Erst Paris, dann Fehmarn. Alena Bartschat ist für eine Woche in ihre Heimat zurückgekehrt, um sich nach den Prêt-à-Porter-Schauen etwas Wind um die Nase wehen zu lassen. Seit November vergangenen Jahres arbeitet die 26-Jährige in der Modemetropole als Assistenzdesignerin bei Givenchy – Seite an Seite mit dem Chefdesigner Ricardo Tisci. „Das war die erste Pariser Modenschau, bei der ich mitgearbeitet habe“, erzählt die 26-Jährige begeistert. Maßgeblich war sie an Outfit Nummer sieben der Show beteiligt, einer Strickjacke mit elegantem Faltenwurf und goldenen Knöpfen. Getragen vom brasilianischen Topmodel Raquel Zimmermann, begutachtet von US- „Vogue“-Chefin Anna Wintour in der ersten Reihe. Doch Alena hat von alldem nichts mitbekommen. Sie war hinter den Kulissen viel zu beschäftigt damit, noch in letzter Minute Hosen zu kürzen und Models anzukleiden. „Es ist wirklich so stressig, wie man es sich vorstellt. Die Nähmaschinen laufen noch bis kurz vor der Show“, erzählt sie. In Paris erlebt sie hautnah, wie das Fashion-Business funktioniert: „Ich helfe beim Entwurf der Outfits, koordiniere die Produktion der Kleidungsstücke und lerne, mit welchem Geschick in der Haute Couture gearbeitet wird.“ Studiert hat Alena in Hamburg und Antwerpen. In Deutschland lernte sie die technischen Grundlagen des Modedesigns, in Antwerpen die Kunst des Kreierens.“Kreativität spielt an den Modeschulen in Deutschland keine so große Rolle – wahrscheinlich, weil die deutsche Bekleidungsindustrie nicht danach verlangt“, meint Alena. Junge deutsche Modedesigner arbeiten deshalb oft im Ausland bei internationalen Modehäusern, statt sich im eigenen Land selbstständig zu machen. Ein eigenes Label möchte Alena trotzdem eines Tages gründen. Bevor es so weit ist, bleibt sie aber in Paris, um aus nächster Nähe zu erleben, „wiees wirklich läuft“ in der internationalen Modewelt.

Die Karriere von Alena ist nur eines von vielen Beispielen für den wachsenden Erfolg von jungen Modedesignern aus Deutschland. Die neue deutsche Avantgarde wächst allerdings weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, die Kleidung noch immer am liebsten von der Stange kauft. Nur drei deutsche Designernamen sind im kollektiven Bewusstsein der Deutschen verankert: Joop, Lagerfeld und Jil Sander – alles keine Jungstars! Das könnte sich schon bald ändern. Aufregend und innovativ ist die Mode der deutschen Fashion-Newcomer. Eine von ihnen ist die 28-jährige Modedesignerin Mischa Woeste aus Berlin. Mit der aktuellen Kollektion „Sunny Side Up“ ihres Labels Smeilinener steuert sie gegen das Einheitsgrau auf den Straßen an. Alle Farben des Sonnenauf- und -untergangs finden sich in ihren Jacken, Röcken und Kleidern wieder, die sie im Patchworkstil aus unterschiedlichsten Materialien zusammenfügt. Mal verwendet sie Gardinen aus Mexiko, mal handbestickte Stoffe aus Budapest – aufgestöbert auf ihren Reisen durch die Welt. „Ich finde es schade, dass sich in Deutschland so wenig Leute trauen, Sachen anzuziehen, die nicht gerade in einem Modemagazin zu sehen sind“, sagt Mischa.“Und wenn sich jemand modisch kleidet, dann meist sehr zurückhaltend. Die Leute sind ja schon geschockt, wenn man mal einen bunten Rock trägt. Ich will Mode machen, die aussagekräftig ist und sich ganz klar von H&M oder Zara abgrenzt.“ Nach ihrem Abschluss an der Modeschule Esmod in Berlin gründete sie 2002 ihr eigenes Label Smeilinener. Im März war sie in Paris, um bei der Modemesse „Le Showroom“ ihre Kollektion zu präsentieren. „Das Feedback war gut“, erzählt Mischa, „trotzdem sind die Einkäufer sehr vorsichtig, was Newcomer betrifft. Das liegt daran, dass es immer mehr junge Labels gibt, von denen viele schon nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche verschwinden.“

