Ich kenne meine Nachbarn nicht, keinen einzigen. Ich habe auch, von Ausnahmen abgesehen, keine Freunde in meiner Stadt. Die meisten Leute, mit denen ich mich gut verstehe, kommen aus Jakarta, Kapstadt und Belgrad, Seattle und Buenos Aires, Valencia, Osaka und von sonstwo. Ich habe sie noch nie gesehen und noch nie mit ihnen geredet. Trotzdem fühle ich mich mit ihnen verbunden, da sie dieselben Filme mögen wie ich, dieselbe Musik hören, dieselbe Kleidung mögen und politisch auf meiner Linie sind. Woher ich das weiß? Ich lese ihre Blogs. Früher hatte ich eine Tageszeitung abonniert. Ich las die Meinung von Redakteuren, während ich frühstückte. Heute schalte ich sofort nach dem Aufstehen den Rechner an. Ich sitze dann kauend vor dem Bildschirm und informiere mich über das Leben anderer Leute.

Warum tue ich das? Ich könnte wie folgt argumentieren: Blogs kommen mir nicht nur realistischer vor als die Tageszeitung, sie sind es auch. Sie demokratisieren die Meinung und schaffen Aufmerksamkeit für Spartenthemen. Sie sind die einzige wahre Waffe gegen Medienzensur, weil nicht mehr jeder Chefredakteur vorsortieren kann, was ich lese. So habe ich zum Beispiel, das ist jetzt ein eher profanes Beispiel, eine fantastische Fernsehserie namens „Brotherhood“ nur entdeckt, weil ich davon in einem Filmblog las. Warum auch hätte sie in einem deutschen Magazin auftauchen sollen? Sie lief vor mehr als zwei Jahren im amerikanischen Sender Showtime, wurde hier nie gesendet, war also für Leser tendenziell uninteressant. Natürlich sind Blogs auch eine wunderbar subversive Sache, weil man aus Ländern wie Saudi-Arabien, Kuba und Burma erfahrungsgemäß keine Informationen aus unabhängigen journalistischen Quellen enthält. Blogs schaffen im Idealfall eine Gegenöffentlichkeit. Andererseits: Wer überprüft Blogs schon auf ihren Wahrheitsgehalt? Vor nicht allzu langer Zeit war ich im Fitnessstudio, das tue ich manchmal. Ich werde dort in der Regel von pumpenden und schwitzenden Männern in Gespräche über Fußball verwickelt. Dabei sind diese Unterhaltungen aber alles andere als oberflächlich, sind doch die Bodybuilder allesamt große Kenner der Materie.

Ist das fremde Wissen auch alltagstauglich? Vielleicht sogar demokratisierend? Was Philipp Kohlhöfer dazu meint, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Häufig geht es dann um Fragen wie „Wer heißt eigentlich dieses junge Talent, das bei der Klub-WM in Japan für den tunesischen Verein Etoile Sportive du Sahel stürmte?“. In der Vergangenheit stand ich dann isoliert in der Gegend herum, weil ich dazu nichts zu sagen hatte. Mittlerweile lese ich regelmäßig einen internationalen Fußballblog namens TheOffside.com und habe mir dadurch fremdes Wissen angeeignet, dass ich als eigenes ausgebe. Neulich, als in unserer Studiorunde die Frage nach dem Absteiger in der dritten griechischen Liga gestellt wurde und ich auf einen Club schwor, dessen Namen ich jetzt schon wieder vergessen habe, ruinierte ich mir damit den Rücken. Ich war mir meiner Sache so sicher, dass ich nassforsch Folgendes behauptete: „Wenn das falsch ein sollte, mache ich Kniebeugen mit 150 Kilo Gewicht auf den Schultern.“ Es kam, wie es kommen musste: Ich lag daneben. Bei der Wetteinlösung fiel ich, was Wunder, mit der Hantelstange nach hinten um. Das Gewicht war zu schwer für mich. Das war insofern ärgerlich, als dass ich etwa eine Woche lang weder richtig laufen, noch gehen, noch stehen, noch liegen konnte. Mein Rücken hatte mehrere Tage eine ins Tiefblau gehende Färbung.

Blogs, das lernte ich spätestens da, sind also auch dafür verantwortlich, dass jeder seinen privaten, noch so irrelevanten Kram weltweit publik machen kann. Sie verstopfen das Internet mit uninteressantem Mist und stehlen mir die Zeit. So las ich vor kurzem in einem Blog der „Süddeutschen Zeitung“, dass U2-Sänger Bono jetzt eine Kolumne in der „New York Times“ habe. Der Text sei okay gewesen, schrieb ein Redakteur, aber er und Bono hätten eine unterschiedliche Auffassung zur Musik Frank Sinatras. Aha. Was soll das? Genauso gut könnte ich mich fragen, was denn wohl der Vater des Bürgermeisters von Schanghai darüber denkt, dass Yvonne Catterfeld Romy Schneider in einer deutsch-französischen Kinokoproduktion darstellt.

