Hinter mir liegen 20 Stunden auf der Fähre von Kiel nach Oslo, vor mir Norwegens Hauptstadt im Morgendunst. Schornsteine pusten weißen Rauch in die kalte Winterluft, die Sonne steht tief am Himmel. In dieser Jahreszeit ist das bisschen Licht eine Seltenheit, die Tage sind kurz, die Nächte dafür umso länger. Für die Nächte ist Danny Larsen zuständig. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille, das schwarze Haar schulterlang.

Danny ist einer der besten Snowboarder Norwegens und spielt in Metalbands – eine für Oslo typische Kombination, wie sich später herausstellen wird. Danny weiß, was er an seiner Stadt hat: „Nichts ist schöner, als bis spät am Abend auf den beleuchteten Skipisten direkt vor der Stadt zu snowboarden.“

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Oslo ist eine Stadt, in der die Boarder mit der U-Bahn in die Berge fahren, sobald die Stadt Mitte Dezember im Schnee versinkt. Der Tryvann Winterpark mit mehreren Abfahrten und eigener Halfpipe ist nur 20 Minuten vom Zentrum Oslos entfernt und jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet. Durch die Wälder, die die Stadt wie ein gewaltiger Adventskranz umschließen, schlängeln sich 2600 Kilometer Langlaufloipen, auch sie werden beleuchtet.

Oslo nachts, das ist auch: Heavy Metal. Dannys Lieblingsclub ist das Garage, ein Ort, an denen sich vorwiegend Slash-Doubles aufhalten. Der Rest der Männer hat mindestens Tätowierungen am Hals. Und wie in der Wikingerzeit prägen auch heute vor allem langhaarige Männer das Stadtbild. Warum diese Treue zum Rock? Danny weiß einen simplen Grund: „Es ist schon deprimierend, wenn es im Winter um zehn Uhr morgens immer noch stockfinster ist. Dann muss ich erst mal laut Black Metal hören, um mich lebendig zu fühlen.“ An der Treppe zu dem Kellerclub wirbt ein Plakat für einen „Karaoke Hell“-Abend, und der Flipper heißt „Medieval Madness“.

Neben der Tradition des Rock gibt es weitere Spielregeln für Oslos Nachtleben: „Der Abend beginnt mit einem Vorspiel und endet mit einem Nachspiel. Vor dem Weggehen betrinkt man sich mit Freunden zu Hause. Und wenn die Clubs und Bars um drei Uhr morgens schließen, geht die Party bei irgendwem in der Wohnung weiter. Auf jeden Fall halten die hohen Alkoholpreise niemanden vom Trinken ab.“ So Danny.

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Und es stimmt: Um Mitternacht sind nicht nur alle Bars voll, sondern auch die Osloer. Wie das aussieht, erlebe ich vor dem Liveclub Blå in einer alten Spinnerei. Es gibt palästinensischen HipHop, vor dem Club hat sich eine Schlange gebildet. Mittendrin kippt ein Pärchen einfach um. Ein Mann vom Sicherheitsdienst hilft ihnen auf, die beiden torkeln weiter zur nächsten Bar. Wir folgen ihnen und machen Halt an der Kunsthochschule Strykejernet. Auch die hat nachts einiges zu bieten. Im Innenhof hängt zwischen zwei Häuserwänden, die von oben bis unten mit Graffiti besprüht sind, ein riesiger Kronenleuchter unter freiem Himmel. Dahinter führt eine Außentreppe hinauf in die Ausstellungsräume der renommierten Hochschule.

Die Kunststudenten zeigen hier ihre Werke und demonstrieren, was kreative Freiheit bedeutet: „Wir dürfen hier machen, was mir wollen“, sagt Gina, ein blondes Mädchen mit Ponyfrisur. Sie drückt jedem ein Bier in die Hand und macht mit uns eine Tour durch die Arbeitsräume ihrer Schule. Ihr Mitstudent Espen hangelt sich an einem Wandbild hoch und lässt sich von oben kopfüber herunterhängen. „Jedes Wochenende finden in unserer Schule Partys statt“, erzählt Gina begeistert und führt uns in einen weiteren Raum, in dem das kreative Chaos einer unaufgeräumten Schublade herrscht. Unter großen orientalischen Lampen tanzen hier die Edvard Munchs von morgen zu „Common People“ von Pulp.

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Ein ganz anderes Bild bietet sich uns nur wenige Schritte weiter im Club ElektroStat beim Konzert von der Band Gothminister. Die Besucher tragen – natürlich – ausnahmslos Schwarz und nicken mit ihren Köpfen zum Synthie-Sound der Band. In meinem dunkelblauen Kleid fühle ich mich plötzlich viel zu farbenfroh gekleidet.

