Mittendrin im Viertel sitzt der hässliche Karstadt-Bau. Architektonisch war die Osterstraße nie ein aufsehenerregender Hingucker, und deswegen wurde das ganze Quartier drumherum lange Zeit unterschätzt. Es war eben ein Wohnviertel, wegen der vielen Kitas und begrünten Gehwege beliebt bei Familien und Sozialpädagogen. Dabei lohnt es sich, genauer hinzugucken. Denn die Dichte an Cafés, Restaurants und kleinen Läden ist schlicht enorm – ein wenig erinnert sie an die Lange Reihe. Deswegen sind Adrian Charly, 32, und Björn Unkel, 31, auch glücklich, gerade hier kürzlich ihren Imbiss „Qrito“ eröffnet zu haben. „Der Zufall brachte uns an die Osterstraße“, erklärt Adrian Charly. „Aber im Nachhinein haben wir festgestellt: ein sehr glücklicher! Denn die Anwohner-Einkaufsstraße wird gerade zur beliebten, bunten Flaniermeile. Weil hier immer neue Läden entstehen und Ideen umgesetzt werden.“ Große Pläne hat man mit der Osterstraße auch im Rathaus. Umgestaltet soll sie werden, und zwar im Rahmen eines EU-Projektes zur „Straße für alle“. Dann sollen Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichberechtigt die Straße benutzen dürfen, ohne Schilder und Ampeln.

Gehwege und Fahrbahnmarkierung sollen nur angedeutet werden, und die einzigen Verkehrsregeln lauten Rücksicht, rechts vor links und Tempo 30. Im nächsten Jahr soll der erste Versuch starten. Verlässt man den etwas spröden Hauptverkehrsweg des Viertels, findet man sich in kleinen Seitenstraßen mit wunderschönen Gründerzeithäusern. Wer hier leben möchte, steht bei Wohnungsbesichtigungen Schlange mit Studenten, Medienschaffenden und Szenevolk. Das mag an den hübschen Altbauwohnungen liegen, aber auch am besonderen Charme dieses Quartiers zwischen Heußweg und Müggenkampstraße. Dorthin hat es auch Behzad Safari gezogen, den bekennenden Cineasten, der zwei Häuser weiter neben Hamburg schönstem DVD-Verleih „Filmraum“ mit dem Café „Zeitraum“ einen feinen Platz für guten Kaffee geschaffen hat. In gemütlichen Cocktailsesseln genießen Müßiggänger hier gern auch ohne Begleitung den Tag. Kein Wunder: Der Kuchen ist lecker und die Zeitschriftenauswahl groß.

Ein paar Schritte weiter Richtung Osterstraße liegt Hamburgs skurrilster Fahrradladen, der durch die MTV-Serie „Pimp my Fahrrad“ über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde. Elbcoast Psycles heißt er, auch wenn der Hafen ein ganzes Stück entfernt liegt. Aber dahin würde Besitzer Michi nicht ziehen. „Ich bin Ur-Eimsbütteler“, sagt der 38-Jährige. „Ich liebe dieses Viertel. Hier läuft halt alles durch die Gegend: Studenten, Akademiker, Arbeiter, Tagediebe. Es ist eine gute Mischung von allem. Und zum Glück nicht ganz so schicki wie Eppendorf oder Winterhude.“ Nein, chic ist das Quartier nicht. Aber lebendig. Und deswegen lockt es wohl auch Kreative an, wie Nicole Eibich, deren Jeans Thomas Kretschmann, Sarah Connor und Bai Ling tragen. Oder André Montaldo-Ventsam, der zart schmelzende, wuchtige Schokoladen kreiert, die unter charmanten Namen wie „Fischkopp“ oder „Heimathafen“ verkauft werden.

Arbeiten lässt sich also gut in dieser Ecke, einkaufen und den Tag genießen auch. Aber selbst nachts muss niemand Richtung Schanze aufbrechen. Im Nullviernull, der Cosy Bar oder dem Lichtenstein klingt der Tag gut aus.Wenn es sein muss, auch mit Zigarette. Den Kickertisch im Raucherclub Lichtenstein dürfen aber natürlich auch Nichtraucher kostenlos benutzen. Auf abgeschabten Sitzen oder stylischen Lederbänken hocken die Eimsbütteler dann bis tief in die Nacht – und bekommen mittlerweile auch spätabends noch Besuch aus den Nachbarvierteln. Im Dunkeln sieht dann sogar die Osterstraße gar nicht mehr so grau aus, sondern bunt – dank der vielen Restaurants, in denen sich Menschen tummeln, die schon wissen, was andere kaum ahnen: Das Osterstraßenquartier hat weit mehr zu bieten als Siebziger-Jahre- Architektursünden.