Jörn Morisse bleibt samstags am liebsten daheim und liest ein Buch. Trotzdem glaubt er, dass sich in dieser ganz bestimmten Nacht alles anders anfühlt: „Selbst, wenn man gemütlich zu Hause sitzt und Kakao trinkt, kann man sich dem Samstag nie ganz entziehen. Mit dieser Nacht sind so viele Erwartungen und Hoffnungen verknüpft.“

Doch ist der Mythos der „Saturday Night“ überhaupt noch zeitgemäß? Der Mitbegründer der Zentralen Intelligenz Agentur wollte der Frage literarisch nachgehen und bat Schriftsteller, Musiker und Journalisten um Geschichten aus dem Inneren dieser Nacht. „Es ist keine dieser erwartbaren Nacht- Disco-Abtanz-Sammlung – die Autoren sollten das Thema mit der gebotenen Finesse, Spitzfindigkeit und Kaltschnäuzigkeit angehen“, sagt Morisse. 25 Storys schafften es in seine zusammen mit Stefan Rehberger herausgegebene Anthologie. Dass eine Autorin namens „The nicest girl alive“ dennoch ihre Top-Disco-Probleme auflistet, machen andere wieder wett: Silke Morgenroth erzählt von einsamen Samstagen als Freundin eines New Yorker Juden und Linus Volkmann von einer durchwachten Nacht in Hamburg mit Yves Saint Laurent. Rebecca Niazi- Shahabi ackert am Samstag in einer Agentur, bei Miriam Stein stolpert ein Getränke-Scout durch Buenos Aires. Jens Friebe stimmt ein Loblied auf den Kater an, während Jakob Dobers charmant über einen „coolen Abend“ in Berlin plaudert.

Bei Jochen Schmidt hingegen läuft der Abend aus dem Ruder. Als ihn seine Partygäste nicht erkennen und aus der Wohnung drängen, resümiert Schmidt trocken: „Es ist immer aufschlussreich, Gäste zu haben, denn erst als Gast zeigt der Mensch sein wahres Gesicht.“ Zu einer Dinnereinladung der Rezensentin am Samstag vor Weihnachten traf der letzte Gast übrigens Punkt Mitternacht ein – mit einer angebrochenen Flasche Wein und einer fremden jungen Dame im Arm. Ratlos blickte er auf die kleine Runde und sagte: „Ach, ich dachte, hier steigt ’ne Party.“

Tina Rausch