Flughafen von Palma de Mallorca: Reiseleiter nehmen deutsche Touristen in Empfang. Mit dem Bus-Shuttle geht’s in den All-inclusive- Urlaub mit Animationsprogramm. Alles ist bestens organisiert.
Ich hingegen habe keine Ahnung, was mich in den nächsten drei Tagen erwartet. Ein Taxi liefert mich vor einem Hochhaus am Yachthafen von Portitxol etwas außerhalb von Palma ab. „Hallo, hier ist Aileen“ rufe ich durch die Gegensprechanlage, so als würde ich eine alte Freundin besuchen. Mit meinem Koffer quetsche ich mich in den engen Fahrstuhl und fahre hinauf in den zehnten Stock, wo mich meine Gastgeberin Milena mit einer herzlichen Umarmung willkommen heißt. Ihr Apartment ist groß und hell, der Blick vom Balkon reicht weit über das Meer hinaus.

Bei einer völlig fremden Person übernachten? Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir das nicht vorstellen können. Das war, bevor ich im Internet auf Couchsurfing.com stieß. Eine Website, auf der junge Leute aus der ganzen Welt sich gegenseitig ihr Sofa zur kostenlosen Übernachtung anbieten.

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Mit einer halben Million Mitglieder umspannt das Netzwerk seit seiner Gründung 2004 mittlerweile die ganze Erde – die globale Schlafsofabörse scheint bestens zu funktionieren. Trotzdem bin ich zunächst skeptisch: Geht das wirklich? Einfach einen fremden Menschen im Internet anzuklicken und ein paar Tage später auf seiner Couch zu liegen? Die Antwort lautet: Ja! Als ich am nächsten Morgen in meinem Schlafsack auf Milenas Sofa aufwache, sehe ich durch den Spalt zwischen den Vorhängen den blauen Himmel über dem Mittelmeer. Aus der Küche dringt spanisches Stimmengewirr. Milena und ihre Mitbewohner (sie heißen Oscar und ebenfalls Milena) trinken noch schnell einen Kaffee, bevor sie sich auf den Weg zur Uni machen. Dort studieren die Brasilianerin, der Mexikaner und die Slowenin gemeinsam Tourismus. Zum Abschied drückt mir Milena ihre Haustürschlüssel in die Hand: „Wir sehen uns heute Abend!“, ruft sie mir zu. Die 25-jährige Brasilianerin ist wirklich so, wie andere Couchsurfer sie auf ihrem Online- Profil beschrieben haben: „Eine vertrauenserweckende, fröhliche Person, bei der man sich sofort zu Hause fühlt.“

Ohne Vertrauen würde Couchsurfing nicht funktionieren. Nimmt man einen fremden Gast bei sich auf, teilt man für einige Tage alles mit ihm: den Kühlschrank, das Badezimmer, und mit etwas Glück auch dieselben Interessen. „Couchsurfing soll Menschen aus der ganzen Welt vernetzen, Toleranz fördern und den kulturellen Austausch unterstützen“, lautet die Mission der in Amerika gegründeten Non- Profit-Organisation. Milenas WG ist so ein Ort der Völkerverständigung. Bei ihr haben vor mir schon Weltenbummler aus Kanada, Polen, Amerika, Australien und Bahrain übernachtet. Auf der „Couchsurfing Wall“ im Wohnzimmer haben sie Nachrichten für ihre Gastgeber hinterlassen: „Danke für die schöne Wanderung.“ Oder: „Eure Gastfreundschaft hat meine Reise zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht.“ Im Regal stehen die Mitbringsel der Gäste: eine Flasche Wodka, ein Buch über Montreal, eine DVD und ein kleines Fass Bier. „Ich mag es, mein Leben mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt zu teilen“, erklärt Milena, als wir am Abend zusammen auf dem Sofa sitzen. „Ich lasse sie an meinem Alltag teilhaben, zeige ihnen meine Stadt und kann gleichzeitig etwas über ihre Kultur erfahren.“ Bislang hat sie nur positive Erfahrungen mit ihren Sofagästen gemacht, dennoch wählt sie ihren Besuch sorgfältig aus. „Ich schaue mir vorher die Bildergalerien und die Referenzen, die andere Couchsurfer auf dem Profil der Leute hinterlassen haben, genau an. An der Art, wie eine Mail formuliert ist, merkt man schnell, ob jemand nur eine günstige Übernachtung sucht oder wirklich Interesse hat, einen kennen zu lernen.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Daniel Hoffer, der Gründer von Couchsurfing.com zur Sicherheit des Sofatauschs sagt.

