Es gibt eine russische Opernsängerin, der Mika vieles zu verdanken hat. Sie gab ihm einst Gesangsunterricht – und jagte ihm so viel Angst ein, dass der eingeschüchterte Junge fleißig übte und übte und nie zu spät zum Unterricht kam. Einige Jahre und ein paar Kaugummi-Werbejingles später ist ihr Musterschüler mit der vier Oktaven umfassenden Stimme und den braunen Kulleraugen die Sensation der Popwelt. Gleich mit seiner ersten Single „Grace Kelly“, der Abrechnung mit der Musikindustrie, die ihn im ersten Anlauf zum aalglatten Popstar polieren wollte, ertönt Mika aus jedem Radio. Wo andere mit Schwarz und Weiß malen und auf Klavier und Gitarre setzen, greift Mika tüchtig in die Farbpalette und galoppiert mit einem bombastischen, überschwänglich instrumentierten Popsong an der Konkurrenz vorbei. In England sicherte sich Mika damit die Chartspitze – und das allein mit den Downloads seiner Single „Grace Kelly“. Das schafften bisher nur Gnarls Barkley mit ihrem Hit „Crazy“. Doch fangen wir ganz am Anfang an. Im Alter von neun Jahren flüchtete Mika mit seiner Familie aus dem Kriegsgebiet im Libanon, erst nach Paris, schließlich landete er mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in London. In der Schule dort strapazierte er die Nerven seiner Mitschüler und Lehrer mit seinen ungezügelten kreativen Ausbrüchen. Auch heute will sich der groß gewachsene Lockenkopf um keinen Preis verbiegen lassen. „Man darf keine Angst haben, wenn man mal aus der Reihe tanzt und auffällt. Wenn keiner drauf anspringt, na gut, dann eben nicht. Ich mache trotzdem, was ich machen will.“

Drauf angesprungen ist vor knapp einem Jahr ein britischer Plattenboss, den Mika in einer Hotellobby klavierspielend von seinem Talent überzeugte. „Ich habe mal stehend, mal tanzend am Klavier gespielt und alle Lebensgeister in meinem unfreiwilligen Publikum geweckt“, erzählt Mika und kann sich dabei auch jetzt nicht auf dem Stuhl halten. Die Hotelgäste waren zwar über die schrille Darbietung verblüfft, aber Mika hatte wenig später einen Plattenvertrag in der Hand. Mit dem Freifahrtschein, sich auszutoben, konnte Mika endlich seine Vision der Popmusik verwirklichen. Sein Debütalbum „Live In Cartoon Motion“ ist ein flimmerndes, euphorisches Paralleluniversum zwischen „Alice im Wunderland“ und „Uhrwerk Orange“, surreal und doch wirklich. Jeder Song pulsiert, blitzt, glitzert und entwickelt ein Eigenleben. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass einige Protagonisten aus Mikas Songs, wie Billy Brown und Lollipop Girl, bereits eine eigene Myspace-Seite haben, auf der sie sich austoben. Die oft bemühten Vergleiche mit den Scissor Sisters und Freddie Mercury stören ihn übrigens nicht. „Das ist glücklicherweise genau die Musik, die ich mag.“ Nur mit dem schrillen Kleidungsstil der Scissor Sisters kann sich Mika nicht so recht anfreunden. „Lycra, Lack und Leder sind wirklich nicht mein Fall.“ Dafür sorgt allein schon Mikas älteste Schwester, die sich um die Outfits ihres berühmten Bruders kümmert. Und die stammen vorzugsweise vom ausgefallenen belgischen Designer Walter Van Beirendonck. Auch Mikas kleinere Schwester Yasmine ist involviert: Sie brachte die kleinen Charaktere, die im Kopf ihres Bruders herumgeisterten, zu Papier und entwarf das CD-Cover.

Doch nicht nur die Hülle ist perfekt, denn Mika ist mit seinen 23 Jahren schon ein gewiefter Hund. Gekonnt schmuggelt er Themen in seinen Bombast-Pop, die man dort am wenigsten erwartet. So rät er seiner kleinen Schwester im Song „Lollipop“, mit dem Sex lieber noch zu warten, denn Jungs wollten in ihrem und jedem anderen Alter nur das eine. Der Song „Big Girl (You Are Beautiful)“ ist eine Ode an die wuchtigen, tanzenden Frauen in der Butterfly Lounge, einem Nachtclub im kalifornischen Orange County, in dem schlanken Frauen kein Einlass gewährt wird und füllige Ladys Männern den Kopf verdrehen. Doch die Krone setzt sich Mika mit „Billy Brown“ auf. Darin erzählt er von einem Mann, der seine Frau mit Kind und Kegel sitzen lässt, mit einem anderen Mann durchbrennt und auch ihn sitzen lässt, um nach Mexiko zu gehen. „Jetzt singen Sechsjährige den Song auf dem Weg zu Schule, ohne zu wissen, was Homosexualität überhaupt ist.“ Das findet Mika erschreckend und unterhaltsam zugleich. Vielleicht strickt er daraus ja den nächsten bombastischen Popsong. Zuzutrauen ist es ihm.

Yasmina Foudhaili