Man muss Regeln brechen, um als junger Modedesigner wahrgenommen zu werden. Das hat auch Carola Plöchinger vom Berliner Label IO erkannt. Im vergangenen Sommer tourte sie in einem elf Meter langen amerikanischen Airstream- Bus durch Berlin, um darin ihre Kollektion zu präsentieren. „Ich fand es zu passiv, auf Modemessen auf Kunden zu warten“, sagt die Designerin. Stattdessen machte sie mit ihrem mobilen Showroom vor der Modemesse „Premium“ und am Hackeschen Markt in direkter Nachbarschaft zu bekannten internationalen Labels wie Adidas oder Camper Station. Das Ergebnis: viele neue Kunden, die sonst wohl nie auf sie aufmerksam geworden wären. „Der Deutsche kauft nur, was er kennt, deshalb haben es junge Modedesigner hierzulande so schwer“, meint Alexander Brenninkmeijer vomLabel Clemens en August, der mit seiner Marke eine ähnliche Verkaufsstrategie verfolgt. Er verzichtet auf eigene Läden und verkauft seine Kollektionen immer nur für wenige Tage in Kunstgalerien in ganz Europa. Das Nomadenprinzip geht auf: Über Mund-zu-Mund-Propaganda hat das Fashionlabel einen großen Kundenstamm aufgebaut, zu dem auch der britische Schauspieler James McAvoy aus dem Film „Der letzte König von Schottland“ zählt. Er suchte sich beim Galerieverkauf in München einen Samtanzug mit Schalkragen für 400 Euro aus und trug ihn bei der diesjährigen Oscar-Verleihung – obwohl er sich auch von Armani hätte einkleiden lassen können. Ein großer Erfolg für das Label, das nur aus einem fünfköpfigen Team besteht. Trotzdem: „Es ist extrem schwierig, sich in Deutschland mit einer neuen Marke zu etablieren“, meint Brenninkmeijer, der sich als Spross der C&A-Familie im Modebusiness auskennt. „Was fehlt, sind Geschäfte, die an junge Designer glauben und die Ausdauer haben, ein neues Label zu etablieren. Die meisten Einzelhändler setzen lieber auf bekannte Marken wie Gucci und Prada. Ganz anders in Japan: Dort gilt es als Ehre, als erstes eine neue Marke zu tragen.“ Björn Lüdtke vom Label „BRD Berlin“ hat das längst erkannt. Er verkauft seine Mode außer in Berlin fast ausschließlich in Japan. „Deutsche geben ihr Geld für Reisen und Autos aus, Japaner investieren in ein perfektes äußeres Erscheinungsbild. Was Mode angeht sind sie viel offener als Deutsche, denen es schwer fallen würde, ein Outfit von Prada für BRD Berlin liegen zu lassen“, meint der Absolvent des London College of Fashion. Seine aktuelle Kollektion besteht aus leuchtend blauen Blousons für Männer und Bleistiftröcken und Hemdblusenkleidern für Frauen – „die würde auch Jackie O. tragen, wenn sie zur heutigen Zeit leben würde“.

