigen Bademäntel, aber dafür schlafen wir hier so fest wie an keinem anderen Ort.

Hotel auf offener See
Der Leuchtturm „Roter Sand“ liegt mitten in der Nordsee. Drei Stunden dauert die Überfahrt mit einem alten Bergungsschlepper von Bremerhaven aus. Über eine sechs Meter lange Außenleiter erreichen wir unser Nachtquartier auf offener See – zum Glück war der Wellengang nicht zu hoch. Im inneren des Turmes ist die Zeit stehen geblieben. Der 1885 erbaute Leuchtturm steht heute unter Denkmalschutz, auch innen ist alles noch original. So als hätte der einstige Leuchtturmwärter gerade erst sein Feuerhaus verlassen. Abgeschnitten von der Außenwelt schläft man in einem von sechs Kojenbetten und macht sich sein Essen auf einem Gasherd warm. Strom und Heizung gibt es nicht, dafür auch kein Handyklingeln oder ungebetene Gäste. „Bis jetzt waren alle unsere Besucher begeistert von ihrem Ausflug zum Leuchtturm. Man ist dort ganz allein – dieses Gefühl kennen viele ja heutzutage kaum noch“, bewirbt die Tourismuszentrale Bremerhaven ihr Hotel auf offener See. Die maximale Aufenthaltsdauer in dem antiken Bauwerk ist übrigens auf zwei Nächte beschränkt – spätestens dann wollen die meisten Besucher ohnehin mal wieder zum Brötchenholen vor die Tür gehen können.

Schlafen in der Stasi-Suite
Schrankwände aus dunklem Holz, orange-braune Vorhänge, und an den Wänden hängen Bilder von Erich Honecker und anderen SED-Größen: Das DDR-Designhotel „Ostel“ in Berlin-Mitte bietet Ostalgie ohne Kompromisse. Neun Euro kostet die Nacht im Pionierlager mit sechs Hochstockbetten, 35 Euro in der DDR-Ferienwohnung mit braunem Cordsofa und Topfblumen. Der Physiotherapeut Guido Sand und der Cutter Daniel Helbig, die seit ihrer gemeinsamen Zeit als Drahtseil- und Trampolinartisten beim DDR-Staatszirkus Freunde sind, hatten die Idee zu diesem Hotel mit sozialistischem Flair. Im Mai eröffneten sie – und sind seitdem fast jede Nacht ausgebucht. Der Plattenbaucharme des Hotels kommt an. „Viele Gäste entdecken bei uns ihr altes Kinderzimmer wieder. Andere lachen sich tot, wenn sie das Inventar der Zimmer zum ersten Mal sehen“, erzählt Guido Sand. Die Einrichtungswelten der DDR wieder zum Leben zu erwecken war allerdings keine einfache Aufgabe. „Nach der Wende haben die Leute ihre Möbel sofort verschrottet. Das, was übrig geblieben ist, erzielt heute bei Ebay Rekordpreise. Für eine Rolle DDR-Tapete zahlt man im Online-Auktionshaus bis zu 56 Euro“, weiß Guido Sand. Auf Trödelmärkten und Dachböden haben er und Daniel Helbig nach langer Suche schließlich genügend DDR-Radios, Nierentische und Sofas für die Ausstattung des Hotels gefunden. Eine politische Aussage verbirgt sich nicht hinter dem „Ostel“. Vielmehr wird hier der Kommunismus auf humorvolle Weise wiederbelebt. Denn Guido Sand weiß eines ganz genau: „Die DDR will ich auf keinen Fall zurück!“

Freiwillig in die Zelle
„Der Trend geht in Deutschland zum Themenhotel“, sagt Stefanie Heckel vom Hotelverband Dehoga. „Eine Gegenbewegung zu den Hotelketten, die in jeder Stadt gleich aussehen. Statt standardisierten Zimmern wünschen sich die Reisenden individuelle Hotels. Viele Privathotels haben diese Nische entdeckt. Sich vom Gewöhnlichen abzuheben, wird immer wichtiger.“ Ein Rat, den sich die Betreiber des ersten deutschen Gefängnishotels „Alcatraz“ zu Herzen genommen haben. Ab August bieten sie in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Kaiserslautern ein Erlebnis, das bislang nur Straftäten zuteil wurde: eine Übernachtung hinter Gittern. Das Hotelkonzept basiert auf der Idee des sanften Vollzugs. Die Zelltüren lassen sich von innen öffnen, und die Gefängniswärter begrüßen ihre Gäste morgens beim Knastfrühstück mit einem freundlichen Lächeln. Auf Komfort wird weitgehend verzichtet, wo bliebe sonst das Knastfeeling? Die Zimmer sind zehn Quadratmeter groß, haben kahle Wände und vergitterte Fenster. Zum Schlafen legen sich die Gäste in ein originales Gefängnisbett mit Eisengestell – im schwarzweiß-gestreiften Pyjama. Immerhin verfügt das karge Kämmerlein über ein Waschbecken und eine Toilette – ohne Trennwand wohlgemerkt. Und ge braust wird in der Sammeldusche auf dem Gang. Stilecht ist auch die vergitterte Gefängnisbar. Hier zwitschern die freiwilligen Knastvögel Hochprozentiges, bevor sie sich in die Zellen zurückziehen.

Schloss für Verliebte
So unterschiedlich sind die Menschen. Der eine sehnt sich im Urlaub nach der Einsamkeit einer Zelle, der andere wünscht sich ein Schloss wie aus einem Märchen. Diesen Wunsch erfüllt das Schloss Reichenow im Naturpark Märkische Schweiz in der Nähe von Berlin. August Freiherr von Eckardstein ließ es um 1900 im neogotischen Stil bauen. Heute ist das Gebäude fest in den Händen von heiratswilligen Pärchen, die sich in dem hauseigenen Standesamt das Jawort geben. Unter den vielen Schlosshotels Brandenburgs ist Schloss Reichenow mit das prachtvollste. Wer „Sissi“-Filme mag, ist hier in seinem Element.

Aileen Tiedemann