Zuweilen darf man als Motorjournalist auch Autos fahren, die ansonsten nur ein paar Ingenieure auf geheimen Versuchsstrecken bewegen. Dann fragt man besser nicht nach dem Wert des Prototypen – sonst wird die Fahrt zur Horrorpartie: Man misstraut jedem Fußgänger und wird zum Schleicher, der den restlichen Verkehr in den Wahnsinn treibt. Man sitzt also mit Respekt in jedem dieser Fahrzeuge – zumal wenn man den Wagen mit der Fahrgestellnummer 007 zugeteilt bekommen hat.Als erster Hersteller von Premium-Automobilen baut BMW eine Flotte von 500 elektrisch betriebenen Mini E für den Alltag. Das ist einerseits eine gute Nachricht – andererseits werden diese Prototypen im Rahmen eines Pilotprojekts nur ausgewählten Kunden in den US-Bundesstaaten Kalifornien, New York und New Jersey zur Verfügung gestellt und nach einem Jahr wieder eingesammelt. „Der Mini E wird in absehbarer Zeit definitiv nicht zu kaufen sein“, dämpft Wolfgang Armbrecht, Mini-Markenchef, vorschnelle Erwartungen. Man wolle zuerst einmal prüfen, ob die Fahrzeuge, die von einem 150 kW (204 PS) starken Elektromotor angetrieben werden, überhaupt alltagstauglich sind.


Nach 110 Jahren ist die Zeit reif
Bevor wir uns näher mit der Zukunft von Elektrofahrzeugen beschäftigen, sollten wir kurz 110 Jahre zurückgehen: Am 29. April 1899 war ein Elektrofahrzeug das schnellste Auto der Welt: Camille Jenatzy erreichte mit der Jamais Contente erstmals mehr als 100 Kilometer in der Stunde. Danach war das Thema erledigt, die Batterien zu schwach und der Verbrennungsmotor deutlich effizienter.Doch nun, da sich das Ende des Verbrennungsmotors zur Mitte dieses Jahrhunderts abzeichnet, beginnt die Renaissance: Von der Politik gefordert, vom Publikum interessiert betrachtet, von der Industrie mit Bauchweh entwickelt. Denn das große Problem ist die Speicherkapazität der Batterien. Im Mini E beanspruchen die Lithium-Ionen-Batterien, die ihren Teil zu dem saftigen Leergewicht von 1465 Kilogramm beitragen, fast den ganzen Platz hinter den Vordersitzen. So wird der Mini zum reinen Zweisitzer mit rudimentärem Kofferraum, der in 8,5 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt. Die Reichweite? Je nach Fahrweise zwischen 170 und 250 Kilometer. Und die Ladezeit? Je nach der zur Verfügung stehenden Stromstärke zwischen drei und 26 Stunden.


Ein neues Fahrgefühl
Vieles, was man von anderen Autos gewöhnt ist, kann man im Mini E vergessen. Schalten zum Beispiel. Ein Einganggetriebe reicht die Kraft nahezu lautlos und emissionsfrei an die Vorderräder weiter. Der Mini E beschleunigt aus dem Stand, als gäbe es kein Morgen – typisch für einen E-Antrieb. Doch kein Motor heult auf, er brummt nicht mal. Nur die Kühlventilatoren surren, dazu kommen die Abrollgeräusche der Reifen, und bei höherem Tempo pfeift der Wind. Endlich lohnt es sich, in ein ordentliches Soundsystem zu investieren. Wann werden wir auch in München, Hamburg oder Köln lautlos durch die Stadt fahren und den Wagen an der Garagensteckdose tanken? Mindestens zehn Jahre, so Experten, werde es dauern, bis die nächste Batterietechnologie größere Reichweiten und schnellere Ladezeiten ermöglicht – entscheidend für einen Durchbruch. Viel Zeit. Stromkonzerne sollten sie nutzen und sich Gedanken darüber machen, wie sie dann den Ökostrom für all die Elektroautos produzieren.
Jürgen Lewandowski