Bei gutem Wetter wimmelt es rund um die Landungsbrücken schier vor Touristen. Hinter der Niederbaumbrücke, wo das Stadtbild plötzlich wieder von Baukränen, Gerüsten und überirdischen Wasserleitungen dominiert wird, verebbt der Besucherstrom. Die 155 Hektar, die einmal Hamburgs neues Herz sein sollen, sind bei Touristen in erster Linie als Europas größtes innerstädtisches Bauprojekt bekannt. Die Hafencity – eine trostlose Baustelle? Im Gegenteil: Cafés, Restaurants und neu geschaffene Grünanlagen pumpen Leben in die Betonadern der Architekturwüste. PRINZ hat sich mit zwei jungen Hamburgern auf den Weg gemacht, um die schönsten Plätze des neuen Stadtteils zu entdecken.

Erster Stopp: der „Chilli Club“. Während Julian die benachbarten Magellan-Terrassen wie viele andere als Skate-Spot nutzt, gönnt sich Corinna einen Cocktail im sprichwörtlich ersten Restaurant am Platz. Der bereits im Jahr 2005 eröffnete „Chilli Club“ ist nicht nur in den Mittagsstunden zum Lunch gut gefüllt, sondern lockt auch abends zahlreiche Hamburger zum euroasiatischen Dinner, Sundowner, Cocktail oder Clubbing. Auch Corinna gefällt es: „Die Cocktails und der Blick aufs Wasser sind super. Und wenn es es draußen mal ungemütlich ist, dann relaxen wir eben drinnen im roten Loungebereich.“ Wer sich die Ausgehviertel anderer europäischen Städte ansieht, zum Beispiel Nyhavn in Kopenhagen oder das Ufer des Tajo in Lissabon, stellt schnell fest: Wo Wasser ist, fließt auch das ausgehfreudige Szenevolk hin. Kaum verwunderlich also, dass sich der Kaiserkai zum Hotspot der Hafencity entwickelt hat. Entlang des Grasbrookhafens findet man mit dem Bistro „Kaiserperle“, dem netten Lokal „Kaiser’s“ und dem exklusiven Restaurant „Wandrahm“ die ersten Cafés und Restaurants.

Am Wochenende sind sie ganztags, sonst in den Abendstunden gut besucht. Dabei treffen Touristen auf After-Work-Clubber und neugierige Stadtteilchecker. Aber auch wer es eher idyllisch mag, findet in der Hafencity seinen Platz: Die großen Holzliegen an den stilvoll designten Marco-Polo-Terrassen laden zum Picknicken und Sonnen ein und machen ihn zu einer echten Alternative zum stets überlaufenen Elbstrand. Grünflächen und Schatten spendende Bäume bilden Farbtupfer zwischen all den Neubauten. Während man bei einer Flasche Wein den Sonnenuntergang hinter der glitzernden Elbe genießt, lassen sich sogar die teilweise an die City Nord erinnernden Architektursünden ausblenden. „Wir sitzen gern hier – die Baustellenatmosphäre ist kantig, aber nicht ohne Reiz. Und durch den Blick auf die Elbe wird es eben doch romantisch“, analysiert Julian. Wie der Fluss in unzähligen Kanälen, Wasserstraßen und Fleeten den Hafen durchzieht, so fließen in der Hafencity ganz unterschiedliche Interessen zusammen und sorgen für bemerkenswerten Facettenreichtum. Szenevolk trifft sich in der Bar im „Wandrahm“ oder „Chilli Club“, Sportbegeisterte joggen beim HSH Nordbank Run durch das Viertel, Kulturfans finden sich zahlreich bei den Lesungen an den Magellan-Terrassen ein, Freunde subkultureller Kunst freuen sich jetzt schon auf das Subvision Festival Ende August, bei dem mehr als 60 internationale Künstlergruppen richtig Gas geben werden.

Das kann man auch im Automuseum Prototyp, in dem sich Thomas König und Oliver Schmidt den Traum jedes Mannes erfüllt haben. Röhrende Motoren, glänzendes Chrom, legendäre Rennmomente – das audiovisuelle Angebot vom Rennsimulator bis zum interaktiven Fotoalbum fasziniert nicht nur Rennsportbegeisterte. Die Hafencity braucht noch mehr szenige Locations und spannende Events, wenn sie irgendwann statt Deutschlands größter Architektenspielplatz das pulsierende Zentrum der Hansestadt sein will. Unsere Trendprognose: Auch wenn im Augenblick alles noch etwas steif und konstruiert wirkt – geht die Entwicklung so weiter, bekommen die Hamburger Szeneviertel echte Konkurrenz.

Irina Chassein