Will die Mehrheit der deutschen Kunden ihrer Zeit einfach nicht voraus sein? Warum setzen sie auf Altbewährtes, statt Experimente zu wagen? Vielleicht liegt es an fehlendem Individualismus und dem Wunsch, nicht aus der Masse hervorzustechen. Das zumindest glaubt der Modedesigner Peter Bertsch, der seine Heimat Köln verließ, um in Antwerpen an der renommierten Royal Academy of Fine Arts Mode zu studieren. „Deutsche neigen dazu, sich in Gruppen einfügen zu wollen. An den Modeschulen wird nicht gelehrt, sich selbst zu verwirklichen, sondern sich einzugliedern. In Belgien hat man viel mehr kreativen Freiraum. Dort lernt man von Anfang an, eine eigenständige modische Richtung zu kreieren, und erntet Respekt dafür.“ So fand der 27-Jährige seinen unverwechselbaren Stil. Orchideen haben ihn zur Silhouette seiner Kleider inspiriert, die dem Körper eine völlig neue Form verleihen. Zu experimentell mögen das manche finden, doch Peter Bertsch hat erreicht, was er wollte: Emotionen zu wecken. Sein Studium hat er mit der höchsten Punktzahl abgeschlossen, die jemals an der Royal Academy of Fine Arts vergeben wurde. Ein traumhaftes Ergebnis, immerhin machten an derselben Hochschule auch berühmte Modedesigner wie Ann Demeulemeester, Dries von Noten und Bernhard Wilhelm ihren Abschluss. An Talent und guten Ideen fehlt es deutschen Designern nicht. Was also kann getan werden, um ihr Können stärker ins Rampenlicht zu rücken? Eine Plattform für junge deutsche Mode bietet die „Beck’s Fashion Experience“, die einmal jährlich in Berlin stattfindet. Sieben Nachwuchsdesigner präsentierten dort Ende Januar ihre Kollektionen einer Jury, bestehend aus Modeexperten wie dem belgischen Designerduo A. F. Vandevorst und Moderedakteuren der italienischen „Vogue Uomo“. Modestudentin Elena Schneider aus Pforzheim zeigte dort ihre Entwürfe erstmals vor einem großen Publikum. „Es war ein super Gefühl, am Ende der Show mit den Models über den Laufsteg zu gehen und Applaus für die eigene Arbeit zu ernten“, sagt die 24-Jährige. Unter dem Motto „Ich packe meinen Koffer“ hatte Elena eine vielseitig kombinierbare Kollektion entworfen, die auf folgender Geschichte basiert: Eine Frau fliegt nach Italien. Am Flughafen wird ihr Koffer mit dem eines alten Herren vertauscht, aus dessen Kleidung sie sich nun ihre eigenen Kleider nähen muss.

Ob es nun Kurzgeschichten wie diese oder Formen aus der Pflanzenwelt sind: Die Inspirationsquellen junger Modedesigner könnten unterschiedlicher nicht sein. Den Startschuss für Carola Plöchingers Label IO lieferte ein Klassiker der Herrenmode: die Krawatte. „Ich habe mich schon immer gefragt, warum sich Männer ein Stück Stoff um den Halshängen“, erzählt sie. Dieser Frage ging sie in ihrer Diplomarbeit im Studienfach Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin nach. Sie fotografierte Geschäftsleute auf dem Gendarmenmarkt und stellte fest, dass sie alle gleich aussehen. „Mit dieser Uniformität wollte ich Schluss machen“, sagt Carola. In ihren Entwürfen gibt sie Männermode mit raffinierten Details einen neuen Dreh. Ihre Krawatten bestehen mal aus flauschiger Angorawolle, sind mit Schäferhunden bestickt oder werden mit Büroklammern in Form gebracht. Die Shirts zeigen dank tiefer V-Ausschnitte viel vom männlichen Körper. „Ich mag Männer und möchte zeigen, wie schön sie sind“, erklärt Carola.Auch bei den drei Berliner Jungdesignerinnen von Q.E.D. (kurz für: Quod erat demonstrandum) dreht sich alles darum, Männermode interessanter zu machen. In ihrer aktuellen Kollektion übertragen Jasmin Moallim, Julia Böge und Simona Gabrieli das Harlem der zwanziger Jahre in die Neuzeit. Jacken, die an Fracks erinnern, kombinieren sie mit schmalen Hosen, Gangsterhüten und spitzen Herrenschuhen. „In der Männermode hat man viel weniger Spielraum als bei Frauen, deshalb arbeiten wir mit viel Liebe zum Detail, präzisen Schnitten und ausgewählten Stoffen.“ Mit ihrer lässigen Mode für junge Typen schafften es die drei Freundinnen sogar in den Bildband „Young European Fashion Designers“ (Daab Verlag), in dem jährlich die talentiertesten Modemacher aus ganz Europa vorgestellt werden.

