Sie ist Heldenstadt. Messestadt. Musikstadt. Und was nicht alles mehr. Liebenswert sind die Leipziger, zupackend, liberal. Aber auch, auf eine charmante Art, größenwahnsinnig. Sie haben die Wende gewuppt, beinahe Olympia nach Deutschland geholt und untertunneln in einem Mammutprojekt gerade die halbe Innenstadt. Das Reizende am Leipziger Größenwahn ist die Fähigkeit, dabei über sich selbst schmunzeln zu können. Und: Leipzig ist auch die heimliche Hauptstadt der jungen deutschen Literatur.

Die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür, und während der Frühling noch auf sich warten lässt, steht die Literatur bereits in voller Blüte: „Mein Leipzig lob ich mir“, schrieb vor einiger Zeit nicht nur der liebe Herr Goethe, sondern ein paar Jahre darauf sinngemäß auch die Europäische Union. Für eins der gerade so modischen Rankings fragte man nach der Lebensqualität in europäischen Städten. Dass Leipzig dabei deutschlandweit auf dem ersten Platz gelandet ist, hat die Leipziger selbst wohl am wenigsten verwundert. Aber auch Besuchern erschließt sich die besondere Atmosphäre der Stadt recht schnell. Wer den Tag angemessen beginnen will in Leipzig, der geht ins Café Grundmann – dorthin, wo auch die Literaten und Künstler gern einkehren. Man trinkt eine Melange und ein Glas Quittenschorle und beobachtet das Caféhaustreiben, denn im Grundmann geht es schon morgens hoch her.

Vom Café Grundmann aus kommt man, wenn man einen kleinen Bogen schlägt, durch den Clara-Zetkin-Park weiter ins Musikviertel. Mitten im Park liegt die alte Pferderennbahn Scheibenholz. Das Gebäude ist deutlich in die Jahre gekommen. Zwar hat es seit dem Sommer einen neuen Anstrich, aber das alte Dachgerüst aus genieteten Stahlträgern und die hölzernen Bänke besitzen immer noch jenen Charme, der anderswo längst wegsaniert worden ist. Zum Aufgalopp am 11. April wird man hier wieder sitzen, Ferngläser auf den Knien, mit seltsamen englischen Kopfbedeckungen und im Tweedsakko. Kaum jemand wird wirklich eine Ahnung davon haben, wie gut die Pferde laufen oder wie man fachmännisch auf sie wettet, aber alle werden Rotkäppchen-Sekt aus mitgebrachten Wassergläsern trinken.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was Clemens Meyer über das „Dichten-Diplom“ denkt und wie die Kreativen der Szene im Musikviertel leben.
Einer der Bescheid weiß, ist der Schriftsteller Clemens Meyer. Den trifft man hier bei so gut wie jedem Rennen, und neulich hat er sogar einen eigenen Preis gestiftet. Wir gehen am Wasser entlang, von der Rennbahn weiter in Richtung Literaturinstitut, wo auch Meyer studiert hat. „Dichten fürs Diplom“: Clemens Meyer muss lachen und schüttelt ein wenig den Kopf. Der Spruch ist bald überholt. Denn auch am Leipziger Literaturinstitut, Deutschlands erster akademischer Autorenausbildungsstätte, weht ein europäischer Wind. Mit der Einführung von Bachelor und Master gehören die Scherze über die vermeintlichen „Diplom-Schriftsteller“ bald der Vergangenheit an.

Im Musikviertel, ein wenig südlich vom Leipziger Stadtzentrum, dort, wo die Straßen nach Mozart, Bach und Beethoven heißen, sind auffällig viele junge Leute unterwegs: Zierliche Mädchen mit Mandelaugen tragen schwere, weiß lackierte Cellokoffer auf dem Rücken, zwei Jungs in farbverschmierten Overalls schleppen eine mannsgroße Leinwand über einen Hinterhof. Wieder andere sitzen über Bücher oder Manuskripte gebeugt im nahen Café Kowalski. In diesem Teil der Stadt, in der Nachbarschaft des Clara-Zetkin-Parks, sind die Universitätsbibliothek Albertina, die Hochschule für Musik und Theater, die Hochschule für Grafik und Buchkunst und schließlich das Deutsche Literaturinstitut Leipzig angesiedelt. Hinter hohen Bäumen versteckt liegt die Jugendstilvilla des Literaturinstituts.

