Ein so rasant eingeschlagenes Provokatiönchen wie die freche Pastorentochter aus Santa Barbara hat die Musikindustrie seit der Lesbennummer von Tatu nicht mehr erlebt. Da kommt dieses brünette Biest, das als Kind kein MTV gucken und erst recht keinen Jungen mit nach Hause bringen durfte, und wirbelt alles durcheinander. Fundamentalchristen sind sauer, weil Katy, die mal ein Gospelalbum aufnahm, ihnen abtrünnig wurde. Schwulenaktivisten sind sauer, weil sie es gar nicht ernst meint. Alle dazwischen flippen aus vor Freude, wenn sie „I Kissed A Girl“ hören, diesen tierisch einprägsamen Ultimativpopsong. Seit Wochen führt die 23-Jährige mit dem textlich eher harmlosen Lied über eine gleichgeschlechtliche Knutscherei die prüden US-Charts an.

Auch bei uns entwickelt sich die Nummer von Perrys Album „One Of The Boys“ prächtig. „Für viele bin ich offenbar so eine Art peinliche Lieblingssängerin“, sagt eine im Pünktchenkleid auf vierziger Jahre gestylte Katy beim Interview in Miami. Dort trat sie als eines der Zugpferde der „Warped“-Tour auf, einer ansonsten eher auf Punk-, Indie- und Hardcorekids zielenden Festivalveranstaltung. „Wenn ich auf der Bühne stehe, singen Leute mit allen erdenklichen Geschmäckern mit.“

Video-Tipp: „I kissed a girl“ von Katy Perry

Ihre Eltern sind von der gesungenen Lesbenlüge der ziemlich heterosexuellen Tochter nicht gerade angetan. „Aber sie verstehen, dass ich für meine Karriere Entscheidungen getroffen habe, die Erfolg ermöglichen.“ Fünf Jahre lang schliff Katy mit verschiedenen Produzenten und Plattenfirmen an der nun perfekt sitzenden Mischung aus Sound, Style und Schweinereien – etwa im Stück „Ur So Gay“. „Da geht es um einen Jungen, mit dem ich zusammen war, und der als Schwuler echt besser aufgehoben gewesen wäre.“ Sie legt ihm nahe, er möge sich doch bitte an seinem Schal erhängen, während er sich einen runterholt und dabei Mozart hört. Aber sie meint’s nicht so. Das weiß auch ihr Lebensabschnittsgefährte Travis McCoy, Sänger der Gym Class Heroes. „Ihn stört es nicht, dass zu jeder Autogrammstunde Mädchen kommen, die mich bitten, sie auf den Mund zu küssen.“ Sie lässt das nämlich sein. „Mädels sind zwar wundervoll zart, auf die meisten stehe ich aber nicht.“ Und fügt hinzu: „Außer Travis könnten mich im Moment nur Gisele Bündchen und Scarlett Johansson rumkriegen.“

Steffen Rüth