Das Kreuzberger Pirate Cove, das heute mehr einem Varieté-Theater als einem Club gleicht, ist zum Bersten gefüllt. Rockabilly- Mädchen und Berliner Szenegören sitzen auf den Bierbänken Hintern an Hintern mit Schwulen aus der Modebranche und großflächig tätowierten Jungs mit Schmalztolle. Alle starren gebannt auf den kleinwüchsigen Mann im schwarzem Anzug, der vor dem roten Vorhang zur „Twin Peaks“-Melodie tanzt. Plötzlich hetzt eine blonde Frau mit großer Sonnenbrille und beigem Trenchcoat durch die Reihen.Wie eine Gejagte reißt sich die Schöne ihren Mantel vom Körper. Darunter trägt sie ein kurzes Kleidchen im American-Diner-Stil. Doch auch das landet gekonnt auf dem Bühnenboden. Nur noch mit Korsett und Höschen bekleidet wirft sie ihre sexy Kurven in typische Pin-up-Posen. Mit geschürzten Lippen, naiv erotischem Augenaufschlag und schwingendem Pferdeschwanz bringt sie tänzelnd das Publikum um den Verstand. Die glitzernden Nippelhüte, die auf ihren Brustwarzen kleben, schwingen dabei synchron im Takt der Musik. Diese kleine frivole Einlage ist nur einer von vielen Programmpunkten, mit denen die Teaserettes gerade durch die deutschen Clubs touren. Das Metier der Berliner Tanzgruppe: die neue Burlesque. Jene Stripdisziplin, die Dita von Teese berühmt gemacht hat. Und umgekehrt.

Seit die Ex von Schockrocker Marilyn Manson mit ihrem nackten Astralkörper Martinigläser oder mit Swarovskisteinen besetzte Badewannen umrührt, ist die Welt entflammt für die kunstvolle Art des Ausziehens. Burlesque ist très à la mode. Das beweisen nicht nur Stars wie Gwen Stefani, Christina Aguilera oder die Suicide Girls, das zeichnet sich auch in der Mode selbst ab. Auf den Catwalks der Großen wie Christian Lacroix oder auch Givenchy kündigt sich verruchte Spitze für die Wintersaison an. Sogar Wäsche-Traditionsmarken wie Valisere haben Tassels (Nippelquasten) ins Sortiment aufgenommen. Und während sich Berta aus Gütersloh noch überlegt, ob der scharfe Fummel im Kleiderschrank nicht unanständig ist, öffnen sich in den großen deutschen Städten schon die Vorhänge für die getanzte Verführung. Immer mehr Clubs nehmen Burlesque-Abende in ihr Programm auf, allerorts formieren sich Burlesque-Tanzgruppen. Ja, nicht nur Trendsetter wissen es, sondern sogar der Macher des Wiener Opernballs hat geschnallt: Statt „Sex sells“ heißt es nun „Burlesque rules“.

Mehr über die Vorreiterinnen der New Burlesque erfahren Sie auf den nächsten Seiten.


Dem Publikum im Pirate Cove muss man das nicht erzählen. Amüsiert folgt es dem fantasievollen Treiben der charmanten Teaserettes. In kleinen Theaterszenen erzählen die fünf Tänzerinnen kurze Geschichten und verbinden erotischen Tanz mit Musik und Comedy- Einlagen – vorlaut moderiert von Sandy Beach, der Lady mit dem Trenchcoat, die eigentlich Sandra Steffl heißt. Die Schauspielerin, die ihr Talent als Comedian schon in Thomas Hermanns „Quatsch Comedy Club“ oder bei „Blond am Freitag“ bewies, kam 2005 auf die Idee, Deutschlands erste Burlesque- Gruppe zu gründen. Anfangs tanzten die Frauen in Kneipen wie dem Neuköllner Tiki Room. Später kamen große Auftritte wie beim Konzert von Bela B. vor 60 000 Menschen. Mittlerweile tanzen und spielen die Teaserettes regelmäßig im Pirate Cove – wenn sie gerade nicht fleißig durch Deutschland touren. Bei den Shows geht es ihnen weniger ums Anmachen. Niemals fallen alle Hüllen. Die Brustwarzen bleiben mit Pasties bedeckt und die Höschen an. Das hat Tradition und soll die Fantasie beflügeln. Der Begriff „Burleske“ (Scherz) stammt nämlich noch aus dem italienischen Theater im 16. Jahrhundert und stand für eine überzogene Darstellung der Realität. Der Anspruch war, moralische und ethische Werte zu vermitteln, nicht erotisch zu animieren. Über die Jahre entwickelte sich die Tanzform weiter. Was als Burleske begann, entwickelte sich über den Striptease und Tabledance zur New Burlesque, einer eigenständigen Form des erotisch animierenden Tanzes. In den Shows greifen die Tänzerinnen Alltäglichkeiten auf – ohne moralischen Zeigefinger und trotzdem gesellschaftskritisch.


