Neu. Das Wort nervt. Weil es überall ist. Es flattert, es klebt, es blinkt: an Dönerbuden, an Großbaustellen, in U-Bahnstationen, an Zahnarztpraxen und Tankstellen. Beim Sport, an der Bar, auf dem Weg zur Arbeit begegnen wir: neu, neu, neu. Neu ist die Prostituierte unter den Adjektiven. Wer verkaufen muss, wer attraktiv sein will, wer sich an dich ranschmeißt, der schreit: NEU! Aber auch die Namen langweiliger Kleinstädte, ordinärer Billigsupermärkte und Versicherungskonzerne beginnen damit. Eine bekannte Flirtwebsite heißt so. Der Begriff ist so selbstverständlich wie austauschbar, so billig wie ausgelutscht. Weil jeder denkt, er wisse, was gemeint ist. Die Dimension aber ist viel größer. Es geht hier um etwas, das für uns, für jede moderne Zivilgesellschaft auf dieser Welt überlebenswichtig ist. Neu kann auch bedeuten: Revolution. Wo neu steht, ist etwas passiert. Es kündet Veränderung an, Vorankommen, ein besseres Leben. Auch wenn das Wort nervt: Wir brauchen neu, sonst sind wir bald tot.

Fangen wir mal im Kleinen an: Schon mal überlegt, warum Milka neben den Uraltvarianten Vollmilch-Nuss und Alpensahne ständig neue Sorten erfindet? Krokant-Karamell, Prickelbrause und Chili-was-weiß-ich? Warum McDonald’s jeden Monat ein anderes Aktionsmenü im Programm hat? Weil wir sonst das Gefühl haben: Da passiert nichts. Ein Verkäufer, der nichts Neues anbietet, kann seinen Laden bald dichtmachen. Es wir nicht lange dauern, und der Nachfolger pappt ein Schild mit der Aufschrift „Neu“ ans Schaufenster, und der Laden ist voll, und er bleibt es, wenn der Ladenbesitzer alles richtig macht. Wenn er begreift, dass das, was gestern reißend Absatz fand, heute nichts mehr zählt. Sonst steht bald ein neuer Besitzer in seinem Laden und sagt: neu.

Das ist Evolution, und nur so funktioniert es – seit es Leben gibt auf der Welt. Warum finden wir Abwechslung begehrenswert? Begehrenswert ist, wer aktiv ist und sich fortentwickelt. Stark ist, wer der Schnellste ist und die Beute kriegt. Wer stehen bleibt, wird gefressen. Warum sind die Metropolen so anziehend für uns?

Erfahren Sie auf der nächsten Seite, warum wir nach Abwechslung lechzen und so dringend ein Ziel brauchen.


Es sind nicht die besseren Arbeitsmöglichkeiten, Verkehrsverbindungen, die Nahversorgung – rein rationale Beweggründe, darauf legen nur Langweiler wirklich Wert. Die Anziehungskraft spricht allein unsere Gefühlslage an: Es ist die Veränderung, der stetige Wandel. Weil wir uns mitreißen lassen, weil uns die Dynamik schöner macht. Es ist wie mit den neuen Klamotten, der neuen Frisur, dem neuen Partner, mit dem wir uns attraktiver und begehrter fühlen. Es ist völlig irrational, aber ein Mensch aus der Großstadt fühlt sich: groß. Neu ist Abenteuer. Neu ist Sex. Wer im Leben nichts Neues ausprobiert, wer alles immer so wie immer macht, der lebt nicht sein Leben. Das Leben zieht vorbei, die Zeit ist schneller um. Das kann jeder selbst überprüfen: Wer sich ins Auto setzt und ein vorher nie bereistes Ziel ansteuert, für den vergeht die Zeit subjektiv viel langsamer, als wenn er sein Ziel gut kennt.

Neues setzt Neugier und Mut voraus. Das kennen wir, wenn wir uns verlieben. Wir wollen den anderen kennen lernen, ausfragen, ohne auch nur wirklich ein Wort zu sagen. Wir lächeln uns an und denken: Woher kommst du, wie findest du mich, willst du auch mit mir ins Bett, oder gleich das ganze Leben mit mir verbringen? Wenn wir uns dann aktiv dem Neuen ausgesetzt haben, kann es sein, dass das Leben uns ganz schnell noch Neuerem aussetzt: Wir werden Eltern und stellen fest, dass es eine noch ganz andere Sicht der Dinge gibt. Die eines zweijährigen Kindes. Um einen Gang zurückzuschalten: Manchmal wollen wir einfach nur wissen, wie es ist, den anderen zu küssen. Ohne große Hintergedanken. Aber trotzdem mit Angst. Der schönste, kurze Moment, in dem man es vor Angst und Hintergedanken gar nicht mehr aushält. Dieses Kribbeln im Bauch haben zum Glück auch andere, die mehr zu sagen haben als: Komm doch mal näher. Das ist das Kribbeln im Bauch, wenn einem eine gute Idee kommt. Eine Idee für eine neue Form der Architektur, des Designs, der Kunst, der Mode, der Literatur. Die Dinge lassen sich tatsächlich einfach so erfinden. Ihnen gemein ist: Sie alle entstehen in einem kreativen Prozess, der durch Tod und Geburt vorangetrieben wird und deren Schöpfer den anderen immer voraus sind. Sie sind Revolutionäre.

Neu. Das Wort nervt. Aber was nervt, berührt.

Wer über das lacht, was er vor Jahren selbst angezogen hat, wer kaum glauben kann, welche Musik er damals gut fand, der erkennt, dass alles ein ständiger Prozess ist. Ohne den Synthie-Pop und den Acid-Boom der achtziger Jahre hätte der Raver heute nichts zu raven – das eine entwickelt sich aus dem anderen, wobei der Vorläufer in dem Moment stirbt, in dem der Nachfolger hip ist. In der Musik frisst die Revolution ihre Kinder. In der Mode bedeutet neu dagegen immer eine scharfe Abgrenzung zum Alten: Die Schlaghose verliert gegen die Karotte, und die stirbt, weil plötzlich die Röhre modern ist. So banal es klingt: Alles ist neu, was nicht zum Alten gehört. Wer sich nicht an diesen Zyklus hält, hat von Mode keine Ahnung. Oder er ist Avantgarde. Neu. Das Wort nervt, aber was nervt, berührt. Es ist Mahnung, nicht stehen zu bleiben. Weil denen die Welt gehört, die sich von Vertrautem trennen können, ganz ohne Not. Weil sie wissen: Was heute schlecht läuft, läuft morgen richtig. Wenn ich zur Revolution bereit bin.

Nicole Zepter, Peter Marie