Es gibt neben Heavy Metal, Gothic und Kunststudenten auch andere Szenen, die in Oslo ihren Platz finden. Im obersten Stock einer alten Schokoladenfabrik tanzt man Tango. Nur ein kleines Schild an der Haustür verrät den Tango-Club. Der Raum ist spärlich beleuchtet, Tänzer in Turnschuhen oder auf golden glitzernden High Heels gleiten in kerzengerader Haltung über das Parkett.

„Bei uns ist jeder willkommen“, erklärt Angelica Sandodden Omre das Konzept ihres Clubs. „Jeden Freitag findet um 20 Uhr ein Kurs für Anfänger statt. Gleich im Anschluss kann man das Gelernte bei der „Tangonacht“ testen.“ Dort treffen die Neueinsteiger dann auf Routiniers wie den Argentinier Mariano, der auf der Tanzfläche eindrucksvoll beweist, dass man beim Tango nicht denken, sondern vor allem fühlen soll. Und Angelica steht in engen Jeans und Chucks hinterm DJ-Pult und mixt argentinischen Tango mit Electrobeats. Den Erfolg ihres Tango-Abends kann sie leicht erklären: „Die Leute sehnen sich ganz einfach nach einer Umarmung.“ Genau wie die vielen Pärchen, die ich auf dem Rückweg zum Hotel knutschend vor Bars und Häusereingängen stehen sehe.

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Am nächsten Morgen regnet es. Und die Osloer zeigen, dass sie sich weder von langen Nächten noch von häufigem Regen irritieren lassen: knallbunte Gummistiefel, wohin ich blicke. Die Stiefel findet man in fast allen Schuhgeschäften an der Haupteinkaufsstraße Karl Johans Gate, die direkt auf das königliche Schloss von Oslo zuführt.
Danny kauft lieber in Grünerløkka ein. Dort nimmt er mich mit zu Los Lobos, wo ein junger Norweger mit Schmalzlocke Punkrock-CDs, spitze Schuhe mit Kreppsohle und gepunktete Kleider aus den Fünfzigern verkauft. Beim Secondhandshop Fretex der Heilsarmee finden junge Osloerinnen das nötige Zubehör für den im Viertel vorherrschenden Vintagelook. Das Mädchen hinter der Kasse weiß, wie man die gebrauchte Kleidung möglichst kreativ kombiniert: Zu grünen Strumpfhosen trägt sie einen braunen Strickpullover und ein goldenes Stirnband.

Auch Danny hat beim Snowboarden modisch ganz eigenen Vorstellungen. Auf seinen Wunsch hin hat das norwegische Label White Out extra hautenge Snowboard-Hosen entworfen. Wer es mag: Zu kaufen gibt es die Hosen unter anderem bei Hunting Lodge. In dem Laden liegen Snowboardmagazine im Fenster aus. „Das bin ich“, sagt Danny stolz und deutet auf eines der Titelbilder. Snowboards überall. Sogar in Grünerløkka gibt es inmitten von Wohnhäusern einen kleinen Hügel, auf dem man Snowboarden kann. „Sobald der erste Schnee liegt, bauen sich die jungen Fahrer hier einen Funpark, um neue Tricks zu üben“, erzählt Danny.

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Um uns aufzuwärmen, machen wir uns auf den Weg in Dannys Lieblingsrestaurant „Yah Yah’s Thai Beach Club“, dem perfekten Ort für Schlechtwettertage wie heute. Draußen stürmt es, drinnen tragen alle Kellner Flip-Flops. Im Eingang steht ein original Tuk-Tuk aus Thailand, weiter hinten in dem verwinkelten Lokal winden sich Lichtschläuche um die Bambuspfeiler einer Strandbar zur Decke. Aus den Lautsprechern strömt der Soundtrack von „The Beach“, und jede halbe Stunde bricht ein tropisches Gewitter vom Band aus. „Ich fühle mich hier jedes Mal wie in einer anderen Welt“, sagt Danny, während wir Green Curry und Frühlingsrollen essen.

Draußen auf der Straße muss ich mir meine Kapuze wieder dicht ins Gesicht ziehen. Ich verabschiede mich von Danny und fahre mit der Straßenbahn „Trikk“ zum Munch-Museum. Von außen ist es eine graue Mehrzweckhalle aus den frühen Sechzigern, doch drinnen fühlt man sich ins Oslo des späten 19. Jahrhundert zurückversetzt, als die Stadt Kristiania hieß und Norwegen noch nicht als das Land mit dem höchsten Lebensstandard Europas galt.

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Die aktuelle Ausstellung „Munch Becoming Munch“ zeigt frühe Werke des berühmten Malers aus Oslo. Sein bekanntestes Bild „Der Schrei“ ist leider nicht dabei. Es wurde 2004 gestohlen. Obwohl es mittlerweile wieder aufgetaucht ist, wird es erst ab Ende Januar 2009 im Rahmen einer Ausstellung im Munch-Museum zu sehen sein. Als Entschädigung ziert „Der Schrei“ die Schokoladentorte im Museumscafé. Später laufe ich die Karl Johans Gate mit ihren erleuchteten Geschäften zum Fjordufer hinunter und nehme langsam Abschied von Oslo.

