Seine Statur gleicht der eines American-Football-Spielers, an seiner Hand baumelt eine klobige, blaue Handtasche. Dazu trägt der schüchterne Mann mit der zerzausten Gothic-Frisur und dem bleichen Teint zu viel Kajal, einen Schlabberpulli und abgeschabte Doc Martens. Antony Hegarty sieht aus wie eine aufgeschwemmte Ausgabe des The- Cure-Sängers Robert Smith. Der 1,90 Meter große Transvestit ist ein Sonderling, der Aufsehen erregt. Am meisten unter Musikkritikern, die den gebürtigen Briten mit Wohnsitz Manhattan seit „I Am A Bird Now“ von 2005 als regelrechtes Genie verehren. Sei es wegen seines entrückten Gesangs, seiner schwelgerischen Kompositionen oder seiner kreativen Vielfalt.

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Wenn der 37-Jährige nicht hinter dem Mikro steht oder Lieder am Piano komponiert, zeichnet er abstrakte Bleistiftskizzen, designt Kleider und Kimonos oder wirkt in Filmen wie Steve Buscemis „Animal Factory“ mit. Kollegen wie Björk, Lou Reed, Joan As Policewoman und Rufus Wainwright reißen sich um Hegarty, schwärmen von seiner Exotik und seinem künstlerischen Flair. „Ich weiß nicht, was sie in mir sehen und warum alle so scharf auf mich sind“, wiegelt Hegarty ab. „Aber es ist ein wunderbares Kompliment.“ Die Popularität nutzt er für sein bislang ehrgeizigstes Projekt, „The Crying Light“.

Ein Album, dessen zehn Stücke nur einen Zweck verfolgen: die Menschheit zum Handeln zu bewegen. „Politiker und Popstars erreichen die Menschen anscheinend nicht. Wahrscheinlich, weil man ihnen ihr Engagement nicht abnimmt und andere Interessen wittert. Deshalb probiere ich es jetzt.“ Seine Botschaft vermittelt der sanfte Riese jedoch nicht mit lauten Tönen, sondern mit betont leisen: „Die männliche Sicht der Dinge hat uns in den Schlamassel geführt. Wir sollten mehr auf unsere feminine Seite hören, weil sie im Einklang mit Mutter Erde ist.“ Also, Handtaschen umhängen, Antonys Platte auflegen und nach alter-nativen Ansätzen zur Rettung der Welt suchen. Weniger als bisher kann dabei kaum herauskommen.

Marcel Anders