„Ist das hier eine Mottoparty?“ Der junge Besucher aus der Vorstadt ist sichtlich irritiert, als sich die bunte, fröhliche Gruppe in den Club im Hamburger Hafen drückt. Mit seinem weißen Stehkragenhemd, schnieken Lederslippern und gebügelter Jeans wirkt er inmitten der Neon-Farbpracht wie ein welkes Mauerblümchen. Ungläubig, als hätte er sich in der Tür geirrt, starrt er auf die Nachtgestalten in rosa Stretch-Leggings und gesprenkelten Hosen, alle grell geschminkt oder hinter Tiermasken verkleidet, verziert mit neonfarbenen Schals und Perlenketten. Sie recken ihre phosphorisierenden Leuchtstäbe in die Luft, lassen sie im Takt der Bässe wie einen Dirigierstock tänzeln. An der Fensterfront der rundum verglasten 20. Etage des Atlantic-Hauses prangt in großen, neonbunten Lettern „Rave With Lovegang“. Dahinter erstreckt sich ein atemberaubendes Lichtermeer. Das ist die Großstadt. Und hier prallen sie erstmals aufeinander: die Normalen – und die New Raver. Während die eher bieder gekleideten Partygäste in Grüppchen verharren, herrscht zwischen den Paradiesvögeln ein reger Austausch. Fremde werden ohne Umschweife zu Freunden: „Wow, dein Outfit ist die Bombe“, fällt das Mädchen in den rosa Hotpants über die Besucherin hinter der Plastikhasenmaske her. „Du bist ja hier die Nightlifequeen. Und die Kette erst! Wo hast du die denn her?“, Und die Hasenmaske: „Die habe ich selbst gebastelt aus Strohhalmen! Willst du auch eine haben?“ Der Beginn einer kunterbunten Freundschaft. Es darf wieder gefeiert werden. Ungezwungen, selbstverliebt, ausgelassen und dennoch stylisch. New Rave nennt sich der farbenfrohe Partyrausch, den die Trend-Gebärmaschine London zur Welt gebracht hat. Nun ist er auch in Deutschland angekommen, hat zuerst nach Hamburg übergesetzt und die Stadt mit der „Lovegang“-Partyreihe überrannt.Nun sind Berlin und andere Städte dran. Aber darf man New Rave schlicht als Partymotto bezeichnen? Nein, hinter New Rave verbirgt sich eine Philosophie, ein ermutigender Aufruf an alle, die der Nightlife-Monotonie und übertriebener Coolness den Kampf ansagen wollen. Mit deutschen Großraum-Technoveranstaltungen der Neunziger, überfüllten, stickigen Hallen im Stroboskopgewitter, Menschen, die Pillen wie Smarties einwerfen und in weißen Handschuhen und Atemschutzmasken zappeln und zucken, hat das herzlich wenig zu tun.