Viel geschrieben, nix gesagt: Wozu lesen wir Blogs eigentlich? Und warum können sie zur Sucht werden? Die Antworten erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Also, warum lese ich Blogs? Die Wahrheit ist: Ich tue es, weil es mich wärmt. Ich gebe zu, das klingt einigermaßen dümmlich, aber der Reihe nach: Ich habe ein Haustier, ein Kaninchen namens Hase. Hase litt vor ein paar Monaten an üblem Fieber, und natürlich war ich beim Tierarzt. Mehr Hilfe fand ich allerdings in einem Nagetierblog. Ich bekam dort nicht nur Tipps zur Versorgung des Tiers, sondern konnte auch mit anderen Kleintierfreunden über die Existenz von Krankheiten im Allgemeinen jammern. Der Blog war mein Kummerkasten, mein Kaminfeuer, mein bester Freund. Ich bekam dort ein heimeliges „So ist es richtig“-Gefühl. Als ich jüngst eine Hose kaufen wollte, eine schnöde Jeans, nichts Besonderes, besuchte ich einige Webshops und konnte ich mich nicht entscheiden: lieber klassisch geschnitten oder eng? Bootcut oder Karottenform? Ich erinnerte mich an die Ratschläge aus dem Hasenblog und fragte mich, ob es so etwas auch in Modekreisen gäbe. Ich suchte einen Modeblog, fand Hunderte und verlor mich in der Welt des Styles. Und tatsächlich: Ich wurde inspiriert. Weil es erneut funktioniert hatte, erhöhte ich die Dosis. Und erhöhte sie. Und erhöhte sie.

Mittlerweile suche ich die Meinung und das Leben anderer Leute zu jeder Tageszeit. Ich schaffe es kaum noch, mich allein zu entscheiden. Meine Blogleidenschaft ist mittlerweile wohl zur Sucht geworden, da ich bei fast allem, was ich tue, meine imaginären Freunde frage. Es werden täglich mehr. 2005 untersuchte das Singapore Internet Research Center 1200 verschiedene Blogs. 73 Prozent der Blogs waren so genannte personal blogs, nur 27 Prozent waren non-personal. Beide Gruppen unterschieden sich hinsichtlich ihrer Bildung, ihres sozialen Standes und ihres Geschlechts. Non-personal blogger sind in der Regel Männer mit höherer Bildung und einem höheren Einkommen. Sie schreiben Blogs nicht, weil sie ein großer Freund von Mode sind, sondern weil sie eine politische oder kulturelle Information teilen möchten, von der sie denken, dass die Welt sie benötige.

Schöne neue Welt: Warum Blogs das Selbstbewusstsein stärken und vielleicht sogar einen Präsidenten aus uns machen kann, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Diese Art von Blogs macht Magazinen Konkurrenz, hier werden sogar Anzeigen geschaltet. Sie sind diejenigen, die die Diskussion in der Öffentlichkeit bestimmen. Der große Rest quatscht einfach drauflos. Der Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz von der Technischen Universität Berlin erklärt das damit, dass Anonymität das Selbstbewusstsein stärke. Menschen könnten per Internet ihre Existenz beweisen, was wiederum ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit steigen lasse. Neulich schrieb ich Jen aus Brooklyn eine E-Mail. Ich hatte ein Bild ihres Frühstücksbrötchens gesehen, und irgendwie hatte ich Lust bekommen, am nächsten Tag ein Marmeladenbrötchen zu verzehren. Ich bedankte mich für die tolle Idee (ich gebe zu, die Idee mit dem Brötchen ist nur semioriginell, und ich tat das in erster Linie deswegen, weil Jen groß und blond ist und es ja nie schaden kann, Bekannte in New York zu haben). Ich weiß nicht, ob ich ihr dabei half, sich ihrer Existenz bewusster zu werden, ich hoffe es jedenfalls. Sie hat sich nie bei mir gemeldet. Vielleicht, dachte ich, liegt das daran, dass ich keinen eigenen Blog habe, weswegen ich jetzt überlege, mir so etwas einzurichten. Außerdem soll noch mal was aus mir werden. Barack Obama hatte ja auch einen Blog. Und was aus dem geworden ist, ist ja bekannt.
Philipp Kohlhöfer