Die Engländer machen gerne ihr eigenes Ding. Sie haben ihre eigene Währung, steuern ihre Autos vom Beifahrersitz und beobachten von ihrer Insel skeptisch das europäische Festland. Jamie T gibt sich da deutlich weniger isoliert. Er sagt: „Ich bin kein englischer Künstler, ich bin ein Künstler dieser Welt.“ So pathetisch das klingt, so uneitel ist es gemeint. Der Kauz aus Wimbledon will nicht der Klassensprecher des jungen, städtischen Englands sein.

Seit seinem Debüt „Panic Prevention“, das ihn 2007 als einen verspielteren Mike Skinner mit etwas Clash-Attitüde vorstellte, ist es dafür aber zu spät. Zu seinen traurigen Geschichten in Songs wie „Sheila“ oder „Calm Down Dearest“ konnten die Lads damals ganz hervorragend ins Bier weinen. Aber auch hier winkt Jamie ab: „Lyrics sind gar nicht so wichtig. Wenn ich einen Song mag und der Künstler erzählt mir, wovon er handelt, ärgert mich das maßlos. Es zerstört meine Fantasie.“

Video-Tipp: „Sheila“ von Jamie T

Tatsächlich funktionieren Jamie Ts Großstadtgeschichten auch jenseits des Ärmelkanals. Was nichts daran ändert, dass er auf seinem Nachfolgewerk „Kings & Queens“ mithilfe seiner großen erzählerischen Klasse wieder ein präzises Bild seiner Heimat zeichnet. Gut, dass er seine Songs nicht erklärt – so läuft im Kopfkino der eigene Englandfilm ab: „368“ ist die düstere Nacht im Liverpooler Hafenviertel Pier Head; „The Man’s Machine“ ist eine Kneipentour durch Manchester, die in einer Schlägerei endet; „Castro Dies“ sind die Mai-Krawalle in London; „Chaka Demus“ ist das entfesselte Partywochenende in Brighton; und bei „Emily’s Heart“ findet man sich sehnsüchtig auf der Clifton Suspension Bridge in Bristol wieder.

Jamie T erschafft mit seiner Musik eine Atmosphäre, die das gegenwärtige England erahnen lässt. Er spiegelt Tristesse und Kälte wider, viele Stücke sind Nachtgeschichten. Ein Meisterwerk wird „Kings & Queens“ durch den Humor, mit dem der hochbegabte Songwriter immer genau zum richtigen Zeitpunkt die Spannung bricht, und durch die Vielfalt der musikalischen Einflüsse, die er zusammenfügt: Punk, Rap, Ska, Reggae, Folk, Soul.

Im Vergleich zum Vorgänger sind Album und Songs klarer strukturiert. Liegt das etwa an Bob Dylan? Der soll ein Einfluss gewesen sein, ließ Jamie kürzlich verlauten. Zeit für ein weiteres Dementi: „Das habe ich aus Spaß gesagt, weil es sich so wahnsinnig wichtig anhört. Ich glaube, jeder hat irgendwann in seinem Leben eine Bob-Dylan-Phase. Eine spezielle Inspiration war er für diese Platte jedoch nicht.“ Und trotzdem könnte „Kings & Queens“ nicht inspirierter klingen. Jamie T hat eines der besten Alben des Jahres vorgelegt. Da wird er garantiert nicht widersprechen.
Tim Sohr