Wien hat ein echtes Problem. Und zwar ein recht sichtbares: zu viele schmucke Palais, pompöse Bauten und imposante Gründerzeithäuser. Da fällt den meisten Besuchern (und selbst so manchen Ortsansässigen) kaum noch auf, dass die österreichische Hauptstadt sich zu einer modernen Metropole gemausert hat, die in Sachen zeitgenössischer Kunst, Mode, Theater oder Film den europaweiten Vergleich längst nicht mehr scheuen muss. Da fungieren die barocken Gebäude, trappelnden Fiaker- Pferdchen und vergilbten Kaffeehäuser höchstens noch als (zugegeben: recht angenehme) Kulisse für das pulsierende, kreative Großstadtleben an der Donau. Die jungen Wienerinnen und Wiener amüsieren sich freilich ein wenig über das verschlafene Sachertorten- Image, das ihre Stadt im Ausland genießt – sie wissen ja besser, was hinter den Zuckerguss- Fassaden so alles passiert. In den ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen beispielsweise ist das Museumsquartier untergebracht. Das Kunstareal, das zu den zehn weltweit größten gehört, beherbergt etwa die renommierte Kunsthalle, die sich noch bis zum 7. September dem Thema „Punk. No One Is Innocent“ widmet. Im Sommer verwandelt sich der Innenhof der Kulturinsel zum riesigen Frischluft-Hotspot für junge Menschen, die auf den bunten Sitzwürfeln ihre Laptops aufklappen und zu den „Weekendsounds“ (Sa/So 12- 22 Uhr) wippen. Hier befindet sich auch der Subotron Shop, der sich ganz der elektronischen Spielekultur verschrieben hat, sowie die Musiktanke, ein digitales Archiv mit allem, was in Österreich je an populärer Musik produziert und veröffentlicht wurde. Das Epizentrum des Nachtlebens ist wiederum in den historischen Backsteinbögen unter der Stadtbahntrasse der U6 zu finden. Hier, am stark befahrenen und die Innenstadt umrundenden „Gürtel“, sprießen seit einigen Jahren die Clubs und Bars aus dem Boden wie Pilze.

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Das Rhiz etwa gilt als verlängertes Wohnzimmer der Wiener Elektroniker, das B 72 und Chelsea sind beliebte Livemusik-Hütten, und im etwas grindigen Studentenschauplatz Café Carina sprang schon Pete Doherty zum Spontan- Gig auf die Bühne. Egal in welchem Lokal man aber landet: Obligat ist in jedem Fall der nächtliche Stopp an einer der vielen Würstlstände davor. Tipp: die „Eitrige“ (Krainerwurst mit Käse) am Würstlstand an der Thaliastraße. Dass das Nightlife der Donaustadt also alles andere als fad ist, weiß auch der seit vielen Jahren in Wien lebende DJ, Cheap-Label-Betreiber und Produzent Patrick Pulsinger: „Momentan findet grad ein spannender Generationswechsel statt. Junge, heimische DJs wie Ken Hayakawa etablieren sich international.“ Dass Clubs regelmäßig mit weltweit renommierten „Kapazundern“ aufwarten können, läge teilweise auch daran, dass die Stadt Wien Geld für Kulturinitiativen in diesem Bereich aufstellt – durchaus keine Selbstverständlichkeit. „Wenn ich DJs im Ausland davon erzähle, stößt das immer auf ziemliche Verwunderung“, erzählt Szenekenner Pulsinger. Und auch im Fashionbereich passiert momentan einiges. „Wien hat einen dicken Qualitätsstempel aufgedrückt bekommen, weil Größen wie Karl Lagerfeld, Vivienne Westwood oder Raf Simons an der ,Angewandten‘ lehrten, wie die Wiener ihre Kunstuniversität nennen“, erklärt Cloed Baumgarter, Designerin (milch.mur.at) und Initiatorin der jährlich stattfindenden Design-Verkaufsmesse Modepalast. „So wurde die Stadt zum interessanten Modestandort, der Leute aus aller Welt anzieht.“ Resultat: Überall poppen kleine Labels und Läden auf, und immer öfter schaffen in Wien ansässige Modemacher wie etwa Anna Aichinger, Petar Petrov oder Ute Ploier auch in London und Paris den Durchbruch.

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