Trinken hat in Russland Tradition. Vor allem ist es aber ein gesellschaftliches Ereignis und eine Sympathiebekundung, weswegen man eine Einladung zum gemeinsamen Wodkakonsum auf keinen Fall ausschlagen sollte. Die besondere Bedeutung für Russen ist schon am Wort selbst ersichtlich, schließlich ist „Wodka“ eine Verniedlichung von „voda“, dem russischen Wort für Wasser. Und genau so, pur und zu jeder Gelegenheit, wird er auch genossen. 1,3 Milliarden Liter Wodka tranken die Russen im letzten Jahr, offiziell. Tatsächlich, so schätzt zumindest das russische „Institut für die Erforschung der regionalen Alkoholmärkte“, rinnen wohl eher zwei Milliarden Liter durch die Kehlen, inklusive Selbstgebranntem und Spezialitäten wie Badewannenreiniger und Industriealkohol. Im Durchschnitt entspricht das 17 Liter reinen Alkohols pro Jahr und Russe: Weltrekord.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wann man unter Russen als Säufer gilt und warum man seine Frau während des Umtrunks ins Kino schicken sollte.

Auf ein Wetttrinken sollte man sich nicht einlassen. Angebrachter ist es, wenn man zu Beginn des Gelages frisches Brot mit Salz anbietet. Zwar wird das auch innerhalb des Landes längst nicht mehr immer gemacht, ist aber ein alter russischer Brauch, mit dessen Übernahme man sich an russischer Tradition interessiert zeigt. Schaden kann es auch nicht, seine Frau während des Umtrunks ins Kino zu schicken, schließlich dient der gemeinsame Alkoholkonsum bei den Russen dazu, Männerbünde zu schmieden – sagt zumindest der britische Russlandexperte Geoffrey Hopkins, Historiker an der Columbia Universität in New York. Männer sind es aber auch, die, rein statistisch betrachtet, das größte Problem mit dem Alkohol haben: Aufgrund des hohen Wodkakonsums sterben Russen schon mit durchschnittlich 59 Jahren.

Aber nur, wer zum Trinken nichts isst, gilt unter Russen als Säufer. Fleischbällchen, eingelegtes Gemüse, diverse Suppen und Schinken aufzutischen bringt daher nicht nur Sympathiepunkte, sondern macht auch deutlich, dass man sozial gefestigt ist und ausschließlich der Geselligkeit wegen trinkt. Und das ist nicht zu unterschätzen, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Die Russen seien „große Trinker und stolz darauf“, meldete beispielsweise der Botschafter Venedigs 1476 nach Hause. Außerdem soll sich schon der Kiewer Großfürst Wladimir, Vorvater des modernen Russland, nur deswegen für das Christentum und gegen den Islam entschieden haben, weil „Trinken die Freude unseres Reiches ist und wir nicht ohne es auskommen können“. Also, Gläser hoch und Na Sdorov’e („auf die Gesundheit“)! Philipp Kohlhöfer