Nur 30 Sekunden dauert die Reise in das Osmanische Reich. Wenn man aus dem Aufzug steigt, sieht man über die Dächer von Köln – bis zum Riesengebirge rheinaufwärts reicht der Blick. „Hier erleben Sie den Sonnenuntergang“, sagt Osman Yalcin und deutet über die Westterrasse, „dann setzt die Dunkelheit ein, und die ganze Stadt schwimmt in einem Lichtermeer.“ Wenn Yalcin über das Abendrot spricht, wird die Stimme des toughen Geschäftsmannes ganz weich. Der gebürtige Istanbuler ist ein Vorwärtsdenker; er hat es mit seinem Lounge- Restaurant „Osman30“ geschafft, die Kölner auch nachts und am Wochenende in die eher sterile Firmenhochburg „Mediapark“ zu locken, das kühle Prestigeobjekt der Stadt. Angefangen hat Yalcin hier vor mehr als zehn Jahren mit dem Restaurant „Osman“, später organisierte er für die Mitarbeiter des Musiksenders Viva den Mittagstisch im „Haus 7“. „Mit dem ,Haus 7‘ hat man den Mediapark wachgeküsst, vorher war das hier eine Intensivstation“, erzählt Yalcin. „Es gab kein Laufpublikum, und die Gastronomie lag sehr ungünstig. Aber wir haben nicht aufgegeben.“ Mit seinem Lounge-Restaurant-Konzept „Osman30“ trifft Yalcin heute den Geschmacksnerv der Kölner. Das Restaurant in 108 Metern Höhe mit dem stadtbekannten Dreigängemenü hat sich unter Werbern und Bankern so herumgesprochen, dass auch das Kölner Szenepublikum seinen Weg dorthin findet. „Genuss trifft Gesundheit“ heißt die Küchenphilosophie, und so können die Gäste hier mit „hausgebeiztem Biolachs mit gebratener Riesengarnele auf Pinienkern-Tomatenspinat“ oder einer „Dorade auf Safranspargel-Frühlingsgemüse“ auf hohem Niveau kulinarisch „wellnessen“. An Wochenenden verwandelt sich die rundum verglaste 30. Turmetage zum angesagten Nachtsalon mit elegantem Loungebereich, chilliger DJ-Musik, schummriger Beleuchtung und weißen Screens mit Orchideenbildern.

Egal ob in Köln, München, Berlin oder Hamburg: Überall sprengen jungen Gastro-Visionäre die Grenzen klassischer Gastronomie und schaffen Räume für neues Genusserlebnis. Und sie haben Erfolg damit. PRINZ hat eine kulinarische Rundreise durch die Republik unternommen, die spannendsten Restaurantkonzepte inspiziert und die Macher besucht. Zum Beispiel Dirk Schmitz. Werbung für seinen Laden braucht der Hamburger nicht zu machen. Dafür sorgt schon die Presse. Regelmäßig berichten „Gala“ und „Instyle“, wenn Promis wie Klaus Maria Brandauer, Til Schweiger, Jette Joop oder Nena sich im „Golden Cut“ blicken lassen. Das „Golden Cut“ ist eine ungewöhnliche Mischung aus Club, Gourmet-Restaurant, Bar und Lounge am Holzdamm in der Nähe der Hamburger Außenalster. Neben dem klassischen Restaurantbetrieb gibt es seit Mai dieses Jahres auch eine kuschelige Supper-Lounge mit schwarzen Liegeflächen, auf denen man Sushi auf weißen Tabletts serviert bekommt. Das Design im Club ist nach dem ästhetischen Kunstprinzip des goldenen Schnitts konzipiert: harmonische Proportionen und klare Linien. Spannung entsteht durch den Gegensatz zwischen Sechziger-Jahre-Design mit puristischen Elementen und einem trashigem Achtziger- Jahre-Stil mit verspiegelten Tresen und weißen Lederhockern. Besonders stolz ist Schmitz auf sein Lichtkonzept. Statt dem üblichen Disco- Flackern gibt es hier eine indirekte Beleuchtung mit Videoprojektoren und Screens. Der Raum ändert seinen Charakter wie ein Chamäleon. „Wir wollen über unsere Leinwände auch sehr viel Grün und Wasser transportieren“, sagt der 39-Jährige, „etwas Untypisches für einen Nachtclub.“ So vielseitig wie die Club-Idee ist auch die Mischung der Gäste. „Freitags haben wir hier die ganze HipHop-Posse um Samy Deluxe und Jan Delay am Start, daneben sitzt dann ein Immobilienmakler von Engel & Völkers, auf dem Dancefloor tanzen Teenies und der Arzt aus dem Universitätskrankenhaus“, sagt Schmitz. Vor allem Frauen fühlten sich wohl in seinem Club, erzählt er. „Vielleicht weil unser Laden Sicherheit vermittelt. Er hat nichts Bedrohliches wie Locations auf der Reeperbahn. Das ist ja auch das Geheimnis. Der Club ist relativ klein, aber wenn die Leute rausgehen, dann hat jeder das Gefühl, es seien mindestens 600 Menschen da gewesen.“

