Ohne Seil und Gurt, dafür aber mit viel Kraft in den Unterarmen und geistiger Fitness gilt es beim Bouldern beliebig weit waagerecht oder quer zu kraxeln oder auch bis zu vier Meter senkrecht hinaufzuklettern. Nicht umsonst also habe ich das Kinder-Pokalturnen des MTV Lübeck gleich dreimal hintereinander gewonnen. Das hier könnte gut werden! Die Halle ist voll, ich aber steh plötzlich alleine da: keine Ahnung, wie ich da hinaufkommen soll. Das Beste in so einem Fall ist immer, zu beobachten, was die anderen tun. Sie runzeln die Stirn, zeigen mit Fingern auf Kletterwände, beraten sich. Bitte? Ich dachte, ich soll hier Sport machen? „Bevor du eine Route aktiv angehst, solltest du die Boulder-Probleme erst mal im Kopf lösen“, erklärt mir eine Gruppe erfahren wirkender Sportkletterer. Boulder-Probleme? Hab ich nicht. Mein Plan heißt Trial and Error.

Mit geliehenen Kletterschuhen und staubigem Magnesia an den Händen versuche ich alle Griffe und Tritte derselben Farbe zwischen Start- und Zielgriff zu erreichen. Immerhin: Wer 30 Zentimeter dicke Schaumstoffmatten unter sich hat, fällt wenigstens weich. Und so klettere und falle ich, bis die Haut an meinen Händen sich aufzulösen beginnt und mir die unverschämte Leichtigkeit der anderen Kletterer auf die Nerven fällt. Etwas frustriert verstehe ich so langsam den Reiz: Nicht Kraft allein bringt den Boulderer hoch hinaus, sondern logische Entscheidungen und objektive Selbsteinschätzung: Welche Route führt mich zum Ziel? Kann ich diesen Griff erreichen? Objektiv eingeschätzt: Heute wird das nichts mehr mit mir und der Felswand. Aber das Äffchen in mir gebe ich noch nicht auf. Den Ehrgeiz hab ich seit dem MTV.
Léonie Roose