PRINZ: Ihr neues Album heißt „Further Complications“. Wird das Leben denn nie einfacher?
Jarvis Cocker: Leider nicht. Es wird sogar immer komplizierter. Als ich jung war, dachte ich immer, ich würde mich eines Tages in einen perfekt funktionierenden Erwachsenen verwandeln, der genau weiß, was man sagt, wenn man einen Raum betritt, oder wie man an der Bar einen Drink bestellt. Heute weiß ich, dass ich diesen Zustand nie erreichen werde. Aber das ist okay so.

PRINZ: Vermissen Sie etwas aus der Zeit, als Sie mit 15 Pulp gegründet haben?
Jarvis Cocker: Nein, denn ich war ein sehr unsicherer Teenager. Ich hatte Angst davor, mit Mädchen oder generell anderen Menschen zu sprechen.

PRINZ: Hat es Ihnen da geholfen, in einer Band zu spielen?
Jarvis Cocker: Ja, das war sogar einer der Gründe, warum ich Pulp gegründet habe. Die Band war mein eigenes kleines Reich, in dem alles nach meinen Regeln funktionierte. Ein Zufluchtsort, an dem ich all das tun konnte, was ich mich im wahren Leben nicht traute. Zum Beispiel, Songs über Mädchen schreiben, mit denen ich sonst nie geredet hätte.

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PRINZ: Fast 15 Jahre hat es gedauert, bis Pulp den ersten großen Hit hatten. War dann alles so, wie Sie es sich erträumt hatten?
Jarvis Cocker: Nein, es war ein Desaster. Ich wurde in eine Welt katapultiert, in der ich mir vorkam wie der Gewinner von „Pop Idol“. Klatschzeitungen schrieben über mich, und auf der Straße zeigte man mit dem Finger auf mich. Dabei spielte ich doch in einer Indieband. Vielleicht lebe ich lieber in meiner Fantasie als in der Realität.

PRINZ: Ihre Musik macht dennoch einen enthusiastischen Eindruck.
Jarvis Cocker: Es geht darum, ein guter Beobachter zu bleiben. All das wahrzunehmen, was einen jeden Tag umgibt. Ich habe immer ein kleines Buch dabei, in dem ich notiere, was ich sehe, höre und denke. Später werden aus diesen Fragmenten des Alltags neue Songs.

PRINZ: Wird es mit den Jahren schwerer, sich diesen offenen Blick für die Welt zu bewahren?
Jarvis Cocker: Ja, weil man Dinge ständig mit anderen vergleicht. Kinder hingegen haben einen unverfälschten Blick und sehen die Dinge so, wie sie wirklich sind. Einer meiner neuen Songs heißt „Hold Still“. Das sage ich immer zu meinem kleinen Sohn, wenn ich ihn morgens anziehe. Er kann aber nicht still halten. Man kann die Zeit nicht anhalten. Man muss älter werden, man muss sich verändern.
Aileen Tiedemann