Mit Popstars kann man es ja machen: The Whitest Boy Alive aus Berlin reisten nach Mexiko, um dort im Haus eines Freundes ihr zweites Album aufzunehmen. Teile ihres Equipments kamen nicht durch den dortigen Zoll. Mit Worten allein waren die Zöllner nicht zur Herausgabe zu bewegen, wie Sänger Erlend Øye sich erinnert. „Wir mussten eine Menge Dollars zahlen, die unquittiert in den Hosentaschen der Beamten verschwanden. Erst dann durften wir unser Zeug mitnehmen.“ Nur freundlich sein hilft eben nicht immer. Dabei sind The Whitest Boy Alive darin besonders gut: „Dreams“, das Debütalbum der Band, begeisterte 2006 mit seiner Mixtur aus verspielten Melodien und melancholischem Gesang. Das Album avancierte zum Indiepop-Hit, die Band selbst zu einer Konsens-Band im besten Sinne. The Whitest Boy Alive, die konnte man einfach nur mögen.

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„Stimmt, wir machen freundliche Musik“, sagt Øye, den die Fans im Übrigen besonders gern mögen. Das liegt auch daran, dass der Schlaks mit der großen Brille und den Wuschelhaaren einen Bekanntheitsvorsprung besitzt: Der Norweger singt seit 1999 bei den in Indiekreisen hoch geschätzten Kings Of Convenience. Bei The Whitest Boy Alive macht der 33-Jährige genau das, wofür man ihn schon bei seiner norwegischen Band schätzte: wundersamen Minipop mit weicher Stimme. Dass die beiden Bands trotzdem nicht zum Verwechseln ähnlich klingen, ist Øyes Zusammenspiel mit den übrigen Bandmitgliedern Marcin Öz, Sebastian Maschat und Daniel Nentwig geschuldet. Ihr Dreh: Sie lassen computerprogrammierte Elemente komplett weg und improvisieren stattdessen mit echten Instrumenten, bis die Stücke sich von selbst ergeben.

Womit wir wieder in Mexiko und der Schwierigkeit wären, mit diesem Bekenntnis zur Einfachheit am Ende eines fünfwöchigen Studioaufenthaltes mit einem fertigen Album dazustehen. „Computer bieten dir eine schier unendliche Fülle von Möglichkeiten“, sagt Øye. „Sie können klingen wie eine Trompete. Sie können auch klingen wie eine Tuba. Wenn du aber zu viert mit nur ein paar Instrumenten im Studio stehst, musst du dich fragen: Was willst du? Du brauchst Regeln.“ Am Ende schaffte es diese elterliche Erkenntnis sogar auf den Plattentitel. Wer sich „Rules“ anhört, ahnt schnell, wieso. Gitarre, Bass, Synthesizer und Schlagzeug, jedes Instrument setzt für sich leichtfüßige, teils verspielte Akzente, fährt den anderen aber nie in die Parade. Gemeinsam lassen sie stets genug Spielraum für Erlend Øyes sanfte Stimme und seine bittersüßen Texte. The Whitest Boy Alive beherrschen die Kunst der geordneten Verspieltheit – verbindlichen Regeln sei Dank.
Nico Cramer