Frankreich hat es ihnen nicht leicht gemacht. Trotz Globalisierung bemüht man sich im meistbereisten Land der Welt, alles möglichst französisch zu halten. Schlechte Voraussetzungen für eine einheimische Band wie The Dø, die es vorzieht, auf Englisch zu singen. „Das Internet hat uns sehr geholfen“, sagt Sängerin Olivia Merilahti. „Dort können Leute frei wählen, was sie hören. So haben wir es überhaupt erst geschafft, veröffentlicht zu werden – trotz dieses schrecklichen Gesetzes zum Schutz der französischen Sprache.“ Mindestens 40 Prozent der Lieder, die auf Unterhaltungssendern laufen, müssen auf Französisch gesungen sein.

Das Gesetz konnte The Døs weitschweifig inspirierten Multikulti-Folkpop glücklicherweise nicht aufhalten. „Mit unserem Debütalbum haben wir Geschichte geschrieben“, sagt die 27-Jährige. Nun haben sie und ihr Partner Dan Levy nicht gerade den Weltfrieden erzwungen, aber: Nie zuvor kam eine französische Band mit englischen Songs auf Anhieb an die Spitze der französischen Charts. „Zugegeben, ich haue ein bisschen auf den Putz. Aber es ist so eine wahnsinnige Bestätigung für mich. Ich hatte nie Zweifel daran, auf Englisch zu singen. Nur so fühlt es sich für mich natürlich an.“ Ihren unterschiedlichen Überzeugungen auch jenseits der Sprachbarriere treu zu bleiben zahlte sich für die Popsängerin und den Klassik-, Jazz- und Filmmusikkomponisten aus. Das Ergebnis des Zusammenspiels zweier musikalischer Pole ist ein nassforsches Folkalbum, das mit jedem Song eine andere Farbe des Popspektrums zeigt. Flapsige Rockhymnen kontern The Dø mit New-Folk-Balladen, sie nehmen Fahrt auf mit experimentellen Electrostücken und bremsen sie mit cineastischen Instrumentalorgien.

Video-Tipp: „On My Shoulders“ von The Dø

„Am Anfang hatten wir viel damit zu tun, zu erkunden, was der andere bisher gehört hat“, so Merilahti. „Dan war sehr in seiner Instrumentalmusik befangen und wusste rein gar nichts über die Pop- und Rockwelt. Ich habe schon immer viel britischen und amerikanischen Pop, Weltmusik und traditionelle Folklore gehört.“ Nicht die besten Voraussetzungen, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ein Produzent stellte sie einander bei der Arbeit am Soundtrack zum Film „Das Imperium der Wölfe“ vor, drängte sie zur Kollaboration. „Dan hielt nicht besonders viel von der Idee. Er war ziemlich gefestigt in seiner Studioarbeit und hatte genug Spaß. Aber da wusste er auch noch nicht, wie großartig es ist, mit mir zu arbeiten“, grinst die Sängerin. Als er zum ersten Mal ihre schrullig-schöne Stimme hörte, änderte Levy seine Meinung. Luftig wie Feist, zerbrechlich wie Nina Persson, trillernd wie Björk – eine dankbare Ergänzung zu den ungewöhnlichen Soundideen des Multiinstrumentalisten. Nicht mal vor HipHop macht die Französin mit den finnischen Wurzeln Halt. Bei „Queen Dot Kong“ gibt sie mit beachtlichem Flow den weiblichen Eminem. Auch das entgegen gut gemeinten Ratschlägen und dem Massengeschmack. „Viele hatten ein Problem damit, dass ich rappe. Eigentlich ist es ein Witz“, sagt Merilathi. „Einige verstehen ihn, andere nehmen das zu ernst.“

Das ist das Bewundernswerte an diesem Duo: Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst, bedienen keine Klischees. Alles außer gewöhnlich, alles außer französisch. „Wir haben den Großteil unseres Lebens in Frankreich verbracht“, so Merilahti, „aber wir fühlen uns nicht als Franzosen. Dass wir oft unpünktlich sind, ist das einzig Französische an uns. Ach was, nicht mal das.“
Sascha König