Aus dem Nachbarhaus an der Straßenecke nebenan dringen bei schönem Wetter die Dreiklänge und Übungen der Musikhochschüler durch die geöffneten Fenster bis auf die Straße. Den beiden Polizisten, die hier hinter einer überdimensionierten Absperrung rund um die Uhr den anderen Nachbarn des Institutes bewachen, das amerikanische Generalkonsulat, scheint es zu gefallen. Zwei Straßen weiter wurde 1955 das erste Literaturinstitut in Leipzig gegründet. Zwei der bekanntesten Absolventen sind Juli Zeh und Clemens Meyer. Was nicht heißen soll, dass aus allen Studenten zwangsläufig gute Schriftsteller werden. Ein eigener Schreibimpuls lässt sich durch nichts ersetzen. Aber: Für das Maß an literarischer Erfahrung, das die erfolgreichen Absolventen in Leipzig gesammelt haben, hätten sie, auf sich allein gestellt, viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte benötigt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum das Literaturinstitut plötzlich zur Party-Location mutiert und wie die Clubszene Leipzigs für schlaflose Nächte sorgt.
Zur Buchmessezeit kann man einen ganz besonderen Einblick ins Literaturinstitut bekommen: nämlich dann, wenn am Messe-Samstagabend die Studenten dort das Erscheinen ihrer eigenen Anthologie feiern, der „Tippgemeinschaft“. Mit Lesung und Releaseparty in der Wächterstraße 34. Die Party gilt als Geheimtipp. Spät nachts nach den Empfängen und Verlagsfeiern fahren hier die Taxis mit den Literaturagenten und Lektoren vor. Diesmal sind sie nicht auf der Suche nach neuen Autoren, diesmal wollen sie nur eins: feiern bis zum Morgengrauen.

Nach dem Rundgang durch die Messehallen und bevor in der ganzen Stadt die Lesungen beginnen, sollte man sich etwas Zeit für Cafés und Kneipen nehmen, zum Beispiel für das Paris Syndrom. So heißt eines der Lieblingscafés der Kunst- und Literaturstudenten im Musikerviertel. Viele Gäste kennen das Paris Syndrom, das abends zur Bar wird, noch unter dem Namen Weezie. Bald heißt es wieder anders, denn das Café gehört zur Galerie für Zeitgenössische Kunst (die Leipziger sagen nur GfZK) und ist selbst ein kleines Kunstprojekt. Alle paar Jahre wird ein international bekannter Künstler beauftragt, Einrichtung und Namen neu zu erfinden. Das Café Telegraph und die Lucca-Bar in der Innenstadt und das Cantona im Süden sind zwei weitere Anlaufstellen, bei denen man tagsüber wie abends mit einem Besuch nichts falsch machen kann.

