Die Kunst gibt nicht immer Auskunft über den Künstler. Bret Easton Ellis ist kein sadistischer Serienmörder, Whitney Houston war nie so brav wie ihre Musik. Und Justin Vernon ist kein melancholischer Typ, nur weil seine Lieder so klingen.

Vernon, das musikalische Gehirn hinter Bon Iver, stammt aus einem Örtchen in Wisconsin, dem Mittleren Westen der USA, und ein bisschen sieht er auch so aus. Mit seinem wild wachsenden Bart, zerzausten Haaren und Geheimratsecken wirkt er älter als seine 30 Jahre. Optisch erfüllt er das Singer-Songwriter-Klischee eindrucksvoll. Die restlichen Assoziationen zu seiner Musik laufen dagegen ins Leere: Er ist ein wacher Gesprächspartner, der gern lächelt und auf Fragen kurz und verbindlich antwortet. Wie seine abgezockten Kollegen aus der Champions League des Rock und Pop hat es Vernon aber manchmal ganz gut drauf, sich so viel- wie nichtssagend auszudrücken. „Ich kümmere mich nicht um die Meinung anderer Leute“, heißt es dann zum Beispiel.

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Vernon hat gut reden, war das Bon-Iver-Debüt „For Emma, Forever Ago“ eines der Kritikerlieblinge der letzten Jahre. Auch die Indie-Gemeinde traf die fragilen Songs ins Mark, auf den Konzerten konnte man eine Stecknadel fallen und den Nebenmann beglückt seufzen hören. Genießen konnte Vernon die Erfolgstour zum Album aber nicht. „Es ist einfach zu viel auf einmal passiert“, bilanziert er. Zu viel für einen Provinzburschen aus der unendlichen Einöde des ländlichen Amerika.

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Entsprechend lange musste er sich anschließend erholen, ehe er die Arbeit an seinem zweiten Album aufnahm. „Wenn man darüber nachdenkt, kreativ zu sein, kann man nicht kreativ sein“, beschreibt er das zentrale Problem. Umso erstaunlicher, wie selbstbewusst und seelenvoll „Bon Iver“ klingt. Für musikalische Ausflüge, die Vernon zuletzt bis auf das Album von Kanye West führten, ist kein Platz in dieser dichten Atmosphäre. Obwohl es sich im Gegensatz zum Debüt nicht um einen Alleingang handelt, sondern um eine Band-Platte mit einigen Gastmusikern, bleiben die Songs von Bon Iver reduziert. „Perth“ oder „Minnesota, WI“ sind intime Fragmente, die auch auf „For Emma, Forever Ago“ keine Fremdkörper gewesen wären. So fein und verletzlich, man muss fast fürchten, sie zerbrächen, würde man sie zu laut aufdrehen.

Vernon strahlt eine tiefe Zufriedenheit aus, wenn er über das Album spricht. Weil es ihm allein um die Musik geht: „Ich bin kein Entertainer“, sagt er. „Ich weiß gar nicht, wie das geht.“ Wohl dem, der stattdessen solche Songs hat.