Wer auf dem Weg nach Döhren schon am Döhrener Turm die Silberpfeile der Üstra verlässt, ist eine Haltestelle zu früh ausgestiegen. Denn die Hannoveraner errichteten dieses Gebäude 1388 als Wehrturm noch auf städtischem Gelände, um die südliche Grenze zu beobachten. Noch bis 1907 blieb das Nachbardorf Döhren, das immerhin älter ist als die Residenzstadt, eigenständig. Doch im Zuge der industriellen Revolution wandelte sich Döhren im Sog der expandierenden Großstadt vom Bauerndorf zum Industrievorort. Damit kam nicht nur das elektrifizierte Streckennetz der „Überlandwerke und Straßenbahn AG“ (Üstra) samt „Speisewagen bis Hildesheim“ nach Döhren, sondern auch Ziegeleibetriebe und „die Wolle“: die Wollwäscherei und Kämmerei AG. Bis 1972 war sie der Motor der ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen, Döhren wandelte sich in jene Kleinstadt, die es im Kern immer noch ist. Denn auch wenn es erstaunlich viele Boutiquen, Läden, Restaurants von günstig bis edel und sogar ein Stadtteilkaufhaus jenseits von Ketten wie Karstadt und H&M gibt: Auch heute noch wird mittags zwischen 13 und 15 Uhr geschlossen!

An der pulsierenden Verkehrsader, der Hildesheimer Straße, ist von dörflicher Ruhe wenig zu merken. Hier findet man die meisten Restaurants, wohl auch wegen der Nähe zum Messegelände. Die Ecke Hildesheimer Straße/Peiner Straße/Abelmannstraße ist zentraler Haltepunkt von Bus- und Stadtbahnlinien und Standort vieler Geschäfte und öffentlicher Einrichtungen, das eigentliche Zentrum Döhrens ist aber der Fiedelerplatz. Dienstags und freitags herrscht bei Bauern- und Wochenmarkt reger Betrieb, aber auch anderntags sind dank Eisdiele und interessanter Geschäfte von der Damenmode (La Piazzetta) über den Bio-Shop bis zum Kaufhaus Scharf viele Döhrener unterwegs. Wer sich mit Markenmode, gesundem Öko-Food oder auch mal einem neuen Kühlschrank eindecken will, muss nicht erst „nach Hannover“ fahren, sondern kann alles gleich an Ort und Stelle erledigen. Etwas weiter südlich geht es zum einstmaligen Industriegelände, dort befanden sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgedehnte Gebäudekomplexe für die Wollreinigung. Schon 1911 beschäftigte das Unternehmen rund 2000 Arbeiter und Angestellte und verarbeitete täglich etwa 100 000 Kilogramm Rohwolle, und zwar vorwiegend Überseewolle. So kam es auch, dass man auf dem Müllablagerungsplatz der „Wolle“ sogar in Australien beheimatete Pflanzen fand, die mit den Resten der gereinigten Wolle dort hingelangt waren. Die glänzende wirtschaftliche Entwicklung wurde nur von den beiden Weltkriegen unterbrochen, neben dem Waschen und Kämmen von Naturwolle entwickelte sich auch das Verkämmen von Chemiefasern zu einem bedeutenden Betriebszweig.

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Anfang 1972 mussten nach sehr gewinnbringenden Geschäftsjahren einige verlustreiche Betriebszweige stillgelegt werden. Die Schließung dieser Anlagenteile hatte eine Reduzierung des Personals zur Folge. Am Ende des Jahres kam dann mit dem unerwarteten Stilllegungsbeschluss das endgültige Aus für die Döhrener „Wolle“. In den industriellen Vorort kehrte wieder dörfliche Ruhe ein. Von den einstigen Industriestätten ist nichts übrig geblieben, außer der „historischen Zeile“ mit dem Uhrturm. Er wurde 1909 erbaut und diente als Gebäude der Werksfeuerwehr. Nach Schließung der „Döhrener Wolle“ wurde er zu Wohn- und Büroräumen umgebaut und Anfang der achtziger Jahre liebevoll restauriert. Heute haben Privatleute, aber auch junge Unternehmen wie der Trendfriseur Cuthouse und Werbeagenturen die Räume gegenüber der Leineinsel bezogen. Auf der Leineinsel selbst ist ein exklusives Wohngebiet herangewachsen. Umgeben von der Leine lebt man hier in idyllischem Grün, Mittelpunkt der kreisförmigen Anlage ist ein hübscher Teich. Das Wehr im Süden der Anlage zieht nicht nur viele Spaziergänger an, hier wird auch geangelt und am kleinen Sandstrand gegrillt. Alles was man dafür braucht, bekommt man natürlich: am Fiedelerplatz!