Tipps und Tricks für eine „flirtige Persönlichkeit“

Die Botschaft klebt in knallroten Lettern an der Fensterscheibe. Passanten, die eben noch durch den Nieselregen gehetzt sind, drosseln plötzlich ihre Schritte, um einen Blick in das kleine Büro im Souterrain zu werfen. Manche lächeln, wenn sie dabei von Nina Deißler ertappt werden. „Flirten macht glücklich.“ So lautet der Slogan der 33-Jährigen. „Ich bringe den Menschen bei, dass Flirten kein Mittel zum Zweck ist, sondern eine Lebenseinstellung“, sagt Deißler. Seit fünf Jahren gibt die gebürtige Hessin in ihrer Agentur „Kontaktvoll“ in Hamburg-Eimsbüttel Flirtkurse für Männer und Frauen. Die zwei Wörter „Anlächeln erlaubt“ auf ihrem knallrosa T-Shirt sind ernst gemeint. „Die Menschen sollen kontaktvoller werden und lernen, wie sie sich zu einer flirtigen Persönlichkeit entwickeln können“, sagt Deißler und schickt ihr strahlendes Lächeln hinterher. Wie das gehen soll? Einfach mal auch fremden Menschen auf der Straße ein Lächeln schenken oder völlig beiläufig ein Kompliment machen: Das stärke das Selbstvertrauen. „All die kleinen Nettigkeiten, die man verschenkt, kommen immer zurück“, sagt die gelernte Marketingfachwirtin und Kommunikationstrainerin. Damit rutsche auch automatisch das „Flirtkonto“ ins Plus. Denn gerade im Ernstfall fehle es oft an Mut. Den schwarzen Peter schiebt die Frau, die sich selbst „Date-Doktor“ nennt, jedoch nicht nur den Männern zu. „Frauen schauen Männer, an denen sie Interesse haben, zwar an. Aber sie schauen auch genauso schnell wieder weg, wenn er den Blick erwidert“, sagt Deißler. „Sie fühlen sich dann ertappt, kramen in ihrer Tasche, krallen sich die Speisekarte oder tippen eine SMS auf ihrem Handy.“ Dieses versteckt positive Signal erreiche meist nicht den Empfänger. „Männer denken nicht so um die Ecke.“ Daher Deißlers Tipp an die Frauen: Sie sollten sich dazu zwingen, einen kleinen Moment länger hinzugucken – so lange, wie es dauert, „21“ auszusprechen.

Noch mehr Verve würde eine Frau beweisen, wenn sie dabei den Mann auch noch anlächle. Dies gäbe selbst Exemplaren, die besonders breite Scheuklappen trügen, unverkennbar grünes Licht: Start frei, Action! „Es wird bei Weitem unterschätzt, was ein Lächeln zwischen zwei Menschen auslöst“, sagt Deißler und fügt hinzu: „Es ist der erste Schritt von einem Vielleicht zu einem Ja!“ Ganz mutige Flirterinnen sollten dem Mann sogar noch deutlichere Gründe geben, auf sie zuzugehen. „Mit diesem Trick stoße ich vor allem bei den Frauen in meinen Seminaren erst einmal auf konsterniertes Kopfschütteln. Die Männer sind dagegen begeistert“, sagt Deißler. Die Methode: einen Mann zu sich herüberwinken. „Natürlich nicht mit der ganzen Hand, wie ein Einweiser, sondern mit einer ganz dezenten Geste“, meint die Flirtexpertin überzeugt, „Eine leichte Bewegung mit ein oder zwei Fingern reicht völlig aus.“ Die Krux: Viele Frauen scheuen sich davor, überhaupt eindeutige Signale zu senden. Aus Angst vor einem Korb, aus Furcht vor Enttäuschung. „Was, wenn er dann herkommt und ich finde ihn blöd?“ – diese Frage hört die Flirtexpertin öfter. „Dabei besteht gar keine Gefahr“, sagt Deißler. „Männer können mit einer höflich formulierten Abfuhr umgehen und brechen nicht gleich in Tränen aus.“ Und so üben ihre Teilnehmer auch in Rollenspielen Szenarien, die auf den ersten Blick gar nicht zu einem Flirtseminar zu passen scheinen: Wie man jemandem einen Korb gibt.