Auch die zwei Mitbewohner Milenas sind begeisterte Couchsurfer. Um den Überblick über ihre Gäste zu behalten, haben die drei bereits einen Belegungsplan für ihre Wohnung erstellt. Jede Woche darf ein anderes WG-Mitglied entscheiden, wer als nächstes in der Wohnung übernachtet. „Am Freitag bekommen wir Besuch von einer Amerikanerin“, kündigt Oscar an.Milena erwartet in der Woche zwei Jungs aus Italien auf ihrer Couch. Einen Fernseher gibt es nicht in der WG. Es scheint, als würden die drei viel lieber die Welt zu sich nach Hause einladen. Ich hin- gegen freue mich, Urlaub abseits von Touristen mit Camcordern und Bauchtaschen machen zu können und nicht im Reiseführer nachschlagen zu müssen,wo in Palma die besten Partys steigen oder die besten Tapas serviert werden. Milena nimmt mich mit ins „La Boveda“, wo wir gegrillten Octopus essen und uns über ihre Heimat Brasilien unterhalten. „Dort würde ich mich nicht trauen, Couchsurfing zu machen, weil die Kriminalität zu hoch ist“, sagt Milena.

Tatsächlich gibt es in Europa und den USA die meisten Sofasurfer, 48 000 allein davon in Deutschland. Erst ein einziges Mal musste die Polizei eingeschaltet werden seit es Couchsurfing.com gibt: Ein Trickdieb hatte das Netzwerk zum Kreditkartendiebstahl missbraucht. „Nur 0,1 Prozent aller Couchsurf- Vorgänge enden mit Problemen“, erklärt Daniel Hoffer, 30, einer der Gründer des Gastfreundschafts- Netzwerks. „In einer Welt, die zunehmend von Misstrauen geprägt ist, beweist Couchsurfing, dass man trotz allem Menschen aus allen Teilen der Welt auch heute seine Haustür öffnen kann.“ In 226 Ländern ist das „Myspace für Reisende“ vertreten, sogar in der Antarktis bieten die Mitarbeiter einer Forschungsstation Plätze zum Übernachten an. Wer es in Kauf nimmt, sich eine Wohnung mit anderen zu teilen und auf nicht immer bequemen Sofas oder Matratzen zu schlafen, dem steht die Welt für wenig Geld offen.

Auf der nächsten Seite lesen Sie das Resümee unserer PRINZ-Reporterin Aileen Tiedemann.

Auch wenn mein Aufenthalt in Palma nicht unbedingt ein Relax-Wochenende war, gefällt mir die Idee, das im Prinzip überall auf der Welt ein Sofa auf mich wartet. Diese Begeisterung teile ich mit anderen Couchsurfern, die mir mailen. Rafael aus Lissabon, der schon 23 Couchsurfer bei sich aufgenommen hat, schreibt: „Dank meiner Gäste kann ich jetzt nicht nur Sushi machen und Gitarre spielen, sondern kenne auch die unterschiedlichsten Einstellungen zu Themen wie Freundschaft und Liebe.“ Nuno aus Florenz hat durch Couchsurfing Vorurteile abgebaut: „Ich dachte immer, Chinesen seien schüchtern. Seitdem ich Besuch aus Hongkong hatte, weiß ich, dass das nicht stimmt.“ Ana aus Lissabon bringt die Couchsurfing-Idee auf den Punkt: „Obwohl wir in den unterschiedlichsten Teilen der Welt leben, haben wir doch dieselben Ideale und ähneln uns mehr, als wir denken.“

Aileen Tiedemann

So sicher ist Couchsurfing:
Couchsurfing.com hat ein ähnliches Bewertungssystem wie Ebay. Anhand der Referenzen anderer Couchsurfer lässt sich erkennen, wie vertrauenswürdig ein Mitglied ist. Zusätzlich kann man sich verifizieren lassen, das erhöht die Chancen, ein Sofa zur Übernachtung zu finden. Für 25 Dollar überprüft Couchsurfing anhand der Kreditkarte Identität und Adresse seiner Mitglieder. www.couchsurfing.com