Es ist leicht, Vampire Weekend in die Ecke mit den feinen Pinkeln zu stellen. Ezra Koenig singt von Country-Clubs, College-Professoren und Diplomatensöhnen. Die Interessen des 24-Jährigen lesen sich so aufregend wie ein Studienverzeichnis: Linguistik, Anthropologie, Soziologie, Kunst und Kultur. Seine anarchistische Energie entlud sich an der New Yorker Columbia University in einem Lacoste-Krokodil-Graffito. Alles klar. Oder nicht? Zumindest darf man es niemandem verübeln, hinter dem Sohn eines Aufnahmeleiters zunächst den eines Vorstandsvorsitzenden zu vermuten. „Niemand von uns behauptet, auf der Straße aufgewachsen zu sein“, beschwichtigt Koenig.

Video-Tipp: „Cousins“ von Vampire Weekend

„In einigen unserer Lieder gehören die Figuren der Oberschicht an, ja. Aber unsere Texte bejubeln den elitären, privilegierten Lebensstil nicht. Wir thematisieren nur Klassenunterschiede aus einer anderen Perspektive. Egal über wen und welche Situationen wir singen, wir gehen es mit einer Mischung aus Mitgefühl und Sympathie an.“ Auch auf ihrem zweiten Album führen die vier New Yorker mit feiner Ironie Gegensätze zusammen, um Denkanstöße zu geben und vorgefasste Meinungen aufzubrechen. In seinen Texten lässt der ehemalige Englischlehrer Koenig bewusst Spielraum für Interpretationen und Assoziationen.

„Ich schreibe keine Kurzgeschichten, keine Romane oder Essays. Ich schreibe Songs“, betont er. „Mein wichtigstes Werkzeug ist Doppeldeutigkeit.“ Vielen der Lieder ist es kaum anzuhören, dass sie von Verlust oder Zweifel handeln. „Wir haben mit dem Tempo und der Dynamik gespielt. Die Auswahl und Kombination der Instrumente ist vielfältiger“, erklärt Bassist Chris Baio. Vielfältiger. Wie bescheiden. Vampire Weekends Sound explodiert geradezu in alle Richtungen. Ließ sich ihre erste Platte noch als Aufwartung an den Afrobeat von Paul Simon, Peter Gabriel oder den Talking Heads hochjubeln, lässt sich „Contra“ musikalisch nicht so einfach verallgemeinern.

„Horchata“ vereint afrikanische Rhythmen mit Streichern und winterlichen Schlittenglocken. In „Run“ treffen Mariachi-Trompeten auf Dancehall-Bässe und Synthesizer. Die rasanten Gitarrenläufe und der punkige Bass von „Cousins“ spielen zum Ende des Songs gegen ein Gewirr aus Kirchenglocken an. Konnte man das erste Album noch als Kunstwerk betrachten, kommt man sich nun vor wie in einer Galerie. Also sollen die Leute sie ruhig für blasierte Schnösel halten. Sollen sie lästern über schnieke Poloshirts oder allzu braves Gehabe. Dichten und denken ist kein Privileg von Schmuddelkindern.
Sascha König