KARRIERESTART AM STAFFELENDE
Tagsüber Theaterunterricht für Kinder, hin und wieder abends vor ein paar Leuten im Pub Balladen spielen: So sah der Alltag von Ingrid Michaelson noch bis vor Kurzem aus. Doch damit war es über Nacht vorbei. Mittlerweile hat die New Yorkerin von ihrem Debüt „Girls & Boys“, voller schöner, zerbrechlicher Singer/Songwriter-Balladen, in Amerika über ihr selbst gegründetes Label 250 000 Alben verkauft – ganz ohne große Plattenfirma im Rücken. Und das ging so: „Eines Tages rief mich diese Frau von einem Unternehmen an, das Musik für TV-Serien lizensiert“, erinnert sich Michaelson. „Sie wollte meine Stücke für ,Grey’s Anatomy‘ vorschlagen. Ich habe mir davon nicht viel versprochen, doch ein paar Monate später lief mein Song ‚Breakable‘ tatsächlich dort.“

Es folgten zwei weitere Songs in der Serie, einige Werbespots, und schließlich hörten 25 Millionen Zuschauer, wie Michaelsons „Keep Breathing“ den dramatischen Höhepunkt des Staffelfinales von „Grey’s Anatomy“ musikalisch untermalte. Der Mehrheit schien er zu gefallen. Textfetzen des Refrains wurden in jener Nacht zu dem häufigst gegoogelten Begriff. „Meine Mutter hatte mir zum Glück geraten, die Lyrics auf meine Myspace-Seite zu stellen“, sagt die 29-Jährige. So konnten die Serienzuschauer den Song dort auch finden. „Am nächsten Morgen war ich bei dieser großen Talkshow namens ,Good Morning America‘ eingeladen: ,Erfahrt die Aschenputtel-Geschichte von Ingrid Michaelson, die plötzlich aus dem Nirgendwo kam‘, hieß es überall. Aus dem Nirgendwo? Na danke. Ich war auch vorher schon ein lebendiges Wesen.“

Wer Michaelson vorwirft, sie habe sich verkauft, dem hält sie entgegen: „Wir sind doch alle Gefangene von irgendwas. Im Grunde habe ich so einfach nur unendlich viel Werbung gratis bekommen.“ Bands wie Death Cab For Cutie und Phantom Planet, für die „The O.C.“ der Karriereanlasser war, oder auch The Shins, die von Natalie Portman in „Garden State“ als lebensverändernd geadelt wurden, haben schließlich vorgemacht, wie lohnend es sein kann, einen Song in einer Serie oder einem Film zu platzieren. Ihrem eigenen TV- und Internetmärchen traut sie trotzdem nicht so ganz. „Ich hatte eine ganze Menge Glück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt Michaelson. „Aber mein Gehirn spult ständig vor zu dem Tag, an dem alles endet.“
Nadine Lischick

Video-Tipp: „The Way I Am“ von Ingrid Michaelson