PRINZ: Mr Martin, sorry, aber wie kommt man auf einen so seltsamen Plattentitel?
Martin: Der ist eine Art Witz. Wir müssen immer lachen, wenn uns die eine Sorte Mensch fragt, warum unsere Musik so erbauend ist, und die andere Sorte wissen will, warum wir solche Deprimusik machen. Also beschlossen wir, einen Titel zu nehmen, der fröhlich und depressiv zugleich ist. Das ist wie mit Woody-Allen-Filmen. Allen ist mit Abstand meine wichtigste Inspiration für Songtexte. Er befasst sich mit denselben Themen wie wir: mit Fragen nach der Existenz eines Gottes oder dem Sinn des Lebens. Bei Allen kannst du Glück und Trauer auch nicht klar auseinanderhalten.

PRINZ: Warum fällt es Ihnen schwer, glücklich zu sein? Sie könnten doch auch sagen: „Super Familie, super Karriere, ich liebe die Musik, die ich mache, alles tipptopp.“
Martin: Das sage ich mir auch manchmal. Aber das Leben ist bunt. Selbst, wenn es im Wesentlichen hell ist, gibt es immer auch das Dunkel, das irgendwo auf dich wartet. Auch wenn du mit vier Stripperinnen im Bett liegst, gibt es irgendwo auf der Welt Menschen, die nichts zu essen haben.

PRINZ: Wenn ich mit vier Stripperinnen im Bett läge, würde ich nicht über den Hunger in der Dritten Welt nachdenken.
Martin: (Lacht) Okay, schlechtes Beispiel.

PRINZ: Das neue Album ist experimentierfreudig und abenteuerlustig in puncto Sound und Songwriting, wuchtig und imposant. Was hat Sie geritten?
Martin: Das Album entstand in einer Grundstimmung der Befreiung. Unsere letzte Platte „X & Y“ war ein ziemlicher Krampf. Wir mussten uns damals erst an Kritik gewöhnen und daran, eine große, berühmte Band zu sein. Brian Eno half uns dabei, alles auseinanderzunehmen. Endlich dachten wir nicht mehr darüber nach, wie erfolgreich neue Songs sein könnten.

PRINZ: Haben Sie keine Angst, dass den Leuten die neuen Lieder zu unmelodisch sind?
Martin: Wir wollten keine traditionelle Coldplay-Musik mehr machen. Davon gibt es schließlich schon genug.

PRINZ: Wie findet Ihre Frau Gwyneth Paltrow eigentlich die neue Platte?
Martin: Das weiß ich nicht, und ich frage sie auch nicht danach. Ich verlasse tatsächlich immer den Raum, wenn jemand anderes unsere Lieder hört. Aber wissen Sie, ich möchte nicht über meine Frau sprechen.

PRINZ: Warum nicht?
Martin: Coldplay ist unser Jungsding. Ich will nicht, dass so etwas wie dieser Glamour-Aspekt zwischen uns steht. Wir vier sind eine richtige Gang. Das ist alles sehr, sehr echt. Niemand ist bei uns beeindruckt davon, wie berühmt der andere ist. Ich kann nicht zu den Jungs kommen und sagen: „Hey, ich bin jetzt mit Sylvester Stallone befreundet.“ Das interessiert hier keine Sau.

PRINZ: Coldplay steht auf dem Gipfel. Haben Sie Angst vor dem Abstieg?
Martin: Nein, nein, so weit sind wir nicht. Wir wollen erst noch nach oben. Wir klopfen an die Türen von U2 und den Beatles. Wir sehen es wirklich nicht so, dass wir an der Spitze von etwas stehen, nie. Allenfalls im Mittelfeld.

PRINZ: Geht es noch bescheidener?
Martin: Ich bin Realist. Für mich hat das weniger mit Bescheidenheit oder Arroganz zu tun, sondern mehr damit, immer besser zu werden. Mit „Viva La Vida Or Death And All Of His Friends“ haben wir versucht, ein Album aufzunehmen, dass es rechtfertigt, Coldplay zu hören. Ich denke an die 15-jährige Person in der Schule, die sagt: „Ich mag Coldplay.“ Unser großes Ziel war es, eine Platte zu machen, die ihn oder sie diesen Satz mit Stolz sagen lässt.

PRINZ: Schon wieder bescheiden.
Martin: Oh nein! Cool auf dem Schulhof zu sein, ist eine verdammt große Leistung.

Interview: Steffen Rüth