„Berlin ist ein gefährliches Pflaster. Je mehr man die Fresse aufreißt und erzählt, wie toll man ist, umso schlechter finden es die Leute“, sagt Rik Verweyen. Sein Erfolgsprinzip heißt deshalb Understatement. Auf der Webseite seiner Restaurant-Lounge „Solar“ gibt es weder Fotos noch Beschreibungen. Jeder muss sich selbst ein Bild machen. Die Location im 16. Stock hat so viel Umbrüche erlebt wie Berlin selbst. Die CIA hatte von 1960 bis 1963 einen Horchposten in dem Haus an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West. Mit perfektem Blick auf das Brandenburger Tor und den Checkpoint Charlie. „Danach war es ein Künstlerrestaurant, dann ein Kifferclub, wo in den Achtzigern komplette Absturzpartys gefeiert wurden, später so eine Kaffee und- Kuchenkränzchen-Nummer“, sagt der 33- jährige Betreiber. Der Laden ist ein Abenteuertrip, und obwohl er bereits Dezember 2005 eröffnet hat, immer noch ein Geheimtipp – wenn auch ein sehr begehrter. Am Wochenende ist das „Solar“ bis zu drei Wochen im Voraus ausgebucht. Im Restaurant mit der überdimensionalen Rittertafel in X-Form können bis zu 32 Gäste sitzen und zu chilligen DJ-Klängen Tiger- Prawns oder hausgemachte Maultaschen schlemmen. Gefragt sind auch die Südsee- Hängeschaukeln in der Lounge im oberen Stockwerk und der Panoramablick über Berlin. Besonders beliebt unter den verwöhnten Hauptstädtern: das vielseitige Entertainment- Programm. Berliner Künstler stellen aus, Liveacts und Bands treten auf. An jedem Abend von Mittwoch bis Sonntag spielen wechselnde DJs ihre Lieblingsplatten, von Breakbeat über Jazz bis Downbeat. In der Lounge gibt es 18 Beamer, an denen ab Juni die „Pfadfinderei“ ans Werk geht, ein bekanntes VJ-Team. „Normalerweise legen die nur in Clubs auf. Für uns produzieren sie Kurzfilme und Loops, die aus der Lounge so etwas wie ein trippiges Kino machen. Die werden an die Decke projiziert“, sagt Verweyen. Die Berliner sehen das „Solar“ als ihr zweites Zuhause in Kreuzberg. Und auch Promis tauchen hier auf. Am Anfang waren es die Toten Hosen und Sarah Kuttner, die es sich noch vor Eröffnung auf der Baustelle mit Champagner, Wodka und Pizza bequem machten. Während der Berlinale feierten Jennifer Lopez und Antonio Banderas ihren neuen Film „Bordertown“ im VIP-Séparée.

