Belleville, 20. Arrondissement
Als Baron Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag von Napoleon III. die baufälligen, populären Viertel in der Innenstadt niederreißen und breite Boulevards, Trottoirs und Abwasserkanäle bauen ließ, ging es ihm ganz bewusst auch um den „Zusammenbruch des alten Paris, der Quartiers der Aufstände und Barrikaden,“ wie er in seinen Memoiren schrieb. Das politisch immer wieder aufsässige Volk sollte aus der Innenstadt in die Außenbezirke vertrieben werden.

Arbeiterfamilien und kleine Handwerker siedelten sich massiv im Nordosten von Paris an, in den traditionellen Arbeitervororten Belleville und Ménilmontant, die 1860 von Paris eingemeidet wurden.

Beim Stichwort Belleville denken Paris-Nostalgiker gerührt an Edith Piaf und ihre Chansons oder an Schwarzweiß- Aufnahmen, die überall als Postkarten angeboten werden und frech grinsende kleine Lausbuben, Männer mit Baskenmütze und Baguette unterm Arm oder kecke „Parisiennes“ zeigen. Fotos der kleinen Leute von Paris, der petit peuple – so, wie sie nur noch als Klischee im kollektiven Bewusstsein existieren.

Belleville ist keine heile Welt, kein Künstlerdorf, kein Ghetto für die schwarze und arabische Bevölkerung, aber es ist alles zugleich. Abstoßend und wunderhübsch, anstrengend und leicht, kontrastreich und fragil. Nachbarschaftshilfen und Bürgerinitiativen arbeiten engagiert daran, dass Belleville und auch das benachbarte Ménilmontant Stadtteile bleiben, in denen Moslems, Juden und Katholiken friedlich zusammenleben, in denen man sich verträgt, auch wenn der eine von der Stütze lebt und der andere in seinem Job sehr ordentlich verdient.

Einen Eindruck von der Vielvölkermischung bekommt man besonders gut im Parc de Belleville, der terrassenförmig an einem Steilhang angelegt wurde und als riesiger Spielplatz dient. Kinder aus türkischen, arabischen, asiatischen, armenischen, schwarzafrikanischen oder französischen Familien spielen, rennen, schreien und weinen dort wild durcheinander.

„La Mer à boire“, das Lokal oben am Bellevillepark, wo einem Paris zu Füßen liegt, wird von einem Verein betrieben, der mit engagierten Ausstellungen, Konzerten sowie einer Kleinkunstbühne zu Toleranz und Diskussionen anregen will. Ein Glück, dass an einem Ort mit so fantastischem Panorama noch kein Edel-Restaurant entstanden ist.