Bewerbungsanschreiben, Vorauswahl durch Precast, bevor es endlich in die Endausscheidung geht. Nein, hier geht es nicht um einen hochbezahlten Job, sondern um eine Einzimmer-Wohunung in Stuttgart-West für 450 Euro Warmmiete. Um an eine Bleibe in den beliebtesten Stadtvierteln Stuttgarts zu kommen, müssen Interessenten inzwischen fast schon ein Assessment-Center durchlaufen.
Alex P. (28) kam immerhin in die Endauswahl. Doch selbst das ist kein Garant: „Während der Besichtigung erhöhte der Vermieter einfach ständig den Preis.“ Wer am meisten zahlt, bekommt die Wohnung.
Der ganz normale Wahnsinn: Monatelange Suche, bis zu 100 Bewerber auf eine Wohnung, Wucher-Mieten und dazu oft noch eine Maklercourtage sind im und um den Kessel die Regel. Die aktuelle Bürgerumfrage der Stadt zeigte: zu teure Mieten sind die Kritik Nummer eins der Bürger an die Verantwortlichen der Landeshauptstadt. Die Schwabenmetropole wird immer beliebter. Vor allem gilt: „Wohnen in der Innenstadt ist wieder schick geworden“, stellt Rolf Gaßmann, Vorsitzender des Mietervereins Stuttgart, fest. Die Folge: Wohnen in den Innenstadtbezirken können sich bald nur noch Gutbetuchte leisten. „Das soziale Gemisch wird es so langfristig nicht mehr geben“, befürchtet Gaßmann. Gentrifizierung nennt der Fachmann dies: Die Vertreibung der Alteingessenen durch die Besserverdienenden. Paradox ist dabei, dass die Trendviertel dadurch ihr multikulturelles und ursprüngliches Flair verlieren. Laut dem aktuellen Mietspiegel beträgt die durchschnittliche Nettokaltmiete in Stuttgart 9,30 Euro pro Quadratmeter. Doch die Realität sieht anders aus: In den beliebten Stadtteilen wie Killesberg und West kostet der Quadratmeter oft bis zu 12,50 Euro. Vor allem Altbauten sind beliebt und steigen jährlich im Preis. Und, typisch für Stuttgart: Wohnungen und Häuser werden gerne unter der Hand vermietet. Der Schwabe will halt gerne wissen, an wen er seine Wohnung übergibt.
Für Makler ist der Stuttgarter Wohnungsmarkt dagegen ein Paradies. Bei rund der Hälfte der Onlineanzeigen ist bereits eine Provision fällig. „Die klassischen Gegenden in Halbhöhenlage sind nach wie vor beliebt, die Nachfrage übersteigt eindeutig das Angebot“, sagt Volker Gerstenmaier, Gesellschafter des Bankhauses Ellwanger & Geiger. In den aufsteigenden Vierteln können die Preise daher schnell steigen. „Heslach wird gerade sehr attraktiv. Seit der Verkehrsberuhigung hat es sich deutlich nach oben entwickelt. Inzwischen sind Immobilien dort sehr nachgefragt.“ Doch seine Erfahrung ist: „In jedem Viertel gibt’s günstige Wohnungen. Man braucht halt etwas Glück.“ Bei allem Wohnungsfrust – es gibt einen Lichtblick: Die neue Landesregierung, möchte in Zukunft statt des Eigenheim- den Mietwohungsbau fördern, weiß Rolf Gaßmann. Doch das kann noch dauern. Bis dahin hilft nur: clever suchen oder in die Viertel von morgen ziehen. PRINZ nennt die besten Tipps und Adressen.