Marais, 3. und 4. Arrondissement
Beim Blick über die Place des Vosges verdient er eine Gedenkminute: Heinrich IV., Frankreichs erster König, der sich für Stadtplanung interessierte. Als er 1594 in Paris einzog, überraschte ihn die stark mittelalterlich geprägte Stadt unangenehm. Außer dem Vorplatz von Notre-Dame und dem Place des Grèves am Seineufer, wo Tagelöhner auf Arbeit warteten, gab es keinen öffentlichen Platz. Heinrich IV. ließ das ändern. Er wünschte ein einheitlich bebautes, symmetrisch angelegtes Areal im Osten bei der Stadtmauer. Mönche und Templer hatten dort bereits im 13. Jahrhundert Sümpfe, marais, trocken gelegt. 1605 ist Baubeginn, doch Heinrich IV. erlebt die Fertigstellung 1612 nicht mehr. Sein erst elf Jahre alter Nachfolger Ludwig XIII. weiht die Place Royale, heute Place des Vosges, mit großen Festen ein. Besonders vormittags, wenn es dort noch schön still ist, strahlen die Renaissance-Fassaden eine erhabene Ruhe aus. Schlendert man durchs Marais ist es kaum zu glauben, dass dieses elegante, ehemalige Adelsviertel, wo einst auch die schreibfreudige Marquise de Sévigné und die Marquise de Rambouillet wohnten, vor 45 Jahren beinahe abgerissen worden wäre.

Denn mit der Revolution begann auch der Verfall des Marais. Nur noch die ganz Armen und Emigranten bewohnten die Häuser, von denen die wenigsten über fließend Wasser oder Toiletten verfügten. In einer Last-Minute-Aktion rettete André Malraux, damals Kulturminister, das Marais und beschloss eine großangelegte Sanierung der noch rettbaren Palais. Zwischen Place des Vosges im Osten, Rue des Francs Bourgeois im Norden und Rue des Archives im Westen fallen Besucher aus dem In- und Ausland heute wie Bienenschwärme ein. Das Marais ist durch seine Schwulenkultur um die Achse Rue Vieille du Temple und durch das jüdische Viertel um die Rue des Rosiers eine der lebendigsten und buntesten Ecken der Stadt – allerdings auch chronisch überfüllt. Im Nord- Marais, auch „Haut-Marais“ genannt, lässt es sich hingegen noch recht ungestört bummeln. Das ganze Gebiet gehörte einst zu den riesigen Klosteranlagen der Templer. In der ehemaligen Klosterzufahrt, der Rue du Temple, eröffnete 1998 im ehemaligen Adelspalais „Hôtel de Saint- Aignan“ das Jüdische Museum. In der Markthalle, Carreau du Temple, kleideten sich im 19. Jahrhundert die armen Pariser ein, und 1904 wurde dort die erste Verbrauchermesse Frankreichs organisiert.

Das alles ist passé. Heute findet man hier das schicke Spa neben dem Edel-Bio-Imbiss, die Kunstgalerie neben der Boutique eines avantgardistischen Mode-Designers. Auf dem Vormarsch sind auch Läden mit altem Industriemobiliar, das so gut in die Lofts passt, die in den ehemaligen Handwerksbetrieben und Fabriken im Nord-Marais eingerichtet wurden. Die kleinen Leute und Handwerker, die hier traditionell gelebt haben, sterben aus. Das Marais ist längst in der Hand der „Bobos“, Bourgeois-Bohèmes, und die sorgen für Chic und Kaufkraft im alten Adelsviertel.