Auch Leipzigs Clubszene braucht den Vergleich mit anderen Metropolen nicht zu scheuen. Der Indieclub Ilses Erika schafft es seit Jahren in die Top-Listen der Musikmagazine, und mit der Distillery hat auch die Fangemeinde elektronischer Klänge ein nächtliches Ziel, das über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Und die ganz Mutigen können es auch einmal mit der Tradition aufnehmen: In die Weinstuben von Auerbachs Keller darf auch gehen, wer Goethes „Faust“ allen Bildungsambitionen zum Trotz noch nicht gelesen hat. Wer bei seinen Ausflügen ins Leipziger Nachtleben ins Plaudern kommt: Das macht rein gar nichts. Bars, Kneipen und Cafés hatten in Leipzig schon immer ein wenig länger geöffnet, Sperrstunden kennt man nicht. Und viele der Nachtgeister trifft man dann zu ganz später Stunde im FlowerPower wieder. Wer den Weg dahin nicht oder nicht mehr kennt – jeder Taxifahrer findet ihn im Schlaf.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wo Christoph Graebel, einer der Erfinder der Literaturshow „Turboprop“, während der Buchmesse als Nachtschwärmer einkehrt und warum die junge Literatur Leipzig so bunt und lebhaft werden lässt.
Spätestens hier trifft man zur Buchmesse auch die Nachtschwärmer unter den Leipziger wie den zugereisten Literaten. Manchmal landet dort auch Christoph Graebel, einer der Erfinder der Literaturshow „Turboprop“, die früher in den Kellern von llses Erika Kultstatus erlangte. In diesem Jahr wird sie gemeinsam mit MDR Sputnik auf der Litpop im Neuen Rathaus stattfinden, mit Gästen wie Benjamin Lebert, Sarah Kuttner und Feridun Zaimoglu. Auch dort wird zu Beginn noch der Gitarrenriff aus dem Sylvester-Stallone-Klassiker „Rocky“ ertönen, der Schriftzug Turboprop wild auf der großen Leinwand flackern – zum Auftritt zweier junger Herren im Anzug. „Wir wollen etwas aufwirbeln, wenn es um die Präsentation von junger Literatur geht“, sagt Moderator Graebel. „Eine normale klassische Lesung kann eine ganz schön langweilige Sache sein.“

Die Mischung aus Improvisation und Planung macht den Charme der Clublesereihe aus. Mit dem Gast wird über das Leben und die Literatur geplaudert, während DJ Tim Hespen als Kommentar kleine Samples abspielt und damit den Herren Moderatoren auch dann und wann eine Brücke baut, wenn die eine künstlerische Pause brauchen. Anstrengend wird es für die Moderatoren in der Rubrik Live-Lektorat: Da müssen sie einen eigenen, kurzen Text vortragen, den der Gast fachmännisch begutachten soll. Es kommt vor, dass die Manuskriptseiten im bereitstehenden Papierschredder landen.

Etwas ruhiger geht es an einem anderen Ort der Literatur in Leipzig zu. Clemens Meyer ebenso wie die Dichterin Ulrike Almut Sandig legen ihn Literaturbegeisterten in Leipzig gleichermaßen ans Herz: die Connewitzer Verlagsbuchhandlung von Peter Hinke. Als Verleger ist der nachts schon mit Ulrike Almut Sandig herumgezogen und hat Plakate für ihr Projekt „Augenpost“ geklebt. Da hatte sie noch keine zwei Lyrikbände herausgebracht, keine bedeutenden Preise eingeheimst. Hinke, der die Nase eines Trüffelschweins hat, wenn es um den Nachwuchs der jungen deutschsprachigen Literatur geht, wusste trotzdem, was für ein Talent er vor sich hatte. Er veröffentlichte Sandigs ersten Lyrikband „Zunder“ in seiner als „schönste Buchreihe Deutschlands“ ausgezeichneten Edition Wörtersee.

Wir treffen Peter Hinke über Kisten voller Bücher gebeugt. Die Messe wirft ihre Schatten weit voraus, er packt Unmengen von Bänden für den größten Büchertisch der Messe, den für die „Lange Leipziger Lesenacht“, eine Art Mutter aller Lesungen. Die Lesenacht – kurz L3 – ist die Entdeckerveranstaltung für junge deutschsprachige Literatur. Wenn sich in diesem Jahr pünktlich um 19 Uhr am Buchmesse-Donnerstag die Türen der Moritzbastei öffnen, wird sich die Schlange der Literaturinteressenten draußen wieder über den ganzen Hof winden. Das Interesse an den jungen Wilden des Literaturbetriebs ist ungebrochen, mehr als 1000 Besucher waren es bislang immer. Sie erwartet in den mittelalterlichen Gewölben der Moritzbastei, die so schöne und sonderbare Namen tragen wie Schwalbennest, Oberkeller, Ratstonne oder Veranstaltungstonne, auch in diesem Jahr wieder ein Berg junger Literatur. Sehr hoch und sehr bunt.
Claudius Nießen

Über den Autor: Claudius Nießen, geboren 1980 in Aachen, arbeitete als Reporter unter anderem für den WDR. Seit 2008 ist er Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, wo er selbst studiert hat.