Unverblümte Boshaftigkeit in lieblicher Pophülle
Sie lässt sich nichts gefallen. Das zeigte Lily Allen schon vor zweieinhalb Jahren im Video zu ihrer Debütsingle „Smile“: Mit Abführmitteln und Schlägertrupp rächt sie sich darin an ihrem Ex-Freund. Auch sonst wird die smarte Britin in den niedlichen Baumwollkleidern gerne deutlich. Kühn, rebellisch und anders: So wirkte die damals 21-Jährige zu Beginn ihrer Karriere in einer von Indierockbands dominierten Musiklandschaft. Mit ihrer zuckersüß verpackten Boshaftigkeit gewann sie erst jede Menge Myspace-Nutzer, dann die Kritiker. Seither hat sich Lily Allens Bild in der Öffentlichkeit gewandelt. Bedauerlicherweise.

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Aus der unbekümmerten Selfmade-Künstlerin ist ein omnipräsenter Klatschblattpromi geworden. Zu berichten gibt es aus ihrem jungen Leben genug: Tod der Großmutter, Schwangerschaft, Fehlgeburt, Trennung von Lebenspartner Ed Simons (The Chemical Brothers), Raufereien mit Paparazzi, betrunkenes Pöbeln mit Sir Elton John und nicht zuletzt der Gipfel der Krise, als sie sich selbst in ihrem Blog „fett, hässlich und beschissener als die Winehouse“ nennt. Aber kaum ein Wort fällt über ihre beruflichen Erfolge: ihr gefeierter Auftritt beim Glastonbury-Festival, die eigene Modelinie, ihre BBC-Talkshow und ihr politisches Engagement gegen Straßenkriminalität machen keine Schlagzeilen. „Für Leute wie Britney, Amy und mich ist es, als würde man permanent im ,Big Brother‘-Haus leben“, sagt Lily Allen.

Es ist an der Zeit für sie, nach vorne zu schauen und sich auf ihre entzückende Art zur Wehr zu setzen. Zurückhaltung? Drauf gepfiffen. Mit ihrem Album „It’s Not Me, It’s You“ hüllt sie sprachlich unverblümt Boshaftigkeiten in herrlich harmlose Popmelodien, teilt aus und rechnet ab: mit Promikollegen, Rassisten, schlechten Liebhabern, mit ihrem Vater und mit Gott, an den sie sowieso nicht glaubt. Widersprüche einer Dame, die sich selbst als verletzlich, häuslich und gut erzogen skizziert – und mit dem Ohrwurm „Fuck You“ den Mittelfinger hochhält. „Einen Song ‚Go Away‘ zu nennen“, sagt sie, „wäre wohl etwas zu diplomatisch für mich.“