GELIEBTES DRECKSTÜCK
„Warum tun wir uns das eigentlich an?“, fragte mich neulich eine Freundin. „Ich meine dieses Stadtleben. Hektik, Dreck, Lärm, gestresste, unfreundliche Neurotiker. Darauf kann man doch getrost verzichten.“ Ein Wochenende an der frischen Landluft hatte die sonst so überzeugte Hamburgerin ins Grübeln gebracht. Klar hatte ich sofort tausend Argumente pro Stadt im Kopf, hätte ihr von Menschen und Möglichkeiten erzählen können, aber ich hatte keine Lust auf Grundsatzdiskussionen. Also drückte ich ihr einfach Peter Fox‘ Album in die Hand und prophezeite: „Hier findest du Antworten.“ Denn auch der Seeed-Kopf lässt seinen Gefühlen zur Großstadt auf seinem Solodebüt freien Lauf. Er spricht offen aus, was ihn nervt, benennt Missstände, kritisiert seine ach so szenigen Mitbewohner – und gesteht sich in Zeilen wie „Denn ich weiß, ob ich will oder nicht, dass ich dich zum Atmen brauch“ am Ende doch widerspenstig seine Abhängigkeit und Zuneigung ein. Seine Heimat Berlin spaltet die Lager natürlich nicht erst seit gestern. Zu groß, zu schmutzig, zu extrem, zu hip, keifen die einen. Kreativ, kosmopolitisch und exzessiv, schwärmen die anderen. Nichts, was einem neu vermittelt werden müsste.

Doch der Kreuzberger will „Stadtaffe“, für das er seine zehn Seeed-Kollegen gegen zwei Schlagzeuger und ein rund 40-köpfiges Filmorchester eintauschte, nicht als Berlinalbum verstanden wissen. „Es geht auf der Platte um das Innen- und Außenleben von Großstädtern“, sagt Fox. „Konkret um Berlin eigentlich nur in zwei Songs.“ Trotzdem bevölkern den clubtauglichen Alleingang an vielen Ecken und Enden Spuren des dicken B’s, das im Sommer so gut und im Winter weh tut. „Diese Stadt prägt mich natürlich. Ich finde es auch cool, wenn man erkennt, wo jemand herkommt. Ich kann das einfache Gefühl plastischer erzählen, wenn ich konkrete Sachen einstreue.“ Zum Beispiel den Fernsehturm, der im Titelsong „Stadtaffe“ von selbigem bestiegen wird. Oder die Prachtstraße Unter den Linden, die in der Klimawandel-Vorhersage für Berlin („Fieber“) zu Unter den Palmen mutiert. „Aber man muss nicht aus Berlin kommen, um das Gefühl zu verstehen.“ Recht hat er. Geflirtet, geliebt, gesoffen und gefeiert wird überall. Eins auf die Fresse gibt’s auch in Saarbrücken. Hunde- und Taubenscheiße nervt auch in München. „Es sei denn, man ist halt ein Landei. Dann versteht man’s vielleicht nicht.“

Das wiederum könnte sich vielleicht in der verträumten Vision des großfamiliären Provinzlebens in „Haus am See“ erkennen – eine Vorstellung, die selbst Fox, Vater eines Kindes, für sich nicht ausschließt. „Aber ich würde auch sicher wieder zurückkommen“, bekennt er mit Überzeugung. Was uns zu meiner hadernden Freundin führt: Sie gab mir die Platte ungehört zurück. Hatte leider keine Zeit, um sie zu hören. Jede freie Minute geht gerade drauf für die Suche nach einer neuen Wohnung. Eine Wohnung näher am Stadtkern.

Sascha König

Video-Tipp: „Alles neu“ aus dem Album „Stadtaffe“