Während die Fähre nach Kiel ablegt, blicke ich ein letztes Mal zurück auf die Stadt. Heute rieseln zum ersten Mal dünne Schneeflocken vom Himmel. Wenn die Stadt dick in Schnee eingepackt ist, will ich unbedingt wiederkommen. Nicht nur zum Snowboarden, sondern auch wegen der kurzen Wintertage, an denen die Partys umso länger dauern.

Aileen Tiedemann

Wie Oslo im Sommer ist? Ein PRINZ-Redakteur war für Sie da. Lesen Sie die Reportage auf der nächsten Seite.

Oslo, die Metropole am Fjord

Keine Hochhäuser, die in den Himmel wachsen, keine Angeber-Architektur, doch der Eindruck täuscht: Oslo ist geradezu unverschämt reich! Seit die Norweger Ende der Sechziger vor ihrer Küste Öl entdeckten, wurden das Land und seine Hauptstadt zum Shooting Star Skandinaviens. Aber die Norweger sind zu bescheiden, um damit zu protzen. Sie freuen sich darüber, dass Oslos Angebot an Restaurants, Clubs und Shops in den letzten zehn Jahren geradezu explodiert ist und dass ihre Modelabels von internationalen Stars getragen werden. Vor allem in den Sommermonaten findet das Leben wenn möglich draußen statt. Viele junge Osloer treffen sich im Vigelandspark, auch genannt Frognerpark, schlendern durch das schicke Frogner-Viertel mit seinen beeindruckenden Häuserzeilen, vorbei am Schloss (wenn die Fahne auf dem Dach weht, ist König Harald zu Hause) bis an den Hafen mit seiner Flaniermeile, genannt Akerbrygge. Die ehemalige Schiffswerft ist jetzt eine Mischung aus Cafés, Restaurants und sündhaft teuren Wohnungen.

Im Sommer ist die Museumshalbinsel Bygdøy mit
den Freichlicht- und Wikingerschiffmuseen ebenfalls ein Muss. Unterwegs unbedingt probieren: Pølse i Brød, den norwegischen Hot Dog. Das normale U-Bahn-Ticket gilt auch für die Fähren, die im Sommer die idyllischen Inseln im Oslofjord ansteuern. Hier kann man sogar baden. Wer das hippe Oslo kennen lernen möchte, sollte die Viertel Bislet und Grünerløkka ansteuern. Mit der Straßenbahn (Trikk) oder der etwas antiquiert
anmutenden U-Bahn (T-Bane) kommt man problemlos überall hin. Zum Beispiel auch zur weltberühmten Skisprungschanze am Holmenkollen, die ist nur 20 Minuten von der Stadtmitte entfernt, mitten im Grünen. In Norwegens Hauptstadt liegen die Gegensätze nah beieinander.

RESTAURANTS:
Traditionelles norwegisches Essen wie Elchfleisch oder gekochter Schafskopf ist nicht jedermanns Sache und in Oslo ohnehin eher selten. Man liebt die internationale Abwechslung und jede Menge Fisch. Die größte Auswahl an guten Restaurants gibt es entlang der Thorvald-Meyers-Straße in
Grünerløkka.

CAFÉS / BARS:
Trotz der hohen Alkoholpreise gehen die Osloer gerne in ihre Bars, wo meist DJs die Gäste bereits auf das Nachtleben einstimmen. Geraucht wird seit 2004 nur vor der Tür. Die größte Auswahl an interessanten Bars findet man ebenfalls wieder in Grünerløkka.

CLUBS:
Typische für Oslo ist das Party- Warm-up, genannt Vorspiel: Man trifft sich mit Freunden vor dem Clubbesuch und hat Plastiktüten voller Alkoholika dabei. Und man macht sich chic, auch wenn es in
Clubs meist keinen Dresscode gibt. Zurzeit sehr angesagt: Oslo-Disco, eine Mischung aus Minimal-Electronica und funky House.

SHOPPING:
Für entspannte Einkaufstouren am besten geeignet sind die Geschäfte entlang des Bogstadveien (T-Bane-Station Majorstuen) und das große Shoppingzentrum Oslo City direkt am Hauptbahnhof. Die ideale Verkörperung des weltoffenen und entspannten Oslo-Stils ist das junge Label Moods Of Norway (im „Oslo City“-Shoppingcenter), vor vier Jahren von zwei Schulfreunden gegründet und auch international
immer erfolgreicher. Chefdesigner Simen Staalnacke verbindet norwegische Symbole mit klaren, starken Farben – und überzeugt damit auch internationale Stars wie Justin Timberlake, die die
Marke bei Auftritten tragen.

Kai Schwind