„Man muss nicht immer verstehen, was man sieht“, sagt Guido Kellermann über die Performance- Künstler, die durch sein Szenelokal „Nektar“ in München wandern. Der 37-jährige Inhaber nennt sie auch „Atmosphären- Katalysatoren“. „Die Idee des ,Nektar‘ war schon immer, eine surreale Traumwelt zu schaffen“, sagt Kellermann. Beispielsweise, wenn der international renommierte Künstler Hans Langner in seinem „Birdman“-Kostüm mit Federn durch den „Salle Blanche“ schwebt. An den Gästen vorbei, die auf den weißen Liegeflächen auf das Rinderfilet mit Safranrisotto oder marinierten Pfefferpulpo warten. Das „Nektar“ in der Stubenvollstraße hinter dem Gasteig war das erste „Sofa-Dining- Konzept“ in Deutschland. „1998 war ich in Holland. In Amsterdam habe ich den Supper-Club gesehen und dachte mir: So was müsste man nach München bringen“, sagt Kellermann. Und das hat er getan, zusammen mit Tom Breiter und Christian Schottenhammel. 120 Besucher können in den Gewölben des alten Preysingkellers im Liegen wie die alten Römer speisen. Die Gäste ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie sich auf den weißen Liegeflächen entspannen und ihre Krawatten lockern. Eben wie zu Hause. Mit den Schuhen legen viele auch ihre Hemmungen ab, erzählt Kellermann. „Vor allem die typischen Münchner Gockel, die verlieren sehr schnell ihre Rüstung und auch ihr Gehabe. Da entsteht plötzlich eine ganz entspannte, schöne Stimmung.“ Im Mai feierte das „Nektar“ sein Vierjähriges. „Viele von den typischen Münchner Unkenrufern meinten im Vorfeld, das hält nicht länger als drei Monate. Wem kannst du in München schon erzählen, dass er um neun Uhr beim Essen sein muss und die Schuhe ausziehen soll? Doch uns geht’s besser denn je“, sagt Kellermann nicht ohne Stolz. Mittlerweile seien sie in der Landeshauptstadt zur Institution geworden. „Wenn man nach München kommt, geht man ins ,Hofbräuhaus‘ und man geht ins ,Nektar‘.“ Das Trendlokal hat auch unter der Woche Programm: Performancekünstler, Videoart im „Cabinet Plasma“ und wechselnde DJs wie Martin Solveig oder George Morel im „Club Blanc“. Immer dran bleiben, immer etwas Neues und Überraschendes bieten, jeden Tag – das ist Kellermanns Erfolgsrezept. Damit geht er inzwischen sogar auf Reisen: Am 2. Juni hat das „Nektar“ für einen Abend mit der „Davidoff Supper Lounge“ in Berlin ein Gastspiel – in einer Off-Location am Ku’damm. Sein „Nektar“ sperrt Kellermann im Juni einfach zu – und zieht mit Team und Konzept nach draußen auf die Terrasse des Pacha-Clubs.

Auch im experimentierfreudigen Gourmettempel „Silk“ in Frankfurt streifen die Gäste ihre Schuhe ab und geben sie – zusammen mit dem Alltagsstress – in eine weiße Lade. Die Gäste schlüpfen in weiße Slipper. Ab acht Uhr beginnt das sinnliche Theaterstück „Hören, Sehen, Schmecken“. Die Gäste relaxen auf weißen Lederliegen und lassen sich bei seidiger elektronischer DJ-Musik vom kosmopolitischen Essen verführen. 88 Euro zahlt man für zehn Gänge. Sehr fair, denn hier ist ein Sternekoch am Werk: Küchenchef Mario Lohninger ist ein gastronomischer Überflieger mit internationaler Erfahrung. Gleich im ersten Jahr wurde die Küche im „Silk“ von Gault Millau mit drei Hauben gefeiert. Vom „Michelin“ bekam der 33-Jährige einen Stern für seine kreative Weltküche. Die Kritiker attestieren ihm unter anderem eine „drahtseilsichere Balance der Aromen, ein untrügliches Würzgefühl und Geschmackstalent“. Frankfurts DJ-Ikone Sven Väth hat ihn vor drei Jahren aus New York abgeworben und ihm das Angebot gemacht, in seinem Zehn-Millionen- Euro-Projekt Cocoon Club das „Silk Bed Restaurant“ und das „Micro“ zu übernehmen. „Wir haben uns beide schräg angeschaut und gedacht: Warum eigentlich nicht?“, sagt Lohninger. „Ich bin von der Idee schwanger geworden. Eine Plattform, um hier glücklich zu werden und alle Erfahrungen reinzupacken.“ Zu Beginn des Menüs gibt es vier bis fünf köstliche Kleinigkeiten, die „die Energie schießen lassen und das Hirn zum Positiveren bringen“, sagt der gebürtige Österreicher. Allein die Namen der Hauptgänge sorgen für eine Geschmacksexplosion im Kopf: Maine-Hummer auf Holunderblütensuppe und Tomatensorbet, Schwarzfußschwein mit Pastinaken und Morcheln. Und erst der „Dessertwalzer“: Erdbeer-Carpaccio mit grünem Apfelsorbet, Spargel-Rhabarber-Gratin und weißem Spargeleis. Zum Abschluss gibt es noch den „Cocoon Lollipop“: ein gefrorenes Parfait am Stiel, umzogen mit Ingwer-Zuckerwatte. „Versponnen wie eine Raupe, die in Wandlung steht“, sagt Lohninger. So wie das Projekt „Silk“, das sich inzwischen zu etwas ganz Besonderem entfaltet hat.

Bettina Hensel