Es ist das erste Mal überhaupt, dass die zwei Königinnen des deutschen Qualitätspop, die Sängerinnen von Mia und Wir Sind Helden, gemeinsam interviewt werden. Eine überfällige Premiere, wie beide finden. Zu einem Thema, das ihnen am Herzen liegt: Die Klimatour 2008 bringt Menschen zusammen, die sich für den Klimaschutz stark machen. Entsprechend engagiert reden Judith und Mieze über Ökostrom die Suche nach dem korrekten T-Shirt und warum Downloads die Umwelt schonen können.

PRINZ: Kann Musik das Umweltbewusstsein junger Menschen verändern?
Judith: Mir wurden in Interviews schon Studien vorgelegt, die belegen sollten, dass dem nicht so ist und Pop das schon mal überhaupt nicht kann. Ich kann dazu nur sagen, dass Musik für mich immer der Soundtrack war zu allen Überlegungen, die ich mir seit Teenager-Tagen mache.
Mieze: Ab dem Zeitpunkt, an dem man sich zum ersten Mal damit beschäftigt, was der Künstler, den man gut findet, da eigentlich singt oder was er selbst vorlebt, kommt man vielleicht auch das erste Mal mit seinem Engagement in Berührung …
Judith: … oder erhält dadurch das nötige Feuer für etwas, das sowieso schon da ist. Musik war immer dazu da, die Dinge ein bisschen wilder und sexier aussehen zu lassen, als sie in Essays irgendwelcher Uniprofessoren rüberkommen.

PRINZ: Ist die Klimatour auch deshalb notwendig, weil das Thema von jungen Menschen immer noch weitestgehend ignoriert wird?
Mieze: Es ist schon besser geworden, aber wenn man sich die Prioritätenliste eines jungen Menschen von heute anschaut, da steht der Umweltschutz mit Sicherheit nicht auf Platz eins.
Judith: An den Schulen müsste dringend ein Fach wie Medienkunde eingeführt werden. Denn beim Klimawandel ist es wie bei allen anderen Themen: Viele Jugendliche wissen mit der heutigen Masse an Informationen nicht umzugehen. Alle Schwierigkeiten dieser Welt prasseln medial auf sie ein und sind dann auch noch auf eine Art und Weise aufbereitet, die nur Mutlosigkeit erzeugt.
Mieze: Das ist so ein Gefühl: Alleine komme ich hier nicht weiter. Dabei ist es doch so: Bevor man anfängt die Eisbären zu retten, muss man zu Hause, in der eigenen, kleinen Welt beginnen.
Judith: Wir haben in Deutschland das Problem, dass ständig eine unglaubliche Konsequenz eingefordert wird. Wenn ich Ökostrom beziehe, fragt mich sofort jeder, wo ich denn meine Klamotten kaufe. Wer A sagt, muss auch B sagen und dann das ganze ABC. Deshalb fangen viele Leute gar nicht erst an. Weil sie Angst haben, an dieser Entscheidung gemessen zu werden. Es herrscht eine große Strenge. Die ist ganz sicher kontraproduktiv.

PRINZ: So wie bei Vegetariern, die schräg angeguckt werden, weil sie Lederschuhe tragen.
Mieze: Man sollte einfach Mut zum Anfang haben. (singt) Für einen ersten Schritt ist es nie zu spät.

PRINZ: In welchen Bereichen lasst ihr persönlich Konsequenz vermissen?
Mieze: Was Kleidung betrifft, finde ich diesen Öko-Poker sehr schwierig. Keine Lederschuhe? Lieber Plastikschuhe? Schrecklich!
Judith: Ich verwende da viel Zeit auf die Recherche. Aber manchmal ist es fast unmöglich herauszufinden, wo das T-Shirt oder die Hose herkommt und wie sie hergestellt wurden. Dann werde ich müde und kaufe am Ende die Schuhe, die ich am geilsten finde. Weil ich in dem Moment einfach aufgebe. Und wenn ich dann am nächsten Tag lese, dass ich jetzt ausgerechnet bei den Oberschweinen gekauft habe, verzweifle ich ein bisschen.

