Piraten lauern überall. Bei Napster – gegen die Online-Musiktauschbörse zog Metallica vor Gericht. Auf Musikfestivals – schließlich ist heute jeder Zweite im Publikum mit einem Videohandy bewaffnet und brennt darauf, Neuheiten für Youtube einzufangen. Aber nicht mit Metallica! Keinen Ton ihres Mitte September erscheinenden Albums „Death Magnetic“ spielten sie bislang live. Doch so übertrieben die Heimlichtuerei auch sein mag, so ehrlich und aufrichtig klang Sänger James Hetfield, als er sich bei Rock am Ring 15 Minuten nach Mitternacht so verabschiedete: „Deutschland und Metallica gehören einfach zusammen.“

PRINZ: Gibt es da wirklich ein besonderes Verhältnis – anders als zu den übrigen Ländern der Welt?
Hetfield: Deutschland war immer unglaublich loyal und leidenschaftlich, was Metallica betrifft. Selbst in Zeiten, als Metal als total uncool galt. Die Leute sind mit uns durch Dick und Dünn gegangen.

Video-Tipp: „The Unforgiven

PRINZ: Ihr Album „Death Magnetic“ wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Was kann man denn von den neuen Songs erwarten?
Hetfield: Die Stücke sind nicht so eindimensional wie auf „St. Anger“, sondern gehen viel mehr in die Tiefe. Es gibt mehrere Instrumental-Titel und Balladen, aber auch kurze, harte Songs, die richtig knallen. Das ist vielfältig, das hat etwas von „Master Of Puppets“.

PRINZ: Auf dem Vorgängeralbum „St. Anger“ haben Sie schonungslose Selbsttherapie betrieben – und wurde von der Metal-Presse in Grund und Boden geschrieben. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Hetfield: „St.Anger“ war ziemlich rastlos und wütend. Die Songs hatten etwas von einer Karthasis. Wenn du dich damit nicht identifizieren kannst, dann hast du es auch nicht kapiert. Aber wenn du in der Welt warst, in der ich mich befunden habe, dann war es dein Album. Und ich habe es geliebt!

PRINZ: Bei „Load“, „Reload“ und „St. Anger“ ging es Ihnen darum, sich vom klassischen Metallica-Sound zu entfernen. Werden Sie mit „Death Magnetic“ versuchen, die Fans der ersten Stunde zurückzuerobern?
Hetfield: Wir haben nicht versucht, „Master Of Puppets 2“ zu schreiben. Ich verstehe, dass den Leuten diese Alben gefallen, weil sie sie an etwas erinnern. Sie verkörpern eine Art Stabilität. Mancher hat Angst vor Veränderungen – wir brauchen das regelrecht. Eins kannst du mir glauben: Einfach mal so ein paar Jahre zurückzugehen ist für Metallica viel schwieriger, als es vielleicht klingt. Die Vision, die unser Produzent Rick Rubin hatte, als er sich mit uns hingesetzt hat, war: „Stellt euch vor, ihr seid eine neue Band. Ihr seid hungrig. Und ihr sollt die Song-Reihenfolge für ein Showcase zusammenstellen, um unter Vertrag genommen zu werden.“

Gehen Metallica noch einmal auf Tour? Oder müssen Sie erst Dampf ablassen? Die Antworten gibt’s auf der nächsten Seite.

PRINZ: Und das hat funktioniert?
Hetfield: Du kannst ja nur bis zu einem gewissen Punkt zurückgehen: Du kannst dich wieder so anziehen, wie du es mal getan hast, du kannst wieder die Musik von früher hören. Aber ich werde bestimmt nicht noch einmal dieselbe Freundin haben wie damals – so viel ist sicher. (lacht) Dann fragte uns Rick: „Was beeindruckte euch damals?“ Und das war es, wohin er mit uns wollte. „Wer hat euch beeinflusst? Was habt ihr gehört? Welchen Vibe hattet ihr Typen?“ Ganz einfach: Damals haben wir alle zusammen im selben Haus gewohnt. Ein fürchterlicher Saustall – aber ein geiler Saustall. Und da mussten wir durch, um hierher zu gelangen.

PRINZ: Geht es nach der Veröffentlichung von „Death Magnetic“ gleich wieder auf Tour, oder gönnen Sie sich erst mal eine Auszeit?
Hetfield: Geplant ist, Ende Oktober die Tour zu starten. Erst in den USA, dann, Anfang 2009, kommen wir nach Europa.

PRINZ: Was machen Sie mit dem ganzen Adrenalin, das sich bei so einer zweistündigen Show ansammelt?
Hetfield: Was macht man damit? Man genießt es, kostet es regelrecht aus – bis der Pegel nach ein paar Stunden von ganz alleine sinkt.

PRINZ: Also werfen Sie keine Fernseher mehr aus dem Fenster, um Dampf abzulassen?
Hetfield: Aber nein. Das ist heutzutage viel zu teuer. (lacht) Bei diesen ganzen Plasmabildschirmen…

Interview: Marcel Anders

CD-Tipp: „Death Magnetic
Metallica haben’s nicht leicht. So sehr sie sich abrackern: Jedes neue Album wird an ihren Achtziger-Jahre-Platten gemessen – und kommt dabei schlecht weg. Laut britischen Metal-Magazinen, die gnädigerweise ungemasterte Auszüge von „Death Magnetic“ hören durften, kämpfen Hetfield & Co weiter gegen diese Windmühlen. Die neuen Songs sollen zwar vor Soli- und Riffreminiszenen auf „Master Of Puppets“ oder „… And Justice For All“ strotzen. An die Originale reichten sie einmal mehr nicht heran.