RACHE IST SCHNELL
Mit Gewohnheiten ist das so eine Sache: Erst wenn man sie aufgibt, eröffnen sich neue Perspektiven. „Ein Quantum Trost“ macht weiter mit der Demontage des alten, liebgewordenen James Bond und zerlegt das gequirlte Martini-Image des britischen Geheimagenten – bis hin zu eben jenem Drink, von dem nur noch die Bestandteile erwähnt werden, ohne garnierende Sprüche. Überhaupt: Agent 007 (Daniel Craig) stellt sich nicht mehr als „Bond, James Bond“, sondern redet wenig – und es gibt auch nicht viel zu sagen, denn seine Mission ist klar: Rache für seine ermordete Freundin Vesper aus „Casino Royale“. Bond unter Strom. Mit anderen Worten: Es gibt eine atemlose Hetzjagd rund um den Globus – von Italien bis Haiti, von Österreich bis Bolivien. Dieses Tempo hat Folgen: „Ein Quantum Trost“ ist mindestens eine Viertelstunde kürzer als gewohnt. Diese Zeit wurde bei der Story eingespart: Ein Verräter im MI6 bringt Bond auf die Spur einer obskuren Organisation, die den strategischen Welt-Poker ums Öl zum eigenen Profit ausnutzt. Im Mittelpunkt: der Bösewicht Dominic Greene (Mathieu Amalric), der sich mit einer Umweltorganisation tarnt und schlimmer als die CIA nach Belieben ganze Regimes stürzt. An seiner Seite: Camille (Olga Kurylenko), die einen eigenen Racheplan verfolgt und zu Bonds Verbündeter wird. Ein geradezu altmodischer Plot – und ebenso archaisch ist auch die Action: Ohne Bond-Spielzeuge, ohne (sichtbare) Computertricks, aber mit jeder Menge halsbrecherischer Stunts. Hier werden noch ganze Gebäude in Handarbeit in Schutt und Asche gelegt, es wird wieder mehr geprügelt, mit kleinen Booten herumgerast, mit alten Flugzeugen geflogen und viel mit der guten alten Walther PPK geschossen. Dabei geht Bond so brutal vor, dass man ihn von seinen sadistischen Gegenspielern kaum unterscheiden kann. Fast alle seine Recherchen landen in einer Leichensackgasse. Bond Nr.22 zeigt den kalten, wortkargen Waisenjungen, der vom MI6 zur Killermaschine erzogen wurde und mit seinem Grund-Misstrauen unfähig ist, Gefühle zu entwickeln – erst recht nicht zu Frauen. So gibt es auch keinen Sex mit Camille, sondern nur einmal mit Fields (Gemma Arterton) – einer Angestellten aus demselben Agenten-Verein. Diese Charakterzüge des einsamen Helden machen diesen Bond interessanter als seine Vorgänger, aber leider kann er diese Seite in dem rasant geschnittenen Rache-Trip nur für kurze Momente zeigen. Und so kommt man diesem Bond emotional auch nie wirklich nah. Aber so ist das halt mit Gefühlskrüppeln.
Michael Schömburg