Vorreiterinnen der New Burlesque waren Dixie Evans,Mae West und die mittlerweile 80- jährige Tempest Storm, die noch heute auf der Bühne steht. Der Burlesque-Star der Fünfziger aber hieß Bettie Page. Tänzerinnen erinnern mit ihren Posen und dem leichten, naiv ausgelebten Fetisch-Appeal noch heute an die schwarzhaarige Pin-up-Ikone. Mit solch traumhaften Hüften wie Miss Page sind die Mädels heute nicht immer gesegnet. Häufig entsprechen sie gar nicht dem gängigen Schönheitsideal: Die Proportionen sind etwas draller, der Körper ist großzügig mit Tattoos verziert. Auch beim Tanzen auf der Bühne ist man heute freier als je zuvor. Während Dita von Teese eleganten Filmstarglamour der fünfziger Jahre versprüht und immer dieselbe artifizielle Persönlichkeit verkörpert, geht es bei den Teaserettes aus Berlin nicht nur rein optisch wilder zu. Die Tänzerinnen verkörpern Persönlichkeiten, stellen deren Geschichten in den Vordergrund. „Es gibt immer ein Motto des Abends“, erzählt Sandy Beach. „Zurzeit ist es ,Crime‘. Eine Figur heißt Bunny Clyde. Sie ist weniger ein Sweetheart als vielmehr eine Verbrecherin, die versucht Männer auszuziehen.“ Für den Hype, der jetzt um das Thema Burlesque gemacht wird, hat sie eine einfache Erklärung: „Vielleicht hat die Gesellschaft ja gerade den sexuellen Overkill erreicht, und die Verbindung von Sex und Komik bringt in gewisser Weise eine Erleichterung.“

New Burlesque ist auch in Hamburg vertreten. Mehr dazu auf der nächsten Seite.


Auch die Harbour Pearls, eine Burlesque- Gruppe aus Hamburg, jongliert mit der Mischung aus Sex und Humor. Ihre Figuren: Lady Hopscotch, die Verkörperung der reinen Sünde, mit blutroten Lippen, schwarzen Haaren und einer Haut weiß wie Schnee. Mit dem Look eines sexy Schneewittchens verdreht sie nicht nur Kleinwüchsigen den Kopf. Golden Treasure, der „schillernde Schatz“, wickelt nach eigenen Angaben am liebsten „Freibeuter um den Finger“, und Miss Nutty Fruitcake ist eine zuckersüße Verführung in Rosa. „Solo ist jede Perle einzigartig, doch wenn wir vereint sind, ist das Spektakel vollkommen“, sagen die Frauen über sich selbst und zwinkern dabei mit ihren langen Glitzerwimpern aus Polyacryl. Die Zuschauer geben ihnen Recht, indem sie anerkennend grölen und pfeifen, wenn die Harbour Pearls gemeinsam mit ihren runden Hinterteilen wackeln.


So unterschiedlich wie die Frauentypen, die heute in Deutschland den Burlesque-Tanz vorführen, ist auch das Publikum, das sich auf den Events tummelt. Neben Männern sind auch viele Frauen vertreten, oft sind sie gar in der Mehrheit. Denn die Mischung aus ästhetischem und unterhaltsamem Ausziehen spricht beide Geschlechter an. Die Luft prickelt zwar, doch ohne diesen schalen Spanner-Charakter, den man von Striplokalen kennt. Die Atmosphäre ist intim, gemütlich und freundschaftlich. Bisher fanden die Burlesque-Shows immer nur als Special Party in den Metropolen-Clubs statt. Oder als kokette Zwischeneinlage bei Messen, Konzerten und Autotreffen. Jetzt hat jedoch die erste Burlesque-Bar Deutschlands ihre Pforten geöffnet. In einer ehemaligen Oben-ohne-Bar auf Hamburg-St.-Pauli hat die Szene ihr neues Zuhause gefunden. Nicht nur Rockabilly-Anhänger und Burlesque-Kenner sind hier willkommen. „Das Queen Calavera ist offen für jeden“, sagt Claudia Gritl, eine Betreiberin. Zusammen mit ihrem Mann David, Don Klo und Donna NuhNuh will sie mit der Rotlichtbar der anderen Art das Nachtleben bereichern. Betritt man das kleine Lokal, so ist es, als würde man von der wärmenden Atmosphäre einer anderen Zeit eingelullt. Ganz stilecht sind die Barfrauen gekleidet, in kleine Matrosenkleidchen plus Kappe, mit Lidstrich und hochgeschnalltem Dekolleté. Auch viele Gäste haben sich rausgeputzt. Die Wände der Bar sind blutrot gestrichen, goldene Akzente geben ihr einen glamourösen Look. Glitzernde Kronleuchter hängen von der Decke, und eine Art Tresen dominiert den Laden, auf dem die Tänzerinnen abwechselnd herumstolzieren. „Auch wenn sich die erste Burlesque-Bar im Hamburger Stadtteil der Sünde befindet, ausgezogen wird sich nie ganz“, stellt Claudia sofort klar. „Es gibt hier schließlich schon eine Million Tittenbars. Und Burlesque soll ein frivoles Spiel mit Fantasie,Humor und Niveau bleiben.“

Laura Behncke/Carmen Meyer