Am Ocean Drive, nachts zwischen elf und drei Uhr, hat der Ausdruck „sich treiben lassen“ seine ganz eigene Bedeutung. Besonders an Wochenenden bummeln dann Tausende an den pastellfarbenen Art-déco-Häusern entlang, von Bar zu Bar, von Club zu Club. Die Restaurantgärten sind überfüllt, aus dem Hotel „Cardozo“ (Inhaberin: Gloria Estefan) dröhnt Latin-Pop, zwei Häuser weiter spielt eine kubanische Band, auf dem Boulevard vermischt sich die Musik zu einem wilden Soundbrei. Immer wieder kommt es zu Menschenstaus, was alle wunderbar finden: Selig lächeln sie einander an, treiben sich gegenseitig voran. Es ist eine freundliche, frisch parfümierte und vor allem sehr fröhliche Masse. Jeden dieser Menschen treiben drei Wünsche an, die sich in diesem Moment allesamt erfüllen: Party! Party! Party!

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Wer ein Urlaubsticket nach Miami bucht, der will nicht in die Stadt – sie hat zwar ein paar nette Ecken, ist im Großen und Ganzen aber eher gesichtlos. Die meisten lassen sie gleich nach der Landung hinter sich, fahren über die Biscayne Bay bis nach Miami Beach, auf die Insel im Atlantik. Ihr südlicher Teil South Beach ist ein reines Feriengebiet: 60000 Einwohner, sieben Millionen Gäste allein im vergangenen Jahr. Die Fußwege haben einen roten Belag, er soll an rote Teppiche erinnern: In South Beach ist jeder ein VIP! Der Strand: weiß und breit. Das Meer: türkis. Das Klima: tropisch. Die touristische Infrastruktur: perfekt. Hotels und Gastronomie jeder Kategorie, Sport-, Ausgeh- und andere Vergnügungsangebote ohne Ende. Hinzu kommt die ganz spezielle Kultur: Die meisten Einwohner sind karibischer, mittel- oder südamerikanischer Herkunft. Spanisch, nicht Englisch ist die Hauptsprache, und die Menschen verfügen über eine ausgeprägte Lockerheit – ihr Denken, ihr Handeln, ihre Hüften sind geschmeidig und relaxt. Gepaart mit US-amerikanischem Organisationstalent und Ordnungssinn, entfaltet sich ein Lifestyle, wie er in Ferienclubs überall auf der Welt künstlich kultiviert wird, ganz von selbst.

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Es soll Miami-Besucher geben, die sich gern in Ruhe entspannen möchten – sie finden Erholung in großen, eleganten, exklusiven Hotelanlagen. Die allermeisten jedoch suchen und finden hier ein Mega-Zentrum des Vergnügungstourismus. Während die Ferieninsel früher vor allem als Rentner- und Mittelklasse-Familienparadies galt, kommen heute überwiegend junge oder sich jung fühlende Leute – aus den USA, Europa, Australien, Südafrika oder China. Die beliebtesten Kleidungsstücke sind Mini-Mini-Strandkleidchen (Damen, tagsüber) oder Glitzerfummel (nachts) und Highest Heels (immer), Hawaii-Hemden (Herren, tagsüber) oder Anzug und T-Shirt (nachts). Man zeigt Figur, auch wenn man keine hat – sorry, aber an nur wenigen Orten findet sich eine dermaßen hohe Konzentration an Schwabbelfett wie in Miami. Aber auch an stahlhart trainierten Muskeln. Sowie an aufgepolsterten Brüsten und Lippen, blondierten Mähnen, gebotoxten Stirnen. Falls irgendwann einmal wieder eine Plastik-Ästhetik à la Pamela Anderson in Mode kommt, sollten die TV-Sender in South Beach casten.

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Aus Plastik sind auch die Becher, in denen Longdrinks serviert werden, selbst in sehr teuren Bars. Dafür besteht der Gin Tonic dann zu rund siebzig Prozent aus Gin. Nach dem Motto „Viel! Mehr! Am meisten!“ handeln ebenfalls die zahlreichen Restaurantköche, die große Teller randvoll packen. Heiß brennt die Sonne, an starker Unterkühlung leiden fast alle Innenräume. In vielen Geschäften ist die Lautstärke der House-Musik so gewaltig, dass einem die Verkäufer nur ihr „Hi!“ zurufen und sonst schweigen. Auf den Straßen cruisen Hummer-Stretchlimousinen. Wer so was geschmacklos findet, bleibt besser zu Hause. Alle anderen staunen und freuen sich: Was für ein Riesenspaß! Und wer jetzt denkt, die weite Anreise lohne sich nicht, weil Miami so ähnlich sei wie Ibiza oder andere europäische Partyferiengebiete, der bedenke: 1. In South Beach gibt es keine einzige Großraumdiscothek, dafür aber viele super-exklusive Clubs. 2. Wenn Südeuropa sich im Winterschlaf befindet, ist in Miami Hochsaison. 3. Das Publikum in South Beach ist um ein Vielfaches internationaler. 4. Die Reichen und Berühmten, die sich auf Ibiza vergnügen, sind ziemlich kleine Nummern im Vergleich zu den Promis in Miami. Okay, ob man die Top-Promis auch zu Gesicht bekommt, ist eine andere Frage. Viele, wie Sean Combs, Gloria Estefan, Ricky Martin, Matt Damon oder auch Hulk Hogan, besitzen Häuser auf kleinen Inselchen in der Biscayne Bay nahe Miami Beach. Unters gemeine Volk mischen sie sich so gut wie nie, aber immerhin gibt es spezielle Bootstouren, auf denen man ihre Anwesen bestaunen kann.

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Ein weiteres Refugium für Reiche und Berühmte ist die Casa Casuarina am Ocean Drive, auch Versace Mansion genannt, denn die Villa gehörte dem Modeschöpfer (und auf den Stufen davor wurde er 1997 ermordet). Heute befindet sich darin ein Members Club und ein kleines Hotel, wo die Nacht ab 1200 Dollar kostet. In der „Madonna Suite“ logiert gelegentlich eine Frau Ciccone, auch Elton John, George Michael, Sting und Courtney Love waren bereits zu Gast. Klar, dass die Villa stets strengstens bewacht ist. Deutlich bessere Chancen haben Star-Spotter hingegen in Nachtclubs wie Mansion oder Privé, ihr Betreiber-Team, die Opium Group, unterhält gute Kontakte zu Paris Hilton, Lindsay Lohan, Robert Downey Jr., Anne Heche und anderen Vertretern der Showbranche. Am Ocean Drive, morgens vor 12 Uhr, herrscht eine fast schon beunruhigende Stille. Die Stadt schläft ihren Rausch aus, die Menschen erholen sich vom Sehen-und-Gesehen-Werden, vom Tanzen, vom Gin mit wenig Tonic und vom Sich-treiben-Lassen auf Highest Heels. Keine Hummer-Stretchlimo weit und breit. Kommt der Wind aus Richtung Osten, kann man in solchen Stunden ein kleines Wunder erleben: Das Meeresrauschen ist zu hören, es übertönt die Musik aus den Cafés. Nur allmählich füllen sich die Terrassen, fette Herren bestellen ihr Speck-Eier-Pancake-Frühstück, ranke Mädchen löffeln ihren Obstsalat. Sie machen sich fit für den neuen Tag und die neue Nacht mit einem Maximum an Dekadenz, Remmidemmi, Jugendwahn und Lebenslust.
Nele-Marie Brüdgam