Die gute Laune kam nachts um drei. „Es war Sommer, wir standen auf dem Land, mitten auf dem Feld und ohne Schuhe“, erzählt Vanessa Paradis. „Da haben wir in einem einzigen Take den Song ,Jackadi‘ aufgenommen. Eine Version, ein Mikro. Wir haben viel gelacht, viel rumgealbert. Diese Stimmung hat sich dann wie ein roter Faden durch die ganze Produktion durchgezogen.“ Man kann es hören.

Zwei Jahre lang stand die Sängerin, die außerdem als Schauspielerin, Chanel-Model, Partnerin von Hollywood-Pirat Johnny Depp und überhaupt als französische Allzweckwaffe bekannt ist, im Aufnahmestudio und arbeitete an ihrem Comeback. Sieben Jahre nach ihrem vorigen Album „Bliss“ zeigt sie auf „Divinidylle“, dass sie mit ihren mittlerweile 34 Jahren alles andere als die ewige Pop-Lolita ist, wie Frankreichs Presse sie immer noch gerne nennt.

Das Album ist ein reifes Zeugnis, das sich die Sängerin selbst ausstellt. Voller Überraschungsmomente und Klangabenteuer, die sich deutlich am Rock’n’Roll orientieren. Da ist viel England und Amerika zu hören, aber noch mehr französischer Stil: Neo-Chanson mit Multikultur-Flavour. So inspirierend und erwachsen der Sound der legitimen Erbin von Brigitte Bardot auch ist, es gibt auch Konstanten: Die Zahnlücke und die Mädchenstimme, die süße Unschuld verströmt, sind ihr geblieben. „,Joe Le Taxi‘ ist zwanzig Jahre her, aber dieser Song verfolgt mich bis heute“, sagt sie. „Es ist mir unbegreiflich, dass sich gerade dieses Lied so im kollektiven Gedächtnis meiner Landsleute festsetzen konnte.“ Denn die Paradis ist mittlerweile viel mehr – eine nationale Ikone nämlich.

Ihr Landsmann -M- (bürgerlich: Matthieu Chedid) produzierte des neue Album und fungierte auch als Komponist, Gitarrist und Sänger. Partner Johnny Depp hat sich ebenfalls auf dem Album verewigt – jedoch nicht mit seiner Stimme: Er malte das bunte Coverporträt. Paradis‘ reichhaltige Songs bewegen sich harmonisch kreuz und quer durch die Tonarten, den verwundenen Wegen guter französischer Chansons folgend. Das hat das Album mit dem Meilenstein „Bliss“ gemeinsam. Den Vergleich mit Charlotte Gainsbourg mag die mit Johnny Depp und ihren Kindern Jack und Lily-Rose in Südfrankreich auf dem Land lebende Paradis nicht: „Die Gainsbourg ist ein echtes Nationalheiligtum“, sagt sie. „Mit ihr möchte ich nicht tauschen. Sie lebt wie unter einer Lupe, jeder ihrer Schritte wird beobachtet und kommentiert. Das ist auch der Grund, warum ich nicht nach Paris zurückkehren möchte. Hier auf dem Land lässt man mich und meine Familie in Ruhe.“

Dabei wurde Vanessa Paradis schon früh daran gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen. Ihr Onkel, der Schauspieler Didier Pain, nahm die damals sechsjährige mit zu seinen Auftritten, gleich, ob vor der Kamera oder auf der Bühne. 1985 waren die beiden in einem Plattenstudio dabei, als Sophie Marceau eine Aufnahme machte. Die anwesenden Musiker fanden, dass man auch einmal eine Platte mit Vanessa Paradis machen könne. Gesagt, getan. Das Resultat hieß „Joe Le Taxi“ und wurde der erwähnte Welthit. Für ihren zweiten Longplayer schrieb Serge Gainsbourg die Texte. Spätestens jetzt wusste man in Frankreich, dass Vanessa Paradis als multimedialem Aushängeschild für Mode, Film und Musik die Zukunft gehörte. Mit ihrem dritten Album beschritt Vanessa Paradis 1993 neue Wege. Lenny Kravitz ließ sich als kreativer Kopf verpflichten – und wurde ihr Lebenspartner. „Be My Baby“ wurde der ersehnte Hit, der bis heute im Radio dudelt. Die anschließende Tournee war ein riesiger Erfolg. Und mit der gerade mal 20-Jährigen hatte Frankreich ein neues Idol.

Die innere Leere aber blieb. Bis sie Johnny Depp traf. „Er ist ein Glücksfall für mich“, sagt Vanessa Paradis. „Als Vater ist er unschlagbar, und er ist bis heute ein fantastischer Freund geblieben.“ Dass er jetzt zurückstehen muss, während die Paradis ihre Karriere ankurbelt, sei selbstverständlich. „Schließlich habe ich ihm in den vergangenen Jahren den Rücken für seine Filme frei gehalten.“ Aufgeregt, wie die Öffentlichkeit ihr neues Album annehmen wird, ist sie dann aber doch: „Als ich das erste Mal meine neuen Songs live präsentiert habe, war da ein Gefühl, das ich seit Jahren nicht hatte“, sagt Vanessa Paradis. „So etwas zwischen Lampenfieber und erstem Sex. Es hat gekribbelt, es war aufregend. Ich habe ganz schön geglüht.“ Stéfan P. Dressel