Sie präsentiert sich gern als Fly-Girl im selbst kreierten „Ghetto Chic“: falsche Wimpern, monströse Fingernägel, schwarzer Lippenstift, klobiger Schmuck nebst imposanten Stilettos, die sie zu einer Respekt einflößenden 1,85-Meter-Erscheinung aufrichten. Jessie J ist eine Art Ali G in weiblich – und ohne Witz. Denn diese „Sista“ spricht fieses Cockney-Englisch, zeigt offen ihre schlechte Laune und wittert hinter jeder Frage versteckte Bösartigkeiten. Dabei – und das gibt die bisexuelle Sängerin selbst zu – sei die harte Schale nur ein Schutzschild, der Kern dahinter umso weicher. Eben eine 22-Jährige aus dem Norden Londons, die als Kind wegen ihrer Größe gehänselt, nicht zum Schulchor zugelassen, und bei der im Alter von elf Jahren ein Herzfehler festgestellt wurde. Alkohol, Kaffee, Tee sind daher tabu, sie lebt ultra-gesund und ist umso ehrgeiziger.

Video-Tipp: „Price Tag“ von Jessie J feat. B.o.B

Mit Musik als Fixpunkt. „Lieder zu schreiben und zu singen erspart mir den Psychiater. Das ist mein Ventil.“ Das erkannte sie schon früh. Mit 12 sang sie in Musicals, mit 16 besuchte sie die Talentschmiede Brit-School und schrieb Songs für Chris Brown, Miley Cyrus und Alicia Keys. Und trotzdem wollte sie niemand unter Vertrag nehmen – sechs Jahre lang. Was für Selbstzweifel und noch mehr Wut sorgte: „Ich habe nicht verstanden, warum das so lange dauert und welches Problem die Labels mit mir haben.“ Dafür geht jetzt, nachdem ihr Debüt „Who You Are“ in Großbritannien erschienen ist, alles umso schneller: „Do It Like A Dude“ und „Price Tag“, in denen sie mit der Musikindustrie abrechnet, erreichten Platz eins beziehungsweise zwei der Single-Charts, die Medien stürzen sich auf sie. Was ihr bereits zu viel wird. „Ich kann nicht mal zum Supermarkt um die Ecke, ohne von Paparazzi belagert zu werden. Das ist wirklich schlimm.“

Eine Entwicklung, die hauptsächlich auf ihrer Selbstinszenierung basiert. Ihr Album hingegen erweist sich als handelsüblicher Mix aus R&B, Soul, Pop und Dance, der am stärksten ist, wenn sie ihrer imposanten Stimme Freiraum lässt, zur akustischen Gitarre singt und die Attitüde beiseiteschiebt. Was leider selten passiert. Die meisten Stücke wandeln auf den Spuren von Mariah Carey, Rihanna oder Pink. Um groß durchzustarten, dürfte das vorerst tatsächlich reichen.