Besonders lebendig ist die deutsche Modeszene in Berlin. Das wird klar, wenn man Styleserver.de, den Onlineshop mit der umfangreichsten Auswahl junger deutscher Mode, im Internet aufruft. Von 50 Nachwuchslabels stammen dort allein 40 aus Berlin. Ob Schmuck, Taschen, Gürtel, Hosen oder Kleider: Dank der Website kann man sich leicht einen Überblick über die vielfältige Modeszene verschaffen. Ein Angebot, das auch außerhalb Deutschlands gut ankommt. „30 Prozent unserer Bestellungen erreichen uns aus dem Ausland“, so Betreiber Jan Eißmann. Zur Verbreitung von junger deutscher Mode trägt auch das Kaufhaus Galéries Lafayette in Berlin bei. Im „Labo Mode“ in der zweiten Etage des französischen Traditionshauses können ausgewählte Jungdesigner jeweils drei Monate lang ihre Kollektionen neben Designermarken wie Dolce & Gabbana oder Issey Miyake verkaufen. „Die Unterstützung von jungen Designern hat bei uns eine lange Tradition“, erzählt Thierry Prévost, Geschäftsführer von Galéries Lafayette und Mitglied der Jury von „Beck’s Fashion Experience“. „Als Jean Paul Gaultier noch ein unbekannter Newcomer war, haben wir seine Mode bereits in unserem Pariser Haus verkauft.“ Bei der Auswahl neuer Designer verlässt er sich vor allem auf sein Gefühl, achtet weniger auf Alltagstauglichkeit als auf Innovation und Kreativität. Die Orchideenkleider von Peter Bertsch haben ihm bei der „Beck’s Fashion Experience“ am besten gefallen. Experimentelle Mode hat es dennoch schwer in Deutschland. Thierry Prévost meint: „Es gibt hier nicht so viele Fashion-Freaks wie in England oder Frankreich. Die Deutschen bleiben lieber einer Marke treu, als einen neuen Designer zu testen.“ Im Gegensatz dazu steht das kreative Potenzial der Berliner Modeschöpfer, das internationale Einkäufer schon längst erkannt haben. „Berliner Mode gilt im Ausland als besonders kreativ, weil die Designer hier nicht so kommerziell denken. Diese freie Art des Arbeitens ist möglich, weil die Lebenskosten in Berlin gering sind, und damit auch der Druck, wirtschaftlich erfolgreich zu sein“, erklärt Thierry Prévost, der Berlin als große Chance sieht, junge Mode aus Deutschland international zu etablieren.

Dass junge deutsche Mode im Ausland gefragt ist, kann Janina Meyer vom Frankfurter Label Ketchup & Majo bestätigen. Bei der Modemesse „Bread and Butter“ kam sie mit Einkäufern der englischen Kette Topshop ins Geschäft, ihre Mode in der Nachwuchsdesigner-Abteilung des Megastores am Oxford Circus anzubieten. Die Oberteile, Röcke und Kleider aus alter Kinderbettwäsche mit Batman-, Palmen- oder Astronautendruck fanden in London so reißenden Absatz, dass Janina jeden zweiten Tag den Kleiderständer mit neuen Outfits auffüllen musste. Die Idee zur Kollektion „Schnarch“ stammt aus ihrer Kindheit, als sie sich von ihrer Oma einen Rock aus einem Äpfelchen-Bettbezug nähen ließ. Heute beschäftigt die 29-Jährige eine ganze Werkstatt mit der Fertigung ihrer Mode. In der sozialen Einrichtung Affentor Manufaktur in Frankfurt lässt sie ihre Kleidungsstücke nähen, die Namen wie „Pünktchen und Anton“ oder „Du bringst mich auf die Palme“ tragen. Ihre aktuelle Kollektion „Alaaf“ ist vom Karneval inspiriert – ein humorvoller Umgang mit Mode, der zeigt: Fashion aus Deutschland ist längst nicht mehr so geradlinig und verkopft wie die Entwürfe einer Jil Sander. Der Nachwuchs ist unterwegs in eine modische Zukunft, in der alles möglich zu sein scheint. Jetzt müssen die Deutschen sich nur noch selbst entdecken.

Aileen Tiedemann