Es ist ganz einfach. Man muss nur die fantastische, mittlerweile leider nur noch semilegendäre Band „Guns N‘ Roses“ und deren 1988 veröffentlichtes Lied „Paradise City“ hören. Axl Rose, der Sänger, singt da: „Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty. Oh, won’t you please take me home.“ Und genau das ist der Punkt: Paradise City und Zuhause sind das Gleiche. Wer hätte das gedacht? Natürlich stimmt das nicht immer und ist stark verallgemeinert, aber bei normalen Mittelstandskindern mit normalem Elternhaus ist das, was auf den ersten Blick sehr verabscheuenswürdig und spießbürgerlich klingt, tatsächlich ziemlich erstrebenswert. Ist die These zu gewagt? Ich glaube nicht.

Keine Frage, Heimweh kann manchmal sehr ungemütlich sein. Man wird krank, hängt Gedanken nach, die sich im Nirgendwo verlieren, ist völlig unkonzentriert, betrinkt sich, vertelefoniert riesige Summen und findet eigentlich alles mies. Denn Heimweh ist eben doch nicht nur die Lust auf Schwarzbrot, die alle diejenigen haben, die rausgekommen sind und jetzt als Tauchlehrer auf einer Insel im Pazifik arbeiten. Es ist die Sehnsucht nach etwas: vielleicht Heimat, wahrscheinlich Sicherheit. Aber auch das erklärt Heimweh höchstens halb, denn Sicherheit und Heimat kann man eigentlich überall finden. Sollte man denken. Meine Pazifikinsel war ein kleines Dorf im Südwesten Englands mit sanften Hügeln und alten Herrenhäusern, Mauern aus Feldsteinen und Nebel, der sich nachts über den Fluss legte, um sich erst mit der Morgensonne wieder zu erheben. Und einem Pub, in dem man besser nicht gegen die kräftige Kellnerin Darts spielen sollte.

Meine Insel war auch eine Großstadt mitten in Europa, wo ich von meiner Dachterrasse über die Stadt sehen konnte und an tristen Samstagnachmittagen allein in einer Bar saß und schlechte Gedichte schrieb. Ich bin aus vielen Gründen weggegangen: um ein besserer Mensch zu werden, für einen Job, aus Liebe. Nichts davon hat richtig gut funktioniert. Ich bin immer zurückgekommen. Den schönsten Sonnenuntergang meines Lebens habe ich über dem Pazifik gesehen, am Seal Rock in San Francisco, und den schönsten Sonnenaufgang nach einer durchtanzten Nacht von einem Hügel oben über der griechischen Insel, auf der meine Großeltern sich ineinander verliebt haben. Aber das waren One-Night-Stands und Affären gegen die ewige Liebesgeschichte mit meiner Stadt. Die Fremde kann so aufregend sein wie eine leidenschaftliche Nacht, aber so, wie Sex besser wird mit Liebe, mit Nähe und mit Zeit, so wächst die Seele mit der Heimat zusammen und baut aus den Gerüchen und Gefühlen, den Momenten und den langen Tagen, an denen eigentlich nichts passiert, etwas zusammen, das mehr ist als nur die Summe aller Teile. Und ich bin offenbar nicht der einzige, dem das so geht.

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Vor allem an amerikanischen Colleges ist Heimweh eine Angelegenheit, die offenbar sehr ernst genommen wird, schließlich haben so viele von ihnen eigene Broschüren für Heimwehgeplagte, dass sich die „New York Times“ im Juni 2007 sogar genötigt sah, einen Text über das Phänomen zu veröffentlichen. Am Bostoner Massachusetts Institute of Technology, weltweit eine der führenden Universitäten im Bereich der technologischen Forschung, werden Heimwehkranke sogar in einem eigenen Institut betreut. Dort gibt es neben Tipps („Iss regelmäßig“, „Gehe unter Leute und rede mit ihnen“, „Benutzte einen Kalender, damit du siehst, dass die Zeit, in der du nicht zu Hause bist, bald ein Ende hat“, „Fahre nicht an jedem Wochenende nach Hause, denn das verschlimmert den Schmerz“), auch die Notrufnummer des Gesundheitszentrums der Universität und Meditationsanweisungen für akute Anfälle.