Vielmehr bezieht sich die hier gemeinte Rave-Neuauflage auf den „Manchester Rave“ britischer Bands wie den Stone Roses, den Charlatans oder den Happy Mondays, die bereits in den achtziger Jahren ihre Gitarrenmusik mit elektronischen Effekten aufmöbelten. Die 1988 aufkeimende Acid-House-Kultur Großbritanniens übernahm diesen Musikstil, der sich mehr und mehr zum Techno wandelte. Hedonismus und Freiheit waren die Schlagworte dieser Zeit, in der Tausende in Lagerhallen auf illegalen Warehouse- Partys die Ekstase suchten. Die Geburtsstunde dieser Jugendkultur ging nach der amerikanischen Hippiebewegung 1968 als zweiter „Summer Of Love“ in die Geschichte ein. Gelb-schwarze Smileys, neonfarbene Outfits und Glowsticks waren schon damals fester Bestandteil der Szene. Und weder bei New-Rave-Partys noch bei Konzerten der angesagtesten New- Rave-Bands dürfen diese Accessoires heute fehlen. Durch den New-Rave-Boom in England lohnt es sich inzwischen auch für Designer, eigene Kollektionen für die Szene herauszubringen. Allen voran die Londonerin Carri Mundane gilt mit den schrill-bunten, comicartigen Outfits ihres Labels Cassette Playa als wegweisend für den Trash-Fashion-Stil des New Rave. Aber auch Basso&Brooke und Keshwear, das Label der zwei Londoner Partyköniginnen Zezi und Keshia, alias Coconut Twins, greifen für ihre Kollektionen tief in den Farbtopf. Kleidung und Styling bilden definitiv wichtige Aspekte dieses Trends, beides verleiht dem Lebensgefühl und der erfrischend unbeschwerten Attitüde der New Raver Ausdruck. Doch die Wiederbelebung des Raves verdanken wir nicht der Modeindustrie, sondern dem britischen Musikmagazin „New Musical Express“ (NME). Dort wurde im vergangenen Sommer der Begriff New Rave für den Musikstil der Londoner Band Klaxons erdacht. Ein Begriff, der die weitgefächerte Mischung aus Punk, Dance, Indie und Electro auf einen Nenner bringen sollte und den die Klaxons zuvor angeblich selbst nur einmal scherzhaft und beiläufig ausriefen. Hätten sich die Klaxons in ihrem Lied „Atlantis To Interzone“ nicht hysterischer Sirenensounds bedient, wer weiß, ob man sie nicht einfach in die Schublade Dance-Punk gesteckt hätte. Mit den schottischen Kollegen von Shitdisco war für den „NME“ auch schnell ein weiterer Kandidat im Rennen um die heißeste New-Rave-Band gefunden. Deren Song „Reactor Party“ erinnert an die Prodigy- Klassiker „Everybody In The Place“ oder „No Good“. Rasch gesellten sich ähnlich ungewöhnlich klingende Indie- und Electrobands aus ganz Europa zur New-Rave-Gemeinde: Datarock aus Norwegen, New Young Pony Club aus England oder Lo-Fi-Funk aus Stockholm. Und mit jedem Neuzugang wuchs die Popularität des Genres rapide. So waren die ersten Konzerte der Klaxons in Deutschland noch dröge Veranstaltungen in halbleeren Hallen, ihre Auftritte im März dieses Jahres hingegen glichen plötzlich einem brachialen Partygewitter mit Neonschauern und Glowstickhagel. Wie schon lange nicht mehr feierte das Publikum die Protagonisten auf der Bühne, die Musik – und vor allem sich selbst. Auch im Nachtleben verbreitet sich New Rave wie ein Lauffeuer.

Immer mehr Menschen bekommen Wind von dem schrillen Ding aus London und begeistern sich für die Idee, die dahinter steckt. Noch sind offizielle New-Rave-Partys schwer zu finden – selbst in der Hauptstadt, wie der Berliner DJ Oli bestätigt: „So massiv wie in London oder Antwerpen geht es noch nicht ab. Doch langsam setzt sich New Rave auch hier durch. Dass sich Leute so bunt und ausgefallen für Partys aufstylen, ist auf jeden Fall etwas Besonderes. Bisher herrschte in Berlin doch ein gewisses Understatement vor: aussehen, als wäre man gerade aus dem Bett gestiegen.“ Ganz anders sieht es da bei den Londoner New-Rave-Veranstaltungen der Coconut Twins aus.“Unsere Partys sind wie ein gigantischer Zoo – voll von wilden, unglaublichen Tieren. Anziehen, was man will, tanzen, wie und wozu man Lust hat, und einfach Spaß, Spaß, Spaß haben. Es geht nicht darum, sich anzupassen oder sich darum zu kümmern, was andere machen. Es geht darum, das zu tun, was man fühlt“, sagt Coconut-Twins- Hälfte Zezi Ifore. Auch DJ Ol, der im Ausland bereits als New-Rave-DJ gebucht wird, ist der Meinung, dass das Phänomen nur schwer einzugrenzen ist, vor allem musikalisch. „Man braucht einfach Mut, Musikstile zu mixen, querbeet aus Electro, Trash, Remixen und Musik, wie sie die Klaxons machen, etwas Neues zu formen“, sagt der Resident DJ des Berliner Clubs NBI. Er bringt es auf den Punkt: New Rave ist schlichtweg ein neuer Impuls, bei dem Grenzen verwischt werden und die Langeweile auf der Strecke bleibt. Schon lange hat kein Trend so zeitgleich die Mode-,Musik- und Nightlife- Szene erreicht und sie dadurch geeint – zumindest in London. Und selbst wenn New Rave uns in Deutschland keinen „Summer Of Love“, sondern nur einige unvergessliche schrille und lustige Sommernächte in den angesagtesten Clubs beschert: Man sollte dabei gewesen sein.

Sascha König