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Der Flirteinstieg funktioniert listig über die Hintertür. Deißler demonstriert in ihrem Training die drei besten indirekten Methoden, einen Mann anzusprechen. Vorschlag eins: einen Ortswechsel vortäuschen. Nach einem netten Augenflirt könne die Frau auf einen Mann zugehen und beispielsweise sagen: „Du hast mich so nett angelächelt. Da wollte ich zumindest Tschüs sagen.“ Damit eröffne sie dem Mann einen Gesprächseinstieg und wecke gleichzeitig seinen Jagdtrieb. Denn wenn er jetzt nicht schnell reagiert, so suggeriert der Spruch, ist sie schneller weg, als ihm vielleicht lieb ist. „Es gibt bei Männern zwei Instinkte, die immer noch sehr aktiv sind. Das ist zum einen der Beschützer- und zum anderen der Jagdinstinkt“, erklärt Deißler. „Der Mann denkt: ,Wenn ich mich jetzt gut anstelle, kann ich sie noch aufhalten. Also habe ich sie doch erobert.'“ Den Beschützerinstinkt könne man als Frau ebenfalls geschickt für sich nutzen. „Männer tun unheimlich gern etwas für Frauen“, sagt Deißler, sie nennt diese Eigenschaft scherzhaft „Reparier- und Helfer-Gen“. Frauen könnten so etwa den Mann am Tresen fragen, welches Bier nun besser sei: Warsteiner oder Beck’s? Ein möglicher Anfang für ein unterhaltsames Gespräch – gerade, wenn schnell auffliegt, dass sie sich sehr wohl mit Bier auskennt. Den Einwand, man heble mit der freiwilligen Bedienung des männlichen Jagd- und Beschützerinstinkts sämtliche Errungenschaften der Emanzipation aus den Angeln und spiele Weibchen, lässt Deißler nicht gelten. „Was die Partnersuche und das Flirten anbelangt, befinden wir uns immer noch im tiefsten Urwald. Daran hat die Emanzipation nicht viel geändert“, sagt sie ganz entspannt. „Aber es geht im ersten Moment einfach nicht um innere Werte, sondern erst einmal darum, miteinander in Kontakt zu kommen.“ Ob die Wellenlänge dann auch auf intellektueller Ebene stimme, das könne man anschließend in einem Gespräch herausfinden.

„Beim Flirten befinden wir uns noch im tiefsten Urwald. Daran hat auch die Emanzipation nichts geändert“.

Für die Frauen, die weder den Beschützer- noch den Jagdinstinkt im Mann ansprechen wollen, hat Deißler noch einen dritte Ratschlag: Eine Frau (aber ebenso gut ein Mann) könne einfach unverbindlich Kommentare in den Raum stellen, die den anderen indirekt zum Gespräch einladen. Dafür taugen auch angebliche No-go-Themen wie das Wetter. „Es ist Hochsommer. Wir sollten jetzt eigentlich in der Sonne sitzen und Kaffee trinken. Stattdessen ist es kalt und regnet, wir tragen Stiefel und ärgern uns“, sagt die Flirtexpertin, „diese Situation kannst du für einen Gesprächseinstieg nutzen. Du lässt einfach eine Bemerkung fallen wie ,Oh Mann, den Sommer hatte ich mir eigentlich wärmer vorgestellt‘.“ Bei einer ernsthaften Wetteranalyse und dem Austausch der jeweiligen Befindlichkeiten muss es nicht bleiben. Stimmt die Chemie, so sei es ein Leichtes, vom Dauertief „Helga“ auf die geplante Südafrikareise überzuleiten.

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Nina Deißlers vierter und letzter Vorschlag: direkt ansprechen – ohne Netz und doppelten Boden. „Ich gehe in eine Männergruppe rein und sage ,Hey Jungs. Wie sieht’s aus? Macht ihr einen Männerabend oder könnt ihr noch ein bisschen weibliche Unterhaltung gebrauchen?'“ Da Frauen genauso selten allein unterwegs sind wie Männer, erscheint die Vorgehensweise plausibel. „Ich scherze mit dem einen, plaudere mit dem zweiten und frage den dritten, ob er mir etwas zu Trinken holt“, sagt Deißler. „Dann sage ich: ,Übrigens, ich bin mit ein paar Freundinnen da‘ und schaue zu den Frauen rüber. Das ist der Moment, in dem kein Mann mehr mich anguckt, weil alle an mir vorbeispähen.“ Nach Meinung der Flirtexpertin kann diese Übung gar nicht ins Leere laufen, denn Männer würden in dieser Situation automatisch in Wettbewerb miteinander treten. Sie konkurrierten um die besten Ergebnisse. Man denke nur an Männergespräche: Fußballresultate, Börsenkurse, Berufserfolge. Gesprächsthemen, die bei einem Flirtgespräch mit einer Frau eher kontraproduktiv seien. Sie interessieren sich eher dafür, was ihn an seinem Job fasziniert. Ein paar Worte sollte jeder Flirter, egal ob Mann oder Frau, aus seinem Vokabular streichen. „Gewöhnt euch das Wort ,man‘ ab.“ „Vielleicht“, „eigentlich“, „irgendwann“ – weg damit! „Sagt eure Meinung geradeheraus.“ Falsch: „Vielleicht kann man irgendwann mal einen Kaffee miteinander trinken.“ Richtig: „Ich würde total gerne einen Kaffee mit dir trinken. Gib mir doch mal deine Nummer. Ich rufe dich diese Woche an.“ Mal ehrlich, wem würden Sie eher ihre Telefonnummer geben?