Auf der nächsten Seite verraten Judith und Mieze, was sie von Atomstrom, Brangelina und dem Recyclingwert von CDs halten.

PRINZ: Wo recherchierst du?
Judith: Vor Kurzem bin ich auf Utopia.de gestoßen. Dieses Portal gibt es wahrscheinlich schon lange, und es ist bestimmt wahnsinnig peinlich, dass ich es nicht früher entdeckt habe. Aber die Seite ist wirklich sehr informativ. Und die Produktauswahl ist viel größer als anderswo üblich.

PRINZ: Wenn jeder bei sich selbst anfangen muss: Was kann und sollte jeder machen?
Judith: Ökostrom. Ist für niemandem zu teuer oder zu kompliziert.
Mieze: Ich bin ja tendenziell so ein ganz leichter Hippie. Ich fahre kein Auto und habe auch gar keinen Führerschein. Aber wir leben in einem Land, in dem so viele Leute alleine in ihrem Auto sitzen. Da wäre Car-Sharing doch eine nahe liegende Sache. Jemanden auf dem Weg zur Arbeit mitnehmen. So was würde ich mir wünschen. Mir geht es halt auch immer um das Zwischenmenschliche.

PRINZ: Was sagt ihr Leuten, die meinen, Atomstrom sei unverzichtbar?
Judith: Am Arsch hängt der Hammer!
Mieze: Diese Leute haben zu viele Fünfziger-Jahre-Werbespots gesehen. Da tanzen rosa Ballerinas um Technikgeräte herum, und am Schluss heißt es: „All diese Geräte werden betrieben mit – Atomstrom!“
Judith: Geil. Man muss sich einfach klar machen, dass Verkauf und Herstellung von Konsumgütern immer ein Machtspiel unter Lobbyisten ist und man nur Einfluss nehmen kann, wenn man selbst eine Lobby darstellt. Und diese Lobby wird nur dann Gewicht haben, wenn sie ihr Geld umverteilt, also: bewusster ausgibt.

PRINZ: Ist es die Pflicht von Künstlern, öffentlich Stellung zu beziehen?
Mieze: Da ist sie wieder, die besagte Strenge: Pflicht!
Judith: Brad Pitt und Angelina Jolie werden ständig belächelt, und ich frage mich nur: Warum? Es ist doch Wahnsinn, was die für ein Geld ausgeben. Oder Jack Johnson – der hat gerade ein Studio gebaut, das nur mit Solarenergie funktioniert.
Mieze: Wie geil!
Judith: Ich würde das auch sofort machen. Aber dafür müssten in Deutschland erst mal ein paar Leute anfangen, Platten zu kaufen.

PRINZ: Aber ist es denn nicht viel ökologischer, Songs nur als Daten zu laden, statt CDs zu kaufen?
Judith: Ich muss ganz ketzerisch sagen, dass sich meine Einstellung dazu gerade tatsächlich ändert. Eine Welt mit sehr viel weniger physischen Tonträgern ist nun mal eine, in der weniger CDs auf den Müllhalden herumliegen. Die sind nämlich kaum kleinzukriegen, die Dinger.

Interview: Tim Sohr/Daniel Wehner

DIE SONNE, WIND UND WIR KLIMATOUR 2008
PRINZ präsentiert die Tour, die den Klimaschutz ins kollektive Bewusstsein rücken will. Eine Initiative der Heinrich-Böll-Stiftung und Motor Music. Mit: Wir Sind Helden, Mia, Klee, Rainer Von Vielen.

Termine:
29.-31.8., Insel Neuwerk
30.8., Mainz, Kulturzentrum Dagobertstraße
5.9., München
13.9., Bremen, Concordia-Theater
13.9., Berlin
20.9., Essen, Zeche Zollverein
20.9., Dresden