„Der Padangust- Asana gelingt nur, wenn ihr dabei schööön kooonzentriert in den Spiegel schaut!“, raunt Hans, der Yogalehrer in Badehose, in sein Headset. Dabei tippt er mich an und zeigt auf mein Spiegelbild. O Gott, ich sehe aus wie ein misshandelter Storch! Mit hochrotem Kopf, schweißfleckigem T-Shirt und verknotetem Fuß im Schoß stehe ich auf den Zehenspitzen und eiere nach links und rechts. Ich bin sehr gespannt auf den Energieschub, der mich angeblich am Ende der Stunde erwartet. Das Turnen der 26 Hatha-Yoga-Übungen in einem auf 40 Grad beheizten Raum soll zudem noch Pfunde schmelzen lassen und wahre Wunder bei Rückenschmerzen und Depressionen bewirken.

Schon jetzt dämmert mir die Erkenntnis, dass auch ich das Potenzial habe, im Zirkus aufzutreten. Die Hitze hat meine Gliedmaßen dehnbar wie Kaugummi gemacht. Neben mir faltet sich eine Frau in wahrhaft furchterregender Weise nach hinten zusammen. Nach 90 Minuten bin ich der Ohnmacht nahe. Ich will trinken. Doch die 1,5-Liter-Flasche Wasser fühlt sich an wie ein Mühlstein. Schlapp greife ich nach einem der Äpfel, die vor der Folterkammer auf uns verschwitzte Hobby-Inder warten. „Ganz toll hast du das gemacht“, lobt mich mein Peiniger. Das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche – es funktioniert tatsächlich: Unter der Dusche kribbelt es in meinem Bauch.
Carmen Meyer