Zwischen Top und Flop ist es manchmal nur ein schmaler Grat. Auf dem bewegt sich bisweilen das „jüngste“ Stadtviertel Dresdens rund um den Dresdner Neumarkt. Regenschirme recken ihre blitzenden Spitzen selbstbewusst in die Höhe und das bei jedem Wetter. Weniger als Witterungsschutz, mehr als Mir-Nach-Armverlängerung dienen sie denen, die Dresden wie ihre Westentasche kennen – den Stadtführern. Und die ziehen in aller Regel eine bunte Menschenmenge mit nach links, rechts und oben gerichteten Augenpaaren und dialektgefärbten „Ohs“ und „Ahs“ hinter sich her. Hier an der Frauenkirche kommen sie alle vorbei und sind mit gesamter Truppenstärke zahlenmäßig den Dresdnern weit überlegen. Denn obwohl zwischen Theaterplatz und Synagoge, zwischen Terrassenufer und Wilsdruffer Straße ob opulenter Bauten das historienverliebte Herz der Stadtbewohner am höchsten schlägt, sind Dresdner im täglichen Fußverkehr um den Neumarkt nicht oft anzutreffen. „Touristenviertel“, „Abzocke“ und „Viel zu teuer“ sind gängige Beschreibungen für das teilweise im Bau befindliche Quartier. Es sich zu erschließen fällt nicht ganz so leicht. Schließlich entstehen mit der „historischen“ Wiederbebauung des Dresdner Neumarktes Bauten und Gassen, die es nach 1945 nicht mehr gegeben hat. Personen, die sich ans Original erinnern können, sind mittlerweile gezählt. Damals handelte es sich um ein Denkmal bürgerlicher Barockbaukunst von europäischem Rang.Ob es das wieder werden wird, bleibt fraglich. Im Moment wirken die frisch geputzten Fassaden ein bisschen wie Fremdkörper. Schön anzusehen zwar, aber in ihrer Ausstrahlung etwas leblos und steril. Ihnen fehlt das Eigene, die Patina und ein bisschen Unverwechselbarkeit. Nichtsdestotrotz haben die Baumaßnahmen der letzten Jahre ein völlig neues Stadtviertel hervorgebracht. Acht einzelne Quartiere sollen sich nach Plan zwischen Schlossstraße und Salzgasse, Töpferstraße und Wilsdruffer Straße erstrecken. Das erste fertig gestellte Gebäudeensemble ist das Quartier F. Neben Büros und Wohnungen finden sich hier vor allem exklusive Geschäfte, Souvenirläden, Restaurants und Cafés. Leider kann das Innere der Ladengalerie an Ausstattung und Gesamteindruck nicht ganz mit der Exklusivität der Modegeschäfte wie Escada, Cocoon oder Laden und Lounge von Dagmar Schreiber mithalten. Aber dort bekommt man eine Ahnung,wie es hätte sein können. Einmal am Zuckerguss genascht, ist die Lust nach mehr Glanz, Luxus und Exklusivität erwacht.

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Und findet sich erfüllt ein bisschen hip in hunderten getönten Kreationen im Sonnenbrillenladen Schaulust Sun oder klassisch-edel im Geschäft von A. Lange & Söhne, dem Paradies für mechanische Uhren. Der Laden ist einer der Schönsten von außen wie innen und wird zu Recht sogar von Türstehern beaufsichtigt. Für Schaufenstergucker zeigen sich in den Außenvitrinen Handwerk und Familiengeschichte. Schließlich beherbergt das Quartier F zwei gastronomische Kleinode gegen Pflastermüdigkeit: die wunderschön bemalt und bebilderte kleine Espressobar Il cielino innerhalb der Ladenpassage und das kanadische Restaurant Ontario mit Blick auf die Frauenkirche. Überhaupt hat sich die Gastronomie der Dresdner Innenstadt mit der Neumarktbebauung zu ihrem Vorteil entwickelt. Natürlich kochten die Hotelküchen von Kempinski und Hilton in Rossini, Intermezzo & Co. schon immer ein höherwertiges Süppchen, dem Restaurants wie die Alten Meister oder das Kahnaletto nur wenig nachstehen. Jetzt ist die Vielfalt gewachsen um eine zauberhafte Minestrone im Brunetti oder eine delikate Salatkreation im Kurfürstenhof. Beide Schlemmerstuben liegen neben dem Coselpalais im Quartier II. Auch das vereint Wohnungen, Hotel, Gastronomie und Büros in seinem Gebäudekomplex. Die anderen noch in der Entstehung befindlichen Quartiere werden es diesen gleichtun. Man wünscht ihnen, dass sie bald altern – mit Würde und Charakter. So wie es Zwinger, Brühlsche Terrasse, Oper, Kunsthochschule oder Hofkirche auch einst taten. Und das ist das Angenehme an diesem neuen Altstadtviertel:Hat man genug frische Farbe gerochen und blanke Scheiben gesehen, sind die wirklichen Dresdner Sehenswürdigkeiten zum Durchatmen nur einen Steinwurf entfernt.
Susann Pfeiffer