Weit mehr als tausend Mal ist Jens Kruse schon in die Luft gegangen. Trotzdem ist mein heutiger Flugbegleiter ein bodenständiger, grundsympathischer Typ. Das trifft sich gut. Denn in wenigen Minuten vertraue ich ihm mein Leben an: Als Zweimannpaket werden wir in mehreren tausend Metern Höhe aus einem Flugzeug springen. Besonders wohl ist mir bei dem Gedanken dennoch nicht. „Laut Statistik sind die Schirme eigentlich zu 100 Prozent sicher,“ sagt Kruse, um mich zu beruhigen. Nur eigentlich? Oje. Das ging nach hinten los. Nach einem viertelstündigen Wackelflug in der Propellermaschine haben wir unsere Sprunghöhe von 4000 Metern erreicht. Nun geht alles rasend schnell. Ratternd öffnet sich das Tor zum Himmel, mein Herz schlägt bis zum Hals. Wie vom Sog eines riesigen Staubsaugers erfasst, verschwindet der erste Springer. Da soll ich raus? Die Entscheidung nimmt mir Jens Kruse ab. „Jetzt sind wir dran“, brüllt er gegen die Lautstärke der hereinströmenden Luft an. Spinnenartig krabbeln wir fest miteinander verzurrt Richtung Sprungluke, an der ein kleines schwarzes Schild scherzt: „Testamentvordrucke liegen im Handschuhfach.“ Zu spät. Mit 200 Kilomenter pro Stunde jagen wir der Erde entgegen. Das Flattergeräusch wird zum Ohren betäubenden Dröhnen. Wie ein bissiger Hund zerrt der Gegenwind an meinen Wangen, bläst mir jeden Gedanken aus dem Kopf, presst mir trotz Schutzbrille die Augen zu. Erst Sekunden später komme ich dagegen an: Atemberaubend schön erstreckt sich der tiefblaue Horizont vor mir, scheint zum Greifennahe und herrlich unwirklich. Nach 40 Sekunden beendet mein Tandempartner den Geschwindigkeitsrausch jäh. Ruckartig reißt uns der Fallschirm wieder nach oben, dann gleiten wir minutenlang sanft gen Erde. Ich bade im Adrenalin, vergehe fast vor Glück. Nun ist mir klar, warum die Vögel singen.

Sascha König