Einen solchen hatte wohl auch Samaj Booker, ein damals neunjähriger Junge aus Seattle, vor zwei Jahren. In einem Vorort der Stadt stahl er ein Auto, um nach Dallas zu fahren. Er war dort aufgewachsen, aber mit seiner Mutter an die Nordwestküste der USA gezogen. Erst in San Antonio im Nordwesten von Texas, 3000 Kilometer entfernt, wurde er von der Polizei erwischt, was einfach nur daran lag, dass er mit 150 Kilometer pro Stunde etwas schneller fuhr als erlaubt. Als die Polizei den Jungen zu seiner Mutter zurückgebracht hatte, war er am nächsten Morgen erneut verschwunden. Er wurde am Flughafen erwischt, als er versuchte in die Maschine nach Dallas zu wechseln – wieder in San Antonio. Er könne nicht anders, sagte er den Polizisten, als sie ihn zum zweiten Mal wieder nach Hause brachten. Er habe einfach Heimweh gehabt.

Das Gefühl ist sogar so stark, dass es nicht nur Menschen befällt. Als China im Dezember dem Zoo der Stadt Taiwan zwei Pandabären zwecks Versöhnungsgeste schenkte, waren beide Tiere so unglücklich über den unfreiwilligen Umzug, dass jedes von ihnen knapp fünf Kilogramm abnahm. Das sei eben so, sagte der zuständige Zoodirektor, ein Mann namens Lin Hua-Ching, der „China Post“, Pandas litten immer unter dem Verlust ihrer alten Umgebung. Er erklärte das mit Heimweh. Selbst, aber das ist jetzt zugegebenermaßen etwas gestelzt, der Steiff-Teddybär hatte Heimweh. Jedenfalls war das in einem Kommentar der „Badischen Zeitung“ im Juli 2008 zu lesen. Hintergrund war, dass Steiff die Bärenproduktion von China nach Deutschland zurückverlegte. Zwar hatte der Schritt rein wirtschaftliche Hintergründe, die Qualität der in Asien produzierten Tiere war zu schlecht, „Heimweh“ klingt in jedem Fall aber romantischer als „Geld verdienen“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Heimweh in den USA ein großes Geschäft ist und warum diesmal wirklich die Schweizer etwas damit zu tun haben.
Dabei ist Heimweh selbst ein großes Geschäft, vor allem in den USA. Einfach nur mal „Homesickness“ in die Suchmaschine tippen und man wird von einem Wust von DVDs, Büchern und CDs zugeschüttet. Es gibt Seminare, spezielle Ferienlager, und auf Hypnosisdownloads.com kann man Anweisungen für die Anti-Heimweh-Hypnose im Wohnzimmer erwerben – was nur 12,95 Dollar kostet, inklusive einer Geld-zurück-Garantie, falls es nicht funktioniert. Aber warum nicht dazu stehen? Warum nicht Heimweh zulassen? Zum einen passt Heimweh nicht schlecht zu unserem gemütlichen Neo-Biermeier, zum anderen gibt es auch keinen Grund, sich dafür zu schämen. Ich habe versucht wegzugehen. Und ich habe die Freiheit genossen, zu sein, wer ich wollte. Denn das ist doch der Reiz der Ferne: Neues zu erleben, vielleicht sogar an sich selbst – ohne das Gepäck von Gewohnheiten, Abhängigkeiten und Erinnerungen. Fernweh ist die Sehnsucht nach einer anderen Zukunft. Es verspricht Abenteuer und Entwicklung.

Ohne Fernweh ist das Leben wahrscheinlich fast vorbei. Alles Neue, all die Erfahrungen und Erlebnisse haben aber keinen Sinn, so lange man sie nicht einbaut in seinen Seelenhaushalt. Aber was hat Heimweh damit zu tun? Welchen Sinn hat das Gefühl? Beim Antagonisten des Heimwehs scheint es klar: Fernweh ist Neugier, Forscherdrang, Wissenwollen. Aber Heimweh? Weil das niemand wusste, galt es ab dem 16. Jahrhundert als schwere Krankheit, die durch eine Veränderung der gewohnten Umgebung und eine unterschiedliche Beschaffenheit der Luft ausgelöst werden konnte; jedenfalls taucht das Wort mit dieser Erklärung 1569 in einem Schreiben an den Rat der Stadt Luzern zum ersten Mal auf. Eine medizinische Karriere schlug Heimweh aber erst ab 1688 ein.

Der Schweizer Arzt Johannes Hofer erfand das Kunstwort „Nostalgia“, griechisch für Heimkehr (nostos) und Schmerz (algos) und beschrieb den Grund des Leidens: Bei den Heimwehkranken blieben die Lebensgeister in jenen Fasern des Gehirns gebunden, in denen die Vaterlandsidee eingeprägt sei. Sie könnten so nicht mehr in andere Teile des Gehirns gelangen und deren Funktionen unterstützen. Heimweh führe daher zu Melancholie, Entkräftung, Auszehrung und Fieber. In schlimmen Fällen könne sogar der Tod eintreten. Betroffen seien in erster Linie Schweizer, vor allem, „wenn sie sich an solchen Orten aufhalten, die wässerig und dem Meere nahe sind“, was, so Hofer, daran liege, dass sie so natürlich geblieben seien, verglichen mit den restlichen Europäern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Heimweh wichtiger ist als alles, was Du mit Geld erreichst.
Natürlich waren die Schweizer nicht sensibler als andere, nur ärmer, weswegen sie als Söldner in verschiedenen europäischen Heeren dienten und, weil sie eben mehr rumkamen, eher Heimweh hatten. Bis zum Mittelalter benutzten übrigens nur Theologen das Wort und meinten damit die Sehnsucht nach dem Paradies. Dass dieser Garten Eden ein Ort auf Erden sein könnte, dafür gibt es heute so wenig Indizien wie damals – aber heute sehnen sich zumindest Hessen in der Ferne heim nach Hessen, was Beweis genug dafür sein sollte, dass es beim Heimweh nicht um das Paradies gehen kann. Aber wer ist schon stark genug, vor seinen Freunden zuzugeben, dass die Eltern, die kleine Schwester und die holzvertäfelte Wohnzimmerdecke wirklich das Paradies ausmachen?

Wenn der letzte Umzugskarton ausgepackt ist und einem ein blödes Foto aus der Vergangenheit in den Schoß fällt, ist da plötzlich ist dieses traurige Ziehen in der Magengegend, dieser sehnsüchtige Appetit auf das, was jetzt so weit weg ist. Heimweh in der Fremde erinnert uns daran, dass die Heimat, die wir hinter uns gelassen haben, gar nicht so schlecht ist. Einmal, als ich nach Jahren in der Fremde wieder einmal in meine Stadt eingeflogen kam und die Maschine die Wolkendecke über den Straßen und Häusern durchstieß, konnte ich im Landeanflug das Haus sehen, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Eltern wohnen dort längst nicht mehr, aber im Garten müssen noch Schätze vergraben sein, die ich als Kind dort vor räuberischen Piraten und anderen Schurken in Sicherheit gebracht hatte, unter einem wild wuchernden Rhabarber, der nicht einmal dadurch umzubringen war, dass wir ihn in unser Fußballfeld integriert haben.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, was dort alles liegt. Ich nehme an, es müssen Quartettkarten sein mit amerikanischen Musclecars, Angelhaken, Schnur und wasserfeste Zündhölzer (ich war darauf eingerichtet, dass die Schurken das Haus einnehmen und den Zugang zur Vorratskammer sperren würden). Ich starrte aus dem Flugzeugfenster auf das Stückchen Rasen und versuchte vor meinem inneren Auge ein Bild entstehen zu lassen, von dem, was sich dort abgespielt hat. In diesem Moment wurde ich melancholisch und zugleich glücklich wie selten zuvor. Dieses Gefühl war nicht angenehm und trotzdem das beste der Welt. Ich spürte plötzlich, ich war angekommen. Ich spürte, dass Geborgenheit wichtiger ist als alles, was man mit Ehrgeiz und Geld erreichen kann. Du kannst das Gefühl weder abstellen noch wirklich bekämpfen. „Heimweh“, sagt schon 1925 der Psychologe Karl Marbe, „ist ein normales Verhalten normaler Leute